Der Corona-Gipfel brachte keine Lösung bei der Bewältigung der Pandemie, sondern offenbarte eher die Ratlosigkeit der handelnden Personen, die stümperhaft durch die Pandemie irrlichtern, meint unser Autor.. © picture alliance/dpa
Meinung

„Geht´s noch?“ – Corona-Gipfel stümpert absurd und lernunfähig durch die Pandemie

Als „verkorkste Stümperei“ bewertet unser Autor den Corona-Gipfel und geht mit den Beschlüssen hart ins Gericht. Er spricht von „vergifteten Beruhigungspillen“ – und fragt: „Geht‘s noch?“

Grundsätzlich bin ich ein geduldiger Mensch. Weil ich selbst nicht fehlerfrei bin, kann ich sehr gut akzeptieren, dass auch andere Fehler machen. Daher habe ich großes Verständnis dafür, dass die Verantwortlichen zu Beginn der Corona-Pandemie Fehler gemacht haben, die in der Rückschau geradezu haarsträubend und unfassbar wirken. Eine solche Situation war ja für alle Neuland, es gab kein Musterbuch für richtiges Reagieren, nach dem man hätte handeln können.

Im Rückspiegel hätte man beispielsweise gleich zu Beginn alles Geld, was sich nur irgendwie auftreiben ließ, in den Kauf und die Produktion von Impfstoffen, Schutzausrüstungen, Tests, digitalen Kontaktnachverfolgungen und vieles mehr stecken müssen. Stattdessen hat man nach alter deutscher Sitte bei jeder Kleinigkeit erst einmal um den Preis gefeilscht.

Das dauerte dann so lange, bis andere die Nase vorn hatten, als es um den Kauf all dieser überlebenswichtigen Dinge ging. Die deutsche Tugend der Sparsamkeit ist hier zum Boomerang geworden und kostet uns Milliarden.

Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass jeder Lockdown-Tag die Volkswirtschaft um rund 500 Millionen Euro schädigt. Das macht pro Monat 15 Milliarden Euro. Da ist es geradezu eine himmelschreiende Dummheit, um eine dreistellige Millionensumme zu feilschen, wenn ohne Schachern auch nur eine einzige Lockdown-freie Woche gewonnen wird.

Warum nicht Jeff Bezos und Amazon?

Vielleicht hätte man, so schlug ein Kollege vor ein paar Tagen im Gespräch vor, einfach Jeff Bezos mit der Beschaffung von Impfstoff und der Organisation der Impfkampagne beauftragen sollen – koste es, was es wolle. Der Amazon-Chef hätte in der Tat wahrscheinlich die ganze Sache bis Ostern erledigt, spätestens.

Das alles könnten unnütze Klagen über vergossene Milch sein, wenn man denn aus all diesen Fehlern gelernt hätte. Hat man aber nicht, wie mir bei der Verkündigung der Beschlüsse vom jüngsten Corona-Gipfel schlagartig klar wurde.

In dem Moment, als die Bundeskanzlerin – und das auch noch mit einem gewissen Stolz in der Stimme – ankündigte, man werde „noch im März“ eine Teststrategie entwickeln, hat es mir die Sprache verschlagen. Wie bitte? Wieso liegt die Teststrategie nicht seit Monaten vor? Es ist für mich ein Stück aus Absurdistan, dass sie jetzt erst entwickelt werden soll. Ebenso abenteuerlich wie das, was ebenfalls an die Oberfläche kam: Wieso ist noch immer nicht klar, ab wann genügend Schnell- und Selbsttest wo zur Verfügung stehen? Hat tatsächlich der Bund wieder mal zu wenig bestellt – wie zuvor bei den Impfstoffen?

Und wenn wir schon bei Tests und Impfungen sind: Wieso hinkt Deutschland überhaupt beim Impfen hinterher? Deutsche Forscher entwickeln den ersten Impfstoff, aber die USA, Israel, Großbritannien und viele andere Länder haben schon viel, viel mehr Menschen geimpft als wir? Das habe ich nicht für möglich gehalten. Und da ist es mir wirklich völlig egal, ob Deutschland oder die EU gepennt hat. Das Ergebnis ist ein Desaster.

