Stoppt die Priorisierung und gebt die Corona-Impfungen für alle frei. Und nicht nur das muss sich beim Kampf gegen die Pandemie ändern, meint unser Autor. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Meinung

Weg mit der Priorisierung: Ab sofort sollte jeder gegen Corona geimpft werden, der will

Es war richtig, zu Beginn der Corona-Impfungen erst die besonders Gefährdeten zu impfen. Unser Autor meint: Jetzt muss diese Priorisierung aber ein Ende haben, und noch etwas muss sich ändern.

Als die Impfungen gegen das Coronavirus kurz nach Weihnachten begannen, gab es einen klaren Kurs. Zuerst werden die Schwachen der Gesellschaft geimpft. Die Alten, die Pflegebedürftigen und die, die sie betreuen.

Das war sowohl ein Gebot des Anstands und der Rücksicht auf die besonders Schwachen als auch ein Gebot der Vernunft. Schließlich hatte man gesehen, dass die Alten und Schwachen besonders schwer an Covid 19 erkranken. Die Folge: Von ihnen landeten viel mehr in den Kliniken und auf den Intensivstationen und brachten diese an ihre Belastungsgrenze.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Ein Großteil der besonders gefährdeten alten Menschen ist geimpft, ihr Anteil an den Patienten auf den Intensivstationen ist deutlich gesunken. Auf der anderen Seite drohen die Intensivstationen trotzdem jetzt wieder wegen völliger Überlastung an den Rand der Handlungsunfähigkeit zu kommen.

Die Ursache dafür liegt in der seit längerem extrem hohen Zahl an Neuinfektionen. Auch wenn Jüngere nicht so oft so schwer an Covid 19 erkranken wie Hochbetagte, erwischt es doch einen gewissen Prozentsatz von ihnen. Und diese landen dann eben auch auf den Intensivstationen. Die Zahl der freien Betten dort schwindet in erschreckender Weise.

Und was machen wir beim Impfen? Wir tun so, als ginge uns das alles nichts an, halten stur an unserem einmal ausgetüftelten supergerechten Detail-Plan fest, wer genau wann sich einen Impftermin besorgen darf. In dem Bemühen, die absolut perfekte Route zu unserem Reiseziel zu finden, vergessen wir schlicht, aufs Gaspedal zu drücken. „Fahrt doch endlich, Leute, fahrt“, möchte man ihnen zurufen, oder besser: „Impft doch endlich, Leute, impft!“

Wir Deutschen neigen in Sachen Organisation zum Perfektionismus: Donnerstag verkündete das Land stolz, dass ab Montag Impftermine für die Geburtsjahrgänge 1944 und 1945 vergeben werden. Ich sehe das anders: Darüber sollte man sich nicht freuen, sondern dafür sollte man sich schämen.

Hier geht es doch nicht darum, wer als erster eine Freikarte für einen Zoobesuch erhält. Da wäre so ein bürokratisches Vorgehen akzeptabel. Hier geht es um das Überleben nicht nur unseres Gesundheitssystems, sondern letztlich unserer ganzen Gesellschaft. Die einzige Hoffnung, aus dieser alptraumhaften Pandemie schnell herauszukommen, besteht darin, möglichst rasch möglichst viele Menschen zu impfen.

Daher müssen alle aufgetürmten Barrieren zu einer Impfung so schnell wie möglich aus dem Weg geräumt werden. Die Menschen, die sich beispielsweise aktuell um dieses komplette Terminmanagement kümmern, die könnte man mit Sicherheit an anderer Stelle der Corona-Bekämpfung besser einsetzen. Deshalb sollte die Priorisierung jetzt, wo die besonders gefährdeten Menschen eine Impfung erhalten haben, aufgehoben werden. Und zwar sofort.

Gleichzeitig sollten die Hausärzte mit so viel Impfstoff versorgt werden wie nur irgend möglich. Zudem sollte ihnen freie Hand dabei gelassen werden, wen sie zuerst impfen. Sie wissen das schließlich viel besser als irgendwer sonst. Möglicherweise braucht nämlich eine 30-jährige Frau eine solche Impfung viel dringender als ein topfitter 70-Jähriger. Lasst endlich die Hausärzte ran und hört auf, sie zu gängeln.

Dafür sprechen auch zwei andere Argumente: Bisher schauen – mit Ausnahme einiger besonders wichtiger Personengruppen – Menschen bis zu 59 Jahren in die Impf-Röhre. Also genau diejenigen, die mit ihrer Arbeit diese Gesellschaft erst bezahlen und am Leben erhalten. Das sind darüber hinaus diejenigen, die – je nach ihrem Beruf und Arbeitsplatz – viel mehr Kontakt mit anderen Menschen haben müssen als andere.

Ein Rentner oder Pensionär kann seine Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Eine Kassiererin beim Aldi, eine Verkäuferin beim Bäcker, ein Maurer, Installateur, Maschinenbauer, Schlosser, Postbote, Tankwart und ganz viele andere können das eben nicht. Damit sie das Virus nicht bewusst oder unbewusst weiter verbreiten, ist es gesamtgesellschaftlich sinnvoll, sie so schnell wie möglich zu impfen. Das ist mindestens so sinnvoll wie einen 70-jährigen Rentner zu impfen, der seine Wohnung nur zum Einkaufen verlassen muss. Die Priorisierung hätte sich damit erledigt.

Und noch etwas anderes muss sich ändern: Bisher wird nicht nur in Nordrhein-Westfalen für jede Erstimpfung eine Impfdosis für die zweite Impfung des Betroffenen zurückgelegt. In einer perfekten, bis auf das letzte Staubkorn aufgeräumten, durchorganisierten Welt mag das sinnvoll sein, jetzt ist das einfach nur dumm und verhängnisvoll.

Es steht fest, dass schon eine erste Impfung einen großen Schutz vor einer Corona-Erkrankung bietet. Deshalb muss jetzt jede Dosis in den Arm eines Menschen gespritzt werden, so schnell wie möglich. Die Angst davor, dass dann vielleicht in sechs, acht Wochen das Mittel für die zweite Dosis fehlen könnte, scheint angesichts der jüngsten Zusagen der Impfstoffhersteller unbegründet zu sein.

Es mag ein überschaubares Restrisiko bleiben, dass es in einem Vierteljahr zu einem Engpass kommen könnte. Das aber ist nur ein mögliches Restrisiko. Was aber kein Risiko, sondern ein Fakt ist: Jetzt, wirklich jetzt werden zu wenige Menschen geimpft. Und das muss sich ändern, und zwar sofort. Das ist mit Sicherheit eine schärfere Waffe gegen das Virus als den Menschen zu verbieten, nachts auf die Straße zu gehen.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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