Die Angeklagte neben ihrem Verteidiger Martin Röper. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Mordversuch am 39. Hochzeitstag: Frau sticht mehrfach auf ihren Ehemann ein

Eine Frau hat ihren Ehemann an ihrem 39. Hochzeitstag lebensgefährlich verletzt - und nur ein Nachbar half, als er blutüberströmt um Hilfe rief. Der Grund für die Tat: Die „Art“ des Mannes.

Von Liebe konnte schon lange keine Rede mehr sein. Am Ende floss sogar Blut: Im Juli vergangenen Jahres hat eine Frau aus Marl mit einem Messer auf ihren Ehemann eingestochen.

Hintergrund der Bluttat war eine völlig zerrüttete Beziehung. 46 Jahre lang hatte das Paar zusammengelebt, der Tattag war der 39. Hochzeitstag. Der Ehemann wollte im Garten grillen, sie hatte bereits seit Tagen Mordgelüste. „Sie haben nichts mehr für ihren Mann empfunden“, so Richter Jörg Schmitt bei der Urteilsbegründung des Essener Schwurgerichts. „Sie kamen mit seiner Art nicht mehr klar, mit seiner Egozentrik, mit seinen ständigen Beleidigungen.“

Das war „fast schon schäbig“

Der Mann habe seit Jahren getrunken, sei verbal immer aggressiver geworden. Außerdem habe er die Angeklagte nach deren Schlaganfall Ende 2019 praktisch entmündigt. Er habe ihr die Geldbörse weggenommen, die Krankenversicherungskarte, den Führerschein, den Briefkastenschlüssel. Das sei fast schon „schäbig“ gewesen, so Schmitt.

Als er sich schließlich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank in der Gartenhütte holen wollte, habe die 67-Jährige zugestochen. Erst in den Rücken, dann sechs- bis siebenmal in die Brust.

Das Messer hatte die Angeklagte zuvor aus der Küche geholt, in ihrem Handarbeitskorb versteckt, dann auf eine günstige Gelegenheit gewartet. Nach ihrer Festnahme hatte sie den Polizeibeamten sofort erzählt, dass sie ihren Mann umbringen wollte. Auch im Prozess hatte sie unter Tränen von ständigen Demütigungen gesprochen.

Kräfteverhältnis verschoben

Die Richter sind davon überzeugt, dass sie sich bis zu ihrem Schlaganfall verbal zur Wehr setzen und ebenfalls austeilen konnte. Der Schicksalsschlag habe das „Kräfteverhältnis“ in der Beziehung dann aber maßgeblich verändert. Neben körperlichen Einschränkungen habe sie sich fortan nicht mehr wehren können. Sie habe sich zurückgezogen, alles über sich ergehen lassen.

Die Tat selbst würde das Verhalten ihres Mannes natürlich nicht rechtfertigen, so die Richter. Es mache den Angriff aus Sicht der Angeklagten aber zumindest erklärlich. Dass der Ehemann überlebt hat, war Glück. Eine Rechtsmedizinerin hatte vor Gericht von akuter Lebensgefahr gesprochen. Die Lunge war getroffen, der Magen ebenfalls.

Fast keiner hat geholfen

Was die Richter vor allem verwundert hat: Obwohl der bereits blutüberströmte Mann an jenem heißen 31. Juli 2020 im Garten laut um Hilfe gerufen hatte, hatte nur eine Nachbarin reagiert und die Polizei alarmiert. Ein anderer Nachbar, der direkt über dem Ehepaar wohnte, hatte einfach nur aus dem Fenster geguckt, war nicht einmal nach unten gegangen.

Am Donnerstag ist die 67-Jährige Täterin verurteilt worden. Die Strafe: fünf Jahre Haft wegen Mordversuchs. Mit dem Urteil blieben die Richter unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die siebeneinhalb Jahre Haft beantragt hatte.

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Gerichtsreporter

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