Die Angst verhinderte eine bessere Lösung

Aber mit alledem nicht genug: Deutschland hätte selbst trotz des anfänglichen Impfstoff-Mangels heute viel weiter sein können. So haben etliche Bundesländer – wie Nordrhein-Westfalen – bei jeder Erstimpfung die Dosis für die zweite Impfung zurückgehalten. Man hatte Angst, dass sonst der Stoff für die Zweitimpfung fehlen würde.

Das mag ganz am Anfang noch ein nachvollziehbares Vorgehen gewesen sein, inzwischen ist es überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen. Mittlerweile steht seit langem fest, dass auch eine Erstimpfung schon einen erstklassigen Schutz bietet, selbst wenn der Stoff für die zweite Impfung auf sich warten ließe. Deshalb wird andernorts geimpft, was das Zeug hält, mit Supererfolgen. Warum lernen wir nicht von den Siegern, sondern beharren auf doppelter Sicherheit für die einen und lassen die anderen im Gegenzug in Schutzlosigkeit in der Warteschlange stehen?

Und warum bitteschön soll erst Anfang April bei den Hausärzten geimpft werden? Die können das seit Jahrzehnten! Wieso lassen wir es zu, dass Astrazeneca-Impfstoff in Millionenhöhe nutzlos herumliegt? Das ist skandalös. Gut, dass inzwischen auch die Ständige Impfkommission jetzt erkannt hat, was andere Länder längst wussten: Dass dieser Impfstoff auch Ältere schützt.

Schach statt Formel 1

Der vorhandene Impfstoff muss in die Oberarme und nirgendwo sonst hin. Und wenn die eine Gruppe nicht geimpft werden will, dann bitteschön sofort die nächste. Warum spielen wir noch immer beim Impfen in aller Ruhe eine gemächliche Partie Schach statt Formel-1 zu fahren? Es wird Zeit, aus diesem Tiefschlaf der Planlosigkeit aufzuwachen.

Ich habe das Gefühl, dass nicht wirklich allen Verantwortlichen klar ist, was hier auf dem Spiel steht. Es geht nicht nur um ganze Wirtschaftsbranchen wie den Einzelhandel, die Gastronomie, das Hotel- und Veranstaltungsgewerbe, um Kultur, Sport und die vielen anderen, denen schlicht die Existenzgrundlage entzogen wird. Es geht auch um die Gesellschaft insgesamt.

Alarmierende Studien

Es gibt alarmierende Studien – zuletzt in dieser Woche von der Barmer-Krankenkasse, die von starken psychischen Schäden bei immer mehr Kindern und Jugendlichen erzählen. Es geht um ganze von der Bildung abgehängte Teile der Bevölkerung, es geht um junge wie alte Menschen, die soziale Kontakte brauchen wie die Luft zum Atmen. Am Ende geht es auch um das Vertrauen in das Funktionieren eines demokratischen Gemeinwesens. Und das schwindet mit jeder verkorksten Gipfel-Stümperei.

Denn jetzt kommt der Gipfel daher und beschließt einen 5-Punkte-Plan, bei dem wirkliche ernsthafte Lockerungen an eine landesweite 7-Tages-Inzidenz von weniger als 50 gekoppelt sind. Geht‘s noch?

In Nordrhein-Westfalen lag die Inzidenz zuletzt am 16. Oktober 2020 mit 49,8 unter diesem Wert – das ist fast fünf Monate her. Seit dieser Zeit sind bereits mehr als 4,5 Millionen als besonders gefährdet eingestufte Menschen bei uns geimpft worden und täglich werden es mehr.

Wenn die Infektionszahlen jetzt steigen, dann trifft es vor allem weniger verletzliche Menschen, bei denen eine Infektion nach allem derzeitigen Wissen in der Regel leicht verläuft, oft nicht einmal bemerkt wird. Deshalb ist der starre Blick auf die Inzidenz von 50 geradezu eine Verhöhnung großer Teile der Menschen, die das Leben in unserer Gesellschaft prägen.

Die Aussicht auf eine Lockerung unter 50 ist da nichts anderes als eine geradezu vergiftete Beruhigungspille für die Einzelhändler, Gastronomen, Künstler, Hoteliers und viele, viele andere, deren Leben gerade den Bach abgeht. Es tut mir Leid, aber: So geht es nicht.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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