Friseure dürfen im Corona-Lockdown eigentlich keine Harre schneiden – aber nicht alle halten sich auch daran. © dpa / Symbolbild
Coronavirus

„Jede Woche zum Friseur“: Haarschnitt aus dem Lockdown-Salon im Ruhrgebiet

Friseure dürfen im Corona-Lockdown nicht arbeiten. Doch nicht alle halten sich auch daran – mancherorts gibt es einen Haarschnitt aus dem Hinterzimmer; wie ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet zeigt.

Friseure kämpfen um ihre Existenz. Im Lockdown gegen die Ausbreitung des Coronavirus dürfen sie ihre Salons nicht öffnen, auch Hausbesuche sind verboten. Manch einer schneidet schwarz; aus Verzweiflung. So wie der Friseur von Stefan B. (Name von der Redaktion geändert): „Ich gehe jede Woche zum Friseur“, sagt Stefan.

Lockdown-Salon im dritten Stock eines Wohnhauses

Was der 23-jährige Volkswirt erzählt, klingt nach illegalem Glücksspiel im Hinterzimmer; nur dass es hier, im dritten Stock eines Wohnhauses im Ruhrgebiet, um den Pony und nicht um Poker geht.

„Das ist, als würde ich einen Freund besuchen“, sagt Stefan. „Man klingelt an, geht hoch, lässt sich die Haare schneiden – und geht wieder.“ Alles ganz unscheinbar und unverdächtig. Zumal der Friseur das Appartement offenbar eigens für seinen Lockdown-Salon angemietet und dann seinen Stammkunden Bescheid gegeben hat. „Ich bin nicht der Einzige, der da hin geht.“

„Er schafft es finanziell sonst einfach nicht mehr.“

Stefan B. (23) über seinen Friseur

Auch im Lockdown jede Woche beim Friseur

Natürlich: Das ist verboten, die Corona-Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen verbietet ausdrücklich auch Friseurdienstleistungen. Stefan aber zeigt Verständnis für seinen Friseur. „Er schafft es finanziell sonst einfach nicht mehr“, sagt der 23-Jährige. Und so macht er im Lockdown wie selbstverständlich das, was er auch vor dem Lockdown gemacht hat. Er geht jede Woche zum Friseur und lässt sich die Haare schneiden. Und das aus drei Gründen, wie er sagt.

„Es geht nicht nur um mich“, betont Stefan und zieht den Vergleich zu einem „guten Restaurant um die Ecke: Da geht man auch hin und holt sein Essen für Zuhause, um den Gastronom zu unterstützen.“ Natürlich sind die Friseurbesuche auch nicht ganz uneigennützig: Der Friseur sei ein sozialer Kontakt, „wie ein Freund“, sagt Stefan – und räumt dann noch ein, auch ein wenig eitel zu sein. „Beim ersten Lockdown war ich schon ziemlich genervt: Ich bin jemand, der auf sein Äußeres achtet“, mit ungeschnittenen Haaren fühle er sich „einfach nicht wohl“.

„Diese ganze Situation ist psychisch extrem belastend, da gehen Leute einfach verloren.“

Stefan B. über den Lockdown

Klar, dass der 23-Jährige wenig Verständnis für das Corona-Berufsverbot für Friseure aufbringt. „In den Salons wusste man doch ganz genau, wann jemand kommt und wann jemand geht, man konnte die Kundenströme steuern und Kontakte protokollieren.“ Wie alle anderen Friseure hatte auch seiner in Schutzmaßnahmen investiert: „Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit war deutlich höher, sich woanders anzustecken als beim Friseur.“

Lockdown: Sorge um problembelastete Menschen

Stefan hofft, dass sein Friseur wie auch alle anderen Lockdown-Betroffenen bald wieder ganz normal ihren Geschäften nachgehen können. „Das ist gefühlt wie ein ewiger Ladenschluss“, sagt er – und verweist nicht nur auf die wirtschaftlichen Folgen. „Diese ganze Situation ist psychisch extrem belastend, da gehen Leute einfach verloren.“ Er sorgt sich vor allem um diejenigen, die ohnehin schon Probleme haben und vielleicht nicht durch ihr soziales Umfeld aufgefangen werden. Und auch deshalb wünscht er sich eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Dafür, betont er noch, will er sich auch impfen lassen.

Der Friseur ist der Redaktion bekannt. Um unsere Quellen zu schützen, verzichten wir auf Namensnennungen und konkrete Ortsangaben.

Über den Autor
stv. Chefredakteur
Jahrgang 1985, verliebt in seine Heimat am nördlichsten Bogen der Ruhr. Geselliger Vereinsmensch mit vielseitigen Interessen. Im Job brennt er vor allem für politische und menschelnde Storys. Seit 2010 beim Hellweger.
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Alexander Heine

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