Die Kirchen in Deutschland arbeiten mit ihrer Weigerung, auf Präsenzgottesdienste zu verzichten, weiter an ihrer Selbstvernichtung, meint unser Autor. (Unser Symbolfoto zeigt den Abriss einer Kirche in Erkelenz) © picture alliance / Federico Gambarini/dpa
Meinung

Kirchen lachen dem Staat höhnisch ins Gesicht – Ein Lehrstück im Abbrechen des eigenen Hauses

Es war eine schlichte Bitte von Bund und Ländern: Bitte Ostern keine Präsenzgottesdienste. Die Kirchen aber winken ab. Für unseren Autor ist diese Aufkündigung der Solidarität verachtenswert.

Rebellen sind mir erst einmal grundsätzlich sympathisch. Meistens jedenfalls. Wer nicht alles kommentarlos schluckt, was da so von anderen angeordnet wird, sondern hinterfragt, der genießt meinen Respekt. Ohne Rebellion, Widerspruch, ohne das Infragestellen des Gegebenen gäbe es keinen Fortschritt, gäbe es keine Demokratie, keine Freiheit.

Deshalb ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, wenn die großen Kirchen in Deutschland dem Staat widersprechen, wenn der sich eine Absage der Präsenzgottesdienste an Ostern wünscht. Dass ich mir so einen taffen Widerspruchsgeist spätestens seit dem Dritten Reich schon ganz oft von unseren Kirchen gewünscht hätte, sei dabei nur am Rande erwähnt und spielt hier keine entscheidende Rolle.

Wichtiger ist jetzt der Blick auf das aktuelle Corona-Problem. Die Kirchen führen für ihr Festhalten an Präsenzgottesdiensten zu Ostern zwei Argumente ins Feld: Erstens sei Ostern für gläubige Christen das höchste Fest des Jahres. Zweitens hätten die Kirchen sehr gut funktionierende Hygienekonzepte entwickelt und umgesetzt, die das Ansteckungsrisiko in Gotteshäusern auf ein Minimum reduzierten. Dazu ist zu sagen: Beides stimmt, wird auch von niemandem in Frage gestellt. Aber: Darum geht es bei diesem Thema überhaupt nicht.

Ich weiß nicht, ob die Kirchenvertreter es wirklich nicht verstehen oder ob sie es nur nicht verstehen wollen: Es geht in der aktuellen Situation um Solidarität mit den vielen anderen in der Gesellschaft, die unter der Corona-Pandemie unendlich leiden. Wer mit Gastronomen, Kino-Betreibern, Hoteliers, Ferienhaus-Besitzern, Künstlern, Schaustellern, Einzelhändlern, Betreibern von Fitness-Studios, Biergärten-Besitzern oder wem auch immer redet, der hört immer wieder: Wir haben doch perfekte Hygienekonzepte, da kann man sich doch nicht anstecken.

Das sind exakt die selben Argumente, die auch die Kirchen ins Feld führen. Und dass Ostern für die Kirchen das höchste Fest des Jahres ist, ist klar, aber: Für viele Menschen hat der Besuch eines Konzerts, eines Fußballspiels, einer Theateraufführung oder eines Kinos dieselbe wohltuende Wirkung für die Seele wie für Gläubige der Besuch eines Gottesdienstes.

Für alle Nicht-Gläubigen gibt es auch das „höchste Fest des Jahres“. Für den einen ist es der Karneval, für den anderen das Schützenfest und für den dritten der Hochzeitstag. All diese Vergleiche mögen Kirchenvertreter als blasphemisch empfinden, so sind sie aber nicht gemeint. Sie beschreiben schlicht und einfach die reale Situation in einer pluralen Gesellschaft. Die sollte man auch in den Kirchen nüchtern zur Kenntnis nehmen und akzeptieren, ob einem das passt oder nicht.

Aber die Kirchen sagen jetzt: Wir machen da nicht mit. Aufgrund ihrer in der Verfassung garantierten Sonderstellung dürfte es für den Staat extrem schwierig sein, ein Verbot von Präsenzgottesdiensten vor den Gerichten durchzusetzen. Deshalb haben Bund und Länder geradezu unterwürfig nur um einen Verzicht gebeten.

Diese Bitte schlagen die Kirchen bisher aus. Das ist für mich unbegreiflich und macht mich fassungslos. In einer noch nie dagewesenen schlimmen Situation bitten die obersten Vertreter unseres Landes um Solidarität mit allen anderen Menschen. Die Kirchen aber verweigern sich. Unausgesprochen, aber sehr deutlich signalisieren sie damit: „Wir sind etwas Besseres. Was der Staat will, schert uns nicht.“

Prägende Stellung längst verloren

In den vergangenen Jahren haben die großen Kirchen in Deutschland einen dramatischen Einbruch ihrer Anhängerschaft erlebt. Ihre einst prägende Stellung in der Gesellschaft ist längst eingebüßt. Ihre Glaubwürdigkeit haben sie nicht erst durch den Missbrauchsskandal arg strapaziert. Irritierende Positionen gerade in der katholischen Kirche wie zuletzt bei der Segensverweigerung für homosexuelle Paare haben sie längst ins Abseits gedrängt. Die Kirchen sind auf dem Weg in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit, tun aber weiter so, als sprächen sie für die Mehrheit in unserem Land. Das tun sie schon lange nicht mehr.

Die Kirchen sollten sich daher nicht wundern, wenn sie durch Aktionen wie dem jetzigen Festhalten an Präsenzgottesdiensten zu Ostern auch noch viele ihrer letzten Sympathisanten verlieren. Unser Staat geht bisher sehr pfleglich mit den Kirchen um. Dabei geht es nicht nur um ihre Sonderstellung als Körperschaften öffentlichen Rechts mit teils absurden Auswirkungen bis ins Arbeitsrecht. Da geht es beispielsweise auch um die Einziehung der Kirchensteuer.

Diese Aufgabe übernimmt bei uns der Staat. Warum sollte er das weiterhin tun? Die Zustimmung zur Sonderstellung der Kirchen schwindet derzeit in Deutschland schneller als Schnee in der August-Sonne. Was die Kirchen hier gerade betreiben, ist ein Lehrstück in Sachen Selbstvernichtung.

Rebellion gegen den Staat verdient Respekt. Die Aufkündigung der Solidarität mit den Menschen, die in diesem Staat eine dramatische Notlage durchleidenden, ist dagegen verachtenswert. Wenn der Staat irgendwann die nicht mehr verhätschelt, die ihm höhnisch ins Gesicht lachen, sollte das niemanden überraschen.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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