Nicole Oblong, 44, schildert einen brutalen Einschüchterungsversuch, nachdem sie einen Arbeitskollegen als Grapscher zur Rede gestellt hatte. Sie ist nicht die einzige Frau, die Vorwürfe erhebt. © Stefan Milk
Logistik für Modekette H&M

Sexuelle Belästigung bei Arvato: „Er rammte mich mit dem Trolley“

Der E-Commerce-Dienstleister Arvato betreibt in der Region mehrere Logistikzentren. Am Standort Kamen, wo Kleidung für H&M gepackt wird, erheben zwei Arbeiterinnen Vorwürfe sexueller Belästigung.

Eine fremde Hand, wo sie nicht sein soll. Die Hand eines Arbeitskollegen. Nicht nur einmal, sondern zwei, dreimal. Im Schutz hoher Regale soll er in den Gängen des Arvato-Logistikzentrums in Kamen zugegriffen haben. „Ach du bist ja süß.“ Lagerarbeiterin Nicole Oblong, 44, schildert, wie sie bei der Arbeit sexuell belästigt worden sein soll. Und dann mit einem Gitterbox-Trolley angefahren wurde, als sie drohte, den Vorfall zu melden.

Ist das nur ein krasser Einzelfall, den Arvato jetzt laut einer Stellungnahme untersuchen lässt? Oder gibt es gleich mehrere Fälle von Mobbing und Belästigung bei dem Unternehmen, die aber nicht gemeldet wurden? Denn unabhängig voneinander haben sich zwei Lagerarbeiterinnen an die Redaktion gewandt und schwere Vorwürfe gegen das Bertelsmann-Tochterunternehmen Arvato Supply Chain Solutions erhoben, das am Standort Kamen das Lager für einen Online-Shop der Modekette H&M betreibt und auch in weiteren Städten in der Region wie Dortmund oder Dorsten angesiedelt ist.

Die persönlichen Erfahrungsberichte der Frauen erlauben einen Blick hinter die Kulissen des E-Commerce. Sie zeichnen das Bild eines rauen Arbeitsklimas, in dem Grenzverletzungen gegenüber Lagerarbeiterinnen vorkommen sollen und ohne Konsequenzen für respektlose und übergriffige männliche Kollegen bleiben.

Aufgeblüht, wenn „Frischfleisch“ kommt

Anke Kopetzky, 49, arbeitete ab Mitte Januar als Leiharbeiterin in dem Logistikzentrum. Erst pickte sie Ware aus den Regalen, dann lagerte sie Retouren ein, also Kleidung, die von Kunden zurückgeschickt wurde, weil sie nicht passte oder nicht gefiel. Sie schildert, dass sich ein Vorgesetzter einen bestimmten Ruf erworben habe. „Der blüht auf, wenn Frischfleisch kommt.“ Mit jungen Frauen werde herumgeflirtet, ältere Leute bekämen die „Maloche“. Als sie selbst einmal mit einer anderen älteren Kollegin zusammengestanden und geplaudert habe, seien sie beide „vor versammelter Mannschaft zusammengebrüllt“ worden. „Ey, ich bring’ euch auseinander.“ Sie habe sich „wegen der Brüllerei“ bei ihrer Zeitarbeitsfirma beschwert.

Anke Kopetzky vor ihrer früheren Arbeitsstelle: Sie schildert die Begegnung mit einer weinenden Kollegin, die mit einem Gürtel geschlagen worden sein soll.
Anke Kopetzky, 44, vor ihrer früheren Arbeitsstelle: Sie schildert die Begegnung mit einer weinenden Kollegin, die mit einem Gürtel geschlagen worden sein soll. © Michael Neumann © Michael Neumann

Die Arbeit im Arvato-Lager gilt als einfache Tätigkeit. Auf die Picks kommt es an, mindestens 700 pro Schicht sollen es sein. Wer viel Ware pickt, wird belohnt, wer zu wenig pickt, wird vom Supervisor angesprochen.

Kopetzky empfand das Arbeitsklima als belastend. Es waren nicht nur scheinbar harmlose Flirts und Ungerechtigkeiten, die ihr auffielen. „Es finden sexuelle Übergriffe statt“, behauptet sie und macht das an einem Beispiel fest.

„Belästigung, Mobbing und Einschüchterungen sind untersagt.“

Bertelsmann-„Code of Conduct“

Die Kamenerin schildert eine Begegnung mit einer weinenden Kollegin, ebenfalls Leiharbeiterin. „Sie ist mit mir auf der gleichen Schicht gewesen und nach der Frühstückspause gegangen, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat. Das war irgendwann im Februar 2021. Ein Vorgesetzter habe sie einmal mit dem Gürtel vom Scanner auf den Arsch gehauen. Er komme ihr zu nahe, das waren ihre Worte.“ Kopetzy will erfahren haben, dass sich die Frau bei ihrer Zeitarbeitsfirma beschwert habe; der Namen der Firma ist Kopetzky nicht bekannt.

