Das Kriegerdenkmal in Weddinghofen erinnert nicht nur an die Soldaten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg starben. Wer genau hinschaut, entdeckt eine Tafel mit hochproblematischem Inhalt. © Stefan Milk
Erinnerungskultur

„Heldentod“ beim Völkermord: Kriegerdenkmal verharmlost die Geschichte

Ein Denkmal in Weddinghofen erinnert an die toten Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Aber nicht nur: Eine scheinbar harmlose Zusatztafel erweist sich als historisch hochproblematisch.

Jedes Jahr am Volkstrauertag im November wird an dem Kriegerdenkmal in Weddinghofen ein Kranz niedergelegt. So richtig hingeschaut, was auf dem Stein auf dem Ernst-Flüß-Platz an der Ecke Schulstraße/Goekenheide steht, hat offenbar noch niemand. Außer Mitgliedern der Bergkamener Partei „Die Linke“.

Deren Vertreter im Kulturausschuss, Timo Putzer, hat in der jüngsten Sitzung darauf hingewiesen, dass an dem Denkmal nicht nur der toten Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges gedacht wird, sondern es auch einen historisch hoch problematischen Zusatz gibt.

Die offenbar nachträglich angebrachte Tafel wird von einem Kranz verdeckt. Aber das ist vermutlich Zufall. © Stefan Milk © Stefan Milk

Am Fuß des Denkmals befindet sich – derzeit verdeckt von dem Kranz – eine offenbar nachträglich angebrachte Tafel, die auf drei Weddinghofer hinweist, die „den Heldentod starben in früheren Feldzügen“. Zwei kamen beim Krieg gegen Frankreich 1870/71 ums Leben, einer „In Südwestafrika beim Hereroaufstand 1904“.

Es geht um Völkermord und Kriegsverbrechen

Nun ist der Begriff „Heldentod“ im Zusammenhang mit einem Krieg schon belastet genug, aber letztlich der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg geschuldet, aus der die meisten Kriegerdenkmäler in Bergkamen und anderswo stammen.

Beim „Hereroaufstand“ allerdings geht es um Völkermord und Kriegsverbrechen, begangen von deutschen Soldaten in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia.

Das ist nicht nur das Urteil der großen Mehrheit der Historiker, sondern auch die offizielle Sichtweise der Bundesregierung, die das Auswärtige Amt 2016 formulierte.

Anderswo gibt es schon lange Gedenktafeln, die an den deutschen Völkermord in Namibia erinnern. Hier ein Foto aus dem Jahr 2004, das Israel Kaunatjike, Angehöriger des Herero-Volkes, auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin zeigt. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 eine Kolonie des Deutschen Reiches. 1904 erhoben sich die Herero und die Nama gegen die Kolonialherrschaft. Die deutschen Truppen unter dem Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha schlugen den Aufstand nieder.

Dabei erließ von Trotha einen ausdrücklichen Vernichtungsbefehl: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“

Ein Großteil der Herero floh in die die fast wasserlose Omaheke-Wüste, die von Trotha abriegeln ließ. Nach Schätzungen von Historikern sind bei diesem Genozid rund 100.000 Menschen gezielt getötet worden.

Ratloses Schweigen im Kulturausschuss

Aufgefallen ist die fragwürdige Zusatztafel bis zum Vorstoß der Linken bisher offenbar niemandem. Und wenn, dann hat man es für sich behalten. Im Kulturausschuss jedenfalls herrschte nach Putzers Wortbeitrag zunächst eine Atmosphäre, die man als ratloses Schweigen interpretieren konnte.

Putzer kündigte an, seine Fraktion werde einen Antrag zu dem Thema stellen. Dabei geht es den Linken offenbar nicht um Denkmalstürmerei. Man wolle nicht den auf der Tafel namentlich genannten Weddinghofer diskreditieren, versicherte Putzer. Er und seine Parteifreunde streben wohl auch nicht an, das Denkmal einfach abzubauen. Aber eine historische Einordnung sei angesichts der Verharmlosung eines Völkermordes sehr wichtig, betonte Putzer.

2019 hat die Stadt den Platz an der Schulstraße, auf dem das Kriegerdenkmal steht, offiziell in Ernst Flüß-Platz benannt. © Stefan Milk © Stefan Milk

Bei den anderen Parteien und auch bei der Stadtverwaltung stieß er dabei nicht auf Widerspruch. Das Rathaus müsse jetzt erst einmal klären, wer für das Denkmal überhaupt zuständig sei, sagte Kulturdezernent Marc Alexander Ulrich. Dass es in die Obhut der Stadt fällt, ist wohl unstrittig: Erst im November 2019 hatte sie den Platz offiziell nach dem ehemaligen Weddinghofer Bürgermeister Ernst Flüß benannt.

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Redaktion Bergkamen
1967 in Ostwestfalen geboren und dort aufgewachsen. Nach Abstechern nach Schwaben, in den Harz und nach Sachsen im Ruhrgebiet gelandet. Erst Redakteur in Kamen, jetzt in Bergkamen. Fühlt sich in beiden Städten wohl.
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