Tanja (44) und Hubert (73) Ketteler vor ihren Glanrindern in Ramsdorf. Tochter und Vater haben den Betrieb vor elf Jahren auf Bioland umgestellt und schlachten mitten auf der Weide. Zum Wohl ihrer Tiere. © Stephan Rape
Tierquälerei-Skandal in Werne

So viel Tierwohl wie möglich: Familie Ketteler schlachtet auf der Weide

Mit dem Tierquälerei-Skandal in einem Betrieb in Werne kocht die Diskussion über die Bedingungen in Landwirtschaft und Schlachthäusern wieder hoch. Doch es geht auch ganz anders.

Die Bilder aus dem Betrieb der Fleischerei Mecke in Werne schockieren: Ein ehemaliger Mitarbeiter einer Viehsammelstelle des Unternehmens drischt immer wieder auf entkräftete Rinder ein, die am Boden liegen oder mit einer Seilwinde auf einen Transportanhänger geschleift werden. Eine Tierschutzorganisation hatte die Bilder mit versteckter Kamera aufgezeichnet und veröffentlicht.

Doch es geht auch anders. So wie auf dem Biolandhof von Familie Ketteler in Ramsdorf. Die Glanrinder dort sehen in ihrem ganzen Leben keinen Transporter von innen. Auch nicht auf dem Weg zum Schlachthof. Sie werden auf der eigenen Weide geschlachtet. In gewohnter Umgebung, mitten in der Herde. Ohne Stress, ohne Angst und erst Recht ohne unnötige Gewalt.

Zuchtbulle Kalle und seine Herde fühlen sich auf der Weide sichtlich wohl. Dass noch am Morgen ein Tier aus ihrer Mitte geschlachtet wurde, ist der Herde nicht anzumerken.
Zuchtbulle Kalle und seine Herde fühlen sich auf der Weide sichtlich wohl. Dass noch am Morgen ein Tier aus ihrer Mitte geschlachtet wurde, ist der Herde nicht anzumerken. © Stephan Rape © Stephan Rape

„Die Bilder aus Werne kann ich mir nicht ansehen“, sagt Tanja Ketteler (44). Sie leitet den Betrieb. Die Tiere als Material zu sehen, wie kaltes Eisen, sie gar zu schlagen, können weder sie noch ihr Vater Hubert Ketteler (73) sich vorstellen.

Umstellung auf Bioland-Betrieb begann vor zwölf Jahren

Sie gehen einen anderen Weg. Zwölf Jahre ist es her, dass Tanja Ketteler damit begonnen hat, auf Bioland umzustellen. Seit 2016 wird auf der Weide geschlachtet. „Die bäuerliche Landwirtschaft ist der Natur einfach näher“, sagt sie. 61 Tiere hält sie auf dem Hof, zu dem insgesamt 22 Hektar Fläche gehören. Sicher sei es einfacher, die Flächen einfach zu verpachten. „Wir kämen bestimmt auf das gleiche Einkommen – ohne die Arbeit“, überschlägt Hubert Ketteler im Kopf. Doch darum gehe es nicht. Sie wollen eine Alternative anbieten – und das Tierwohl in den Mittelpunkt stellen.

Natürlich werden auch auf ihrem Hof Tiere geschlachtet. Es bleibt ja ein landwirtschaftlicher Betrieb und kein Gnadenhof oder Zoo. „Wir verdienen unser Geld mit dem Fleisch der Tiere“, sagt Tanja Ketteler. Doch ihr ging es darum, die bestmögliche Art der Haltung und auch Tötung der Tiere zu finden. „Die Tiere wissen bis zum letzten Moment nicht, was passiert“, sagt sie.

Tier wird auf der Weide mit gezieltem Schuss betäubt

Die Schlachtung selbst läuft völlig ruhig und unaufgeregt ab. Das ausgesuchte Tier wird auf eine etwas abseits gelegene Weide geführt. Am Rand ist ein Hochsitz aufgebaut, von dem aus Hubert Ketteler das Tier ins Visier nimmt. Der passionierte Jäger weiß, was er tut: Er zielt auf den Kopf. Das Stammhirn. Er musste für die Weideschlachtung eine eigene Prüfung ablegen. Eine Zwei-Euro-Stück große Fläche muss er treffen.

