Leben im Ukraine-Krieg: Dortmunds Konzerthaus-Chef erzählt von aberwitzig klingenden Erlebnissen

Redakteur
Während nahe der Stadt Saporischschja im Südosten der Ukraine, wo die Csilla von Boeselager Stiftung ein Hilfsprojekt betreut, heftig gekämpft wird, könnte man in anderen Teilen der Ukraine wie im ehemaligen Lemberg im Westen fast den Eindruck gewinnen, es herrsche gar kein Krieg. Allerdings wirklich nur fast, berichtet Raphael von Hoensbroech, Vorsitzender der Stiftung. © Leonie Sauerland
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Es klingt für unsere Ohren im sicheren Deutschland absurd und unvorstellbar, wenn Dr. Raphael von Hoensbroech vom aktuellen Leben in der Ukraine berichtet. Und er weiß, wovon er erzählt. Von Hoensbroech ist nicht nur Geschäftsführer und Intendant des Konzerthauses Dortmund. Er ist auch Vorsitzender der Csilla von Boeselager Stiftung, die seit mehr als 20 Jahren in der Ukraine Hilfsprojekte betreut und diese Hilfe seit Beginn des Krieges weiter ausgebaut hat.

Anfang März hat unser Verlag in Kooperation mit der Csilla von Boeselager Stiftung für die vom Krieg gemarterten Menschen in der Ukraine eine Hilfsaktion gestartet. Inzwischen sind rund 385.000 Euro bei dieser Spendenaktion zusammen gekommen. Insgesamt hat die Stiftung seit Kriegsbeginn rund 2,5 Millionen Euro an Spenden eingesammelt und davon rund die Hälfte schon wieder ausgegeben.

Da von Hoensbroech in ständigem Kontakt zu den Partnern der Hilfsprojekte der Stiftung in der Ukraine steht, weiß er sehr genau, wie unterschiedlich sich der Alltag für die Menschen in der Ukraine derzeit darstellt. So berichtete er unserer Redaktion von einem Gespräch mit einem Kooperationspartner in Lwiw, dem früheren Lemberg, in der Westukraine. Auch dort unterhält die Stiftung ein Hilfsprojekt.

In Lwiw (Lemberg) ist es fast so, als gäbe es keinen Krieg, aber nur fast

„In Lwiw, so hat der Mann mir erzählt, ist es fast so, als gäbe es keinen Krieg. Dort können Sie das neueste i-Phone kaufen, die Geschäften sind geöffnet, in den Fabriken wird gearbeitet, die Felder sind bestellt“, sagt von Hoensbroech.

„Natürlich sieht man auf den Straßen nur wenige Männer und es gibt viele Einzelschicksale.“ Tote oder verwundete Soldaten kämen zurück, andere würden in den Krieg verabschiedet. „Das alles, so erzählte mir der Mann“, berichtet von Hoensbroech, „sei schon so. Aber es gebe auch eine andere Seite. So habe er erst jüngst in einem Restaurant gesessen, als plötzlich rings um ihn herum alle Handys und auch sein eigenes gesummt hätten. Die Menschen haben dort inzwischen alle eine App, die vor Luftangriffen warnt. Die Leute hätten ihre Handys gezückt, auf die App geschaut und dann in Ruhe weitergegessen.“

Der Luftalarm kommt per App aufs Handy

Die App habe nämlich vor Luftangriffen in der halben Westukraine gewarnt. „Bei so einer großflächigen Warnung ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ausgerechnet das Restaurant getroffen wird, in dem ich gerade sitze. Also bleibt man sitzen und isst weiter. Wenn der Raum, für den gewarnt wird, kleiner ist, suchen die Leute aber schon einen Schutzraum auf“, erklärt von Hoensbroech. Die Menschen versuchten eben, ihr Leben halbwegs normal weiterzuleben, so weit das irgendwie gehe. „Was sollen sie auch anderes tun?“

SPENDENKONTO

Csilla von Boeselager Stiftung Osteuropahilfe

Sparkasse Arnsberg-Sundern

Stichwort: LESERSPENDE

Swiftcode/BIC: WELADED1ARN

IBAN: DE41 4665 0005 0000 0333 32

Im Osten und Süden des Landes ist die Situation natürlich völlig anders. Dort herrscht Tod, Zerstörung und Untergang. Auch die Lage in Saporischschja im Südosten der Ukraine, wo die Stiftung ebenfalls ein Hilfsprojekt unterhält, hat sich zugespitzt. „Trotzdem leisten wir dort weiterhin Hilfe und haben sie sogar intensiviert. Dort versorgen wird derzeit rund 850 Menschen täglich mit Lebensmitteln“, sagt von Hoensbroech.

Und selbst nach Odessa, wo es in den vergangenen Wochen immer wieder Angriffe gegeben habe, habe man vor kurzem einen 5. LKW mit Hilfsgütern bringen können.

Inzwischen erweise es sich geradezu als Glücksfall, dass die Stiftung gleich zu Beginn des Krieges in Rumänien nahe der Grenze zur Ukraine ein Lager erworben habe, um dort einen Umschlagsplatz für Hilfsgüter einzurichten. „Bis jetzt sind über dieses Lager rund 100 Transporte gelaufen. Das sind 350 Tonnen Hilfsgüter auf mehr als 850 Paletten. Die meisten aber nicht von uns“, sagt von Hoensbroech. Hilfsorganisationen und Privatorganisationen aus ganz Europa nutzten inzwischen das Lager der Stiftung als Umschlagplatz für Hilfsgüter.

Unterdessen läuft auch die Evakuierungsbrücke, die die Stiftung aufgebaut hat, weiter. Bis Ende Juni haben die Helfer so 1.201 vulnerable Menschen aus Kiew, Mariupol und dem Donbass in Sicherheit gebracht. In 27 Bussen wurden sie nach Deutschland gefahren und in Unterkünften mit medizinisch-psychologischer Versorgung untergebracht.