Der Impfstoff von Astrazeneca ist in den Verdacht geraten, Thrombosen auszulösen. Experten halten das für falsch. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Coronavirus

Experten schätzen die Thrombose-Gefahr durch Impfung mit Astrazeneca ein

Der Impfstoff von Astrazeneca ist in den Verdacht geraten, Thrombosen auszulösen. Mehrere Länder stoppten Impfungen mit diesem Serum, am Montag auch Deutschland. Nicht alle halten das für richtig.

Die Aufregung, die der Stopp der Impfungen mit dem Astrazeneca-Wirkstoff AZD1222 in Dänemark und Norwegen ausgelöst hat, ist groß. Dort waren in zeitlicher Nähe zu einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin vereinzelte Fälle von Blutgerinseln (Thromben) aufgetreten, die auch zu Todesfällen geführt haben. Zur Erklärung: Blutgerinsel (Thromben) können zum Verschluss von Blutgefäßen führen, was man als Embolie bezeichnet. Solche Embolien enden oft tödlich.

Am Wochenende haben auch die Niederlande die Impfungen mit diesem Vakzin vorerst ausgesetzt, obwohl dort bisher kein einziger Fall mit einer Thrombose als Nebenwirkung bekannt geworden ist. Und am Montag Nachmittag folgte auch Deutschland.

Das Bundesgesundheitsministerium stoppte die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca. Dabei berief sich das Ministerium auf eine aktuelle aktuelle Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Nach neuen Meldungen über Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa halte das Institut weitere Untersuchungen für notwendig, hieß es. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, „ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken“. Vor wenigen Tagen hatte das Paul-Ehrlich-Institut, die oberste für Impfstoffe zuständige Bundesbehörde, noch ganz anders argumentiert.

Bisher gebe es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Thrombosen und der Impfung, hatte das Institut noch am Donnerstag (11. März) berichtet. Auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) halte, so hieß es, an der positiven Bewertung des zugelassenen Astrazeneca-Impfstoffs fest.

Mit Stand vom vergangenen Mittwoch (10. März) seien, so das Paul-Ehrlich-Institut, laut EMA 30 Fälle von „thromboembolischen“ Ereignissen bei mehr als 5 Millionen mit dem Astrazeneca-Impfstoff geimpften Personen in Europa gemeldet worden. „Diese Anzahl ist nicht höher als die Zahl der thromboembolischen Ereignisse, die statistisch zufällig in der exponierten Bevölkerung auch ohne Impfung vorkommen würden“, teilt das Paul-Ehrlich-Institut in einer Einschätzung mit.

Experten sind sich einig

In Deutschland habe es bis Donnerstag (11. März) insgesamt elf Meldungen über unterschiedliche „thromboembolische“ Ereignisse bei etwa 1,2 Millionen Impfungen gegeben. Vier Personen seien gestorben. Es gebe bisher keinerlei Hinweise, dass die Impfung diese Erkrankungen verursacht hat, so das Paul-Ehrlich-Institut. Jetzt das Umdenken. Es seien weitere Untersuchungen erforderlich, hieß es.

Die neueste Entwicklung steht im Widerspruch zu einer Einschätzung des unabhängigen Science Media Centers Germany (SMC) in Köln, das zu diesem Thema eine Reihe von Experten befragte. Nach Recherchen des SMC treten Thromboembolien in Deutschland ein bis 3 Mal pro 1.000 Personen und Jahr auf und sind daher relativ häufig. In den Studien zum Impfstoff von Astrazeneca seien Blutgerinnungsstörungen bisher nirgendwo als unerwünschte Nebenwirkungen aufgetreten.

Laut SMC werden nach Impfungen häufig zufällig Krankheiten beobachtet, die man dann besonders wahrnimmt. In der überwiegenden Mehrheit hätten solche gemeldeten Verdachtsfälle ursächlich allerdings nichts mit den Impfstoffen zu tun.

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Bei der individuellen Risikoabwägung müsse man zudem beachten, dass es