Ein Friseurmeister räumt ein, dass er auch im Lockdown privat Haare schneidet, weil er ansonsten finanziell kaum überleben könne. © dpa-tmn
Lockdown

Friseur packt aus: „Hatte heute elf Kunden und gestern auch“

Ein Friseur packt aus: Fast täglich hat der Mittdreißiger trotz Lockdown ein gutes Dutzend Kunden – auch aus dem Kreis Unna. Ihn plagt das schlechte Gewissen, doch er sagt auch: Das machen halt alle unter der Hand.

Mit dem zweiten harten Lockdown seit dem 16. Dezember war für den Friseurmeister klar: Diesmal schaffe ich es nicht, wenn ich mich dran halte. Seitdem empfängt der Familienvater seine Kunden privat – und schneidet weiter.

»Heute habe ich elf Leuten die Haare gemacht, gestern auch.«

Friseurmeister, anonym

Nach dem ersten Lockdown, den fünf Wochen im März und April 2020, fing für den selbstständigen Friseur, der anonym bleiben möchte, die harte Zeit erst richtig an. Die meisten Kunden blieben ihm treu, doch etliche habe er verloren.

„Es gibt Kunden, die sich jede Woche die Haare schneiden lassen. Die waren im Lockdown bei Kollegen, die sich dadurch eine goldene Nase verdient haben“, sagt der Saloninhaber, der auch Kunden aus dem Kreis Unna hat.

Im ersten Lockdown Familie und Freunde frisiert

„Ich habe mich strikt daran gehalten“, versichert der Besitzer eines mittelgroßen Geschäfts, in dem er vom Kleinkind bis zur Großmutter alle Altersklassen bedient. Ja, räumt er ein, gut zehn Personen habe er auch schon in den gut fünf Wochen Lockdown im Frühjahr die Haare gemacht; allerdings ausschließlich Familienmitgliedern und engen Freunden.

Als er am 5. Mai unter hohen Hygienestandards seinen Friseurladen wieder öffnen durfte, sei der Andrang zunächst immens gewesen. Alle, die wochenlang ihre Haare hatten wachsen lassen, wollten sofort einen Termin haben.

Nach dem Lockdown einen Öffnungstag gestrichen

Doch danach stellte der Chef von vier angestellten Friseuren fest: Es kommen nicht mehr alle, die früher Stammgäste waren. Nach einigen Wochen musste er sogar einen Öffnungstag streichen, weil die Termine weniger wurden, nur noch zwei Friseure standen zeitweise im Laden.

»Wir sind in Deutschland – uns geht es trotzdem gut.«

Friseurmeister, anonym

„Ich bin Arbeitgeber und muss Geld verdienen“, erzählt der Friseurmeister. Die Umsätze reichten aber nicht mehr für ein ordentliches Auskommen für alle. Im Herbst verließ ihn einer seiner Mitarbeiter und wechselte zu einem Salon näher an seinem Wohnort. „Er hat mir die Entscheidung abgenommen“, sagt der Chef; er hätte dem Angestellten ansonsten kündigen müssen.

Große Unsicherheit bei der Soforthilfe

Zu dieser Erfahrung während des ersten Lockdowns kam eine weitere hinzu, die ihn dazu bewogen habe, im zweiten Lockdown gegen die Regeln zu verstoßen. 10.000 bis 11.000 Euro Fixkosten habe er monatlich, wenn er alles zusammenzieht. Die 9000 Euro Soforthilfe, für drei Monate, aus dem vergangenen Jahr müsse er, hat sein Steuerberater ausgerechnet, wohl komplett zurückerstatten. Sollte sich nicht noch etwas zum Guten wenden in Berlin.

„Daraus ziehe ich meine Schlüsse“, sagt der Mittdreißiger, der Vater einer dreijährigen Tochter ist. Weil auch der Minijob seiner Frau „ruhend gestellt“ worden sei und damit weitere 450 Euro monatlich in der Familienkasse fehlen, hat er nach dem 16. Dezember mit dem Haareschneiden weitergemacht.

Umzug in 1a-Lage ist vorerst vom Tisch

„Heute habe ich elf Leuten die Haare gemacht, gestern auch“, erzählt er, der sonst ein sehr lebenslustiger Mensch ist, der im Gespräch an diesem Tag im Januar aber erschöpft wirkt.

»Verantwortungs-

bewusst ist das nicht, aber soll ich denn zusehen, wie mein Geschäft vor die Hunde geht?«

Friseurmeister, anonym

Es läuft alles unter hygienischen Schutzvorkehrungen, sein Kind und seine Frau kommen nicht in Kontakt mit den Kunden. Dennoch gibt der Friseurmeister zu: „Verantwortungsbewusst ist das nicht, aber soll ich denn zusehen, wie mein Geschäft vor die Hunde geht?“

Eine Vergrößerung seines Salons hatte er vor Corona noch geplant, einen Umzug vielleicht in eine 1a-Lage – die Pläne sind derzeit nur noch ein schöner Traum.

Der Friseur ist hin- und hergerissen. „Wir sind in Deutschland – uns geht es trotzdem gut“, sagt er mit Nachdruck. Leugnen oder „querdenken“, damit hat er nichts am Hut. „Aber wo ist die Moral von der Geschichte?“, fragt er rhetorisch, wenn man praktisch dazu genötigt werde, sich gegen die Vorschriften zu verhalten.

Polizisten kommen als Kunden

Die, die vor ihm auf dem Frisierstuhl sitzen, tun es ihm gleich. Selbst Mitarbeiter des Ordnungsamtes, Polizisten, Kriminalbeamte seien in den vergangenen Wochen zu ihm nach Hause gekommen.

Die Solidarität sei hoch. Manchmal gebe es zehn Euro Trinkgeld. Trotzdem sei das am Ende immer noch ein komisches Gefühl. Dass so viele kommen. Gegen die Regel. „Die allgemeine Meinung hält mich am Leben“, sagt der Friseurmeister und tröstet sich mit dieser Erkenntnis wohl auch ein wenig über sein schlechtes Gewissen hinweg.

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land

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