Wo ist die Gefahr, mich mit dem Coronavirus anzustecken, am größten? Auf diese Frage gibt eine neue Studie jetzt überraschende Antworten. © unplash/ Parastoo Diba
Neue Studie

Schule, Friseur, Büro: Wo die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus am größten ist

Wo ist die Gefahr, mich mit dem Coronavirus anzustecken, am größten? Beim Friseur? In der Schule? Im Kino? Beim Shoppen? Diese Frage hat die TU Berlin erforscht und Überraschendes herausgefunden.

Wenn über Lockerungen oder Verschärfungen von Corona-Schutzmaßnahmen diskutiert wird, spielt die Frage, wo ich mich am ehesten anstecken kann, eine entscheidende Rolle. In der Schule, im Restaurant, im Kino, beim Einkauf? Wenn man diese Fragen beantworten kann, weiß man, wo man am ehesten ohne große Gefahren die Vorschriften lockern kann und wo man eher vorsichtig sein sollte.

Das Hermann-Rietschel-Institut Berlin, das sich als Teil der TU Berlin mit dem Fachgebiet „Energie, Komfort und Gesundheit in Gebäuden“ beschäftigt, hat genau auf diese Frage in einer Studie Antworten geliefert. Und dabei gibt es durchaus Überraschungen.

„Situationsbedingter R-Wert“ als Maßstab

Die von Prof. Martin Kriegel und Diplom-Ingenieurin Anne Hartmann verfasste Studie nutzt als Maßstab einen sogenannten „situationsbedingten R-Wert“ (sR). Der R-Wert ist seit Monaten eine bekannte Größe: Der Reproduktionswert beschreibt, wie viele andere Menschen ein mit dem Coronavirus infizierter Mensch ansteckt. Der kritische Wert liegt bei 1. Liegt der Wert darunter, geht die Zahl der Infektionen zurück. Liegt er darüber, droht ein exponentielles Wachstum.

„Situationsbedingt“ bedeutet, dass man in dieser Studie versucht hat, möglichst wirklichkeitsgetreu abzubilden, wie lange man sich in welcher Art von Raum aufhält, wie anstrengend die dort ausgeübte Tätigkeit ist und wie viele Aerosole, über die sich das Virus verbreitet, ich dabei ausstoße und einatme.

Ein Beispiel: Die Studie geht davon aus, dass ein Besuch im Supermarkt im Schnitt eine Stunde dauert und man dabei nur leichte körperliche Aktivitäten (gehen, wenig sprechen) hat. Für das Fitnessstudio werden eineinhalb Stunden und schwere körperliche Betätigungen, fürs Büro acht Stunden bei sehr leichten Aktivitäten (sitzen, stehen, sprechen) angenommen.

Am besten ins Theater oder Museum

Und bei diesem Vergleich schneidet ein zweistündiger Besuch im Theater, in der Oper oder im Museum, wenn man die Örtlichkeit nur zu 30 Prozent auslastet und Masken getragen werden, am besten ab. Hier liegt der sR-Wert lediglich bei 0,5. Das heißt umgerechnet: Zwei Besucher stecken maximal einen weiteren Besucher an. Das ist der Bestwert.

Aber auch ein Besuch beim Damen-Friseur (0,6) und eine halbstündige Fahrt mit Bus oder Bahn (0,8) sind unproblematisch. Genau bei 1 landet der einstündige Besuch im Supermarkt. Ganz üble Werte gibt es aber für Mehrpersonen-Büros und Schulen, wobei die Studie lediglich „Oberschulen“ untersucht hat. Damit seien, so erläuterte Anne Hartmann auf Anfrage, weiterführende Schulen ab der 7. Klasse gemeint.

Exorbitant hohe Werte im Büro

Selbst wenn in einer Oberschul-Klasse ein Klassenraum nur zur Hälfte belegt sei und alle eine Maske trügen, liege der sR-Wert bei 2,9. Das ist ein Wert, der zu exponentiellem Wachstum führen würde. Mehrpersonenbüros sind nach der Studie ebenfalls wie ein Viren-Paradies. Selbst wenn nur jeder 5. Arbeitsplatz in einem Großraumbüro belegt ist und alle Masken tragen, liegt der sR-Wert bei einer achtstündigen Arbeitszeit bei 1,6. Sind die Hälfte aller Plätze belegt und werden keine Masken getragen, steigt der Wert auf exorbitante 8,0.

Die Ergebnisse der Studie beruhen auf Berechnungen, wie Anne Hartmann erläutert: „Wir haben dazu eine vorhergehende Studie genutzt, die wir gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut und der Charité durchgeführt haben, wo wir dokumentierte Ausbrüche analysiert und berechnet haben, wie viele Partikel die Personen eingeatmet haben und wie viele Personen sich infiziert haben.“ Dabei werde in allen Fällen vorausgesetzt, dass die AHA+L-Regeln eingehalten werden.

Dass die Studie keine Erkenntnisse für die Grundschulen liefert, hänge mit dem deutlich abweichenden Atemvolumenstrom von Kindern zusammen, sagt Anne Hartmann. Zudem fehlten aktuell noch Erkenntnisse zur Menge abgegebener Partikel bei jüngeren Kindern.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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