Der Schuss bricht. Das Tier sackt zusammen, ist an dieser Stelle aber noch nicht endgültig tot. „Hirntot ja“, sagt Hubert Ketteler. Doch der eigentliche Tod tritt erst ein, wenn er mit einem scharfen Messer die Halsschlagadern des Rinds öffnet und das Blut herausläuft. Das Rind soll davon nichts mehr spüren. Durch den Schuss ist es bewusstlos und entblutet. Das Blut wird aufgefangen und später entsorgt.

Totes Rind muss innerhalb einer Stunde im Schlachtbetrieb sein

Jetzt muss es schnell gehen. Binnen einer Stunde muss das Tier beim Metzger sein. Seit Jahren arbeitet Familie Ketteler mit der Metzgerei von Alfred Baumeister in Alstätte zusammen. Der 59-jährige Fleischermeister hat seinen Betrieb schon vor über 25 Jahren für Bioprodukte zertifizieren lassen. „Damals wegen der Biologischen Station Zwillbrock“, erinnert er sich. Für die übernimmt er die Zerlegung der Heidschnucken.

Gerade noch auf der Weide, wenige Stunden später zerlegt im Kühlhaus: In der Metzgerei von Alfred Baumeister in Alstätte werden die Tiere vom Hof Ketteler zerlegt. Den Verkauf übernimmt die Familie aus Ramsdorf dann wieder selbst - in Zehn-Kilo-Paketen.
Gerade noch auf der Weide, wenige Stunden später zerlegt im Kühlhaus: In der Metzgerei von Alfred Baumeister in Alstätte werden die Tiere vom Hof Ketteler zerlegt. Den Verkauf übernimmt die Familie aus Ramsdorf dann wieder selbst – in Zehn-Kilo-Paketen. © Stephan Rape © Stephan Rape

Just am Freitagmorgen kam wieder ein Tier vom Hof Ketteler zu ihm. „Wir haben heute Morgen Marie geschlachtet“, sagt Tanja Ketteler. Eine zwölf Jahre und vier Tage alte Mutterkuh. Die Landwirtin kennt jedes ihrer Tiere genau, freut sich darüber, dass sie sich in der Herde frei ausleben können.

Ein bis zwei Tiere pro Monat werden geschlachtet

Auch bei einer Schlachtung würden die anderen Tiere der Herde ganz ruhig bleiben. „Sie wissen nicht, woher der Knall des Schusses kommt und warum ein Tier ihrer Herde zusammenbricht“, sagt Hubert Ketteler. Tatsächlich kommt die Herde direkt an den Zaun, als Tanja und Hubert Ketteler zwischen zwei Weiden hindurch laufen. Sie wirken zutraulich und entspannt. Ungefähr einen Monat herrscht jetzt Ruhe auf den Weiden. Dann wird das nächste Tier geschlachtet.

Betrieb funktioniert nur dank Direktvermarktung

Das Fleisch der Tiere vermarktet die Familie direkt. „Mit einem Zwischenhändler würde sich das nicht rentieren“, sagt sie. Doch so funktioniert der Betrieb. 159 Euro kostet ein Zehn-Kilo-Paket Rindfleisch: Rinderbraten, Rouladen, Gulasch, Gehacktes, Suppenfleisch – und eben auch Filet und Rumpsteak. Doch diese edelsten Teile der Tiere gibt es nicht separat. „Wir verwerten das ganze Tier“, sagt Tanja Ketteler. Und das wird auch erst geschlachtet, wenn alle Teile online verkauft sind. „Das wäre doch eine Katastrophe, wenn Teile eines geschlachteten Tieres übrig bleiben würden“, sagt sie. Eine Sorge, die unbegründet scheint: Es gibt lange Wartelisten für die Pakete.

Das, was in dem Betrieb in Werne passiert ist, könnte nicht weiter entfernt wirken. Die Bilder aus den Nachrichten machen den 73-Jährigen sprachlos. „Das ist einfach entsetzlich und unfassbar“, sagt er. Auf ein Tier einzuschlagen, das schon am Boden liegt und sich nicht mehr bewegen kann, sei einfach das Letzte. „Das ist eine Verrohung, die kein Mensch akzeptieren kann“, sagt er.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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