Vorgesetzter soll Vorfall nicht notiert haben

Die 44-jährige Nicole Oblong, die ab Mai bei Arvato arbeitete, wurde laut ihrer Aussage nicht nur begrapscht, sondern absichtlich mit einem Gitterbox-Trolley angefahren. Es geschah demnach am ersten Tag auf einer neuen Schicht, am Samstag nach Muttertag. „Am 15. Mai hat ein Kollege gemeint, er müsste mir zwei, dreimal an den Hintern packen“, schildert Oblong. „Er sagte sinngemäß: Ach, du bist ja süß. Ich habe gesagt, dass ich das nicht möchte und wir einen Kodex haben.“ Sie habe den Vorfall einem Vorgesetzten gemeldet, der dies nicht weiter notiert haben soll.

Bertelsmann-Verhaltenskodex gilt

Bei Arvato gilt der Verhaltenskodex des Bertelsmann-Konzerns. Darin heißt es: „Jeder Einzelne hat das Recht auf eine gerechte, würdevolle und respektvolle Behandlung. Wir bekennen uns zur Chancengleichheit und fördern ein Arbeitsumfeld, das von Respekt und Toleranz geprägt ist, in dem der Wert und die Würde jedes Einzelnen anerkannt werden und alle Mitarbeiter einander mit Höflichkeit, Ehrlichkeit und Würde begegnen. Belästigung, Mobbing und Einschüchterungen sind untersagt.“

Drei Tage später soll der Arbeitskollege wieder gegrapscht haben. „Ich habe gesagt, wenn du das noch mal machst, gehe ich zum Betriebsrat und zur Frauenbeauftragten“, so Oblong.

Die Lagerarbeiter bewegen sich in der Fachbodenregalanlage, die über vier Ebenen von A bis D reicht, flink durch die Gänge und füllen die Ware in rollbare Gittergestelle. Jedes verfügt über drei Etagen mit Platz für jeweils vier Kisten. Oblong schildert, dass der zur Rede gestellte Kollege ihr gefolgt sei. Als sie gerade beim Kommissionieren gewesen sei, am Picktower, Halle 1, Ebene D, „hat er mir seinen Trolley mit Absicht in die rechte Schulter gerammt. Ich habe mich erschrocken, weil das so weh tat, und habe angefangen zu weinen. Er ist einfach weitergegangen.“

Eine Vorgesetzte soll zur Stelle gewesen sein, aber als Ersthelferin unangemessen reagiert haben. Sie soll Oblong unter Verweis auf das Arbeitspensum unter Druck gesetzt haben weiterzuarbeiten. Statt nach dem geschilderten brutalen Einschüchterungsversuch nach Hause zu gehen, arbeitete die Lagerarbeiterin nach eigener Aussage unter Schmerzen weiter. „Ich musste die Schicht zu Ende machen“, sagt sie. Es sei kein Unfallbericht aufgenommen worden. Oblong suchte zunächst ihren Hausarzt auf, dann das Christliche Klinikum Unna. Laut einem Arztbericht wurde eine Schulterprellung rechts diagnostiziert.

Der Fall von Nicole Oblong wird von Arvato untersucht. „Der aktuelle Fall ist der erste intern gemeldete seit Eröffnung des Standorts in 2019“, erklärt das Unternehmen.
Der Fall von Nicole Oblong wird von Arvato untersucht. „Der aktuelle Fall ist der erste intern gemeldete seit Eröffnung des Standorts in 2019“, erklärt das Unternehmen. © Stefan Milk © Stefan Milk

Konfrontiert mit den Schilderung der beiden Arbeiterinnen, antwortet Arvato in Form einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Betriebsrat. Einzig der Fall Oblong ist demnach bekannt. „Der aktuelle Fall ist der erste intern gemeldete seit Eröffnung des Standorts in 2019.“ Nach Eingang der Beschwerde seien umgehend Gespräche mit den betroffenen Mitarbeitenden geführt und eine Untersuchung unter Einbeziehung des Betriebsrats und der übergeordneten Integrity & Compliance-Abteilung eingeleitet worden, die aktuell noch laufe. Alle Anfragen oder Beschwerden zum Thema (Anti-)Diskriminierung würden geprüft und Abhilfemaßnahmen, soweit erforderlich, umgehend ergriffen.

Antidiskriminierungsprogramm mit anonymer Meldemöglichkeit

Beschäftigte können im Rahmen eines Antidiskriminierungsprogramms mögliche Verstöße melden. Für alle Standorte gebe es lokal benannte Ansprechpartner, „an die sich betroffene Mitarbeiter direkt und niedrigschwellig wenden können“. Darüber gebe es an höherer Stelle zentrale Ansprechpartner, „falls Mitarbeiter sich lieber anonym an diese wenden möchten“.

Nicole Oblong ist seit dem Zusammenstoß mit dem Trolley krank geschrieben. Währenddessen erhielt sie ein Kündigungsschreiben. „Ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich an diese Firma denke“, sagt sie. Anke Kopetzky, bei der sich eine Kollegin ausweinte, wurde in ihrer Probezeit nach einem krankheitsbedingten Ausfall gekündigt. „Alle wissen, dass da gemobbt wird“, sagt sie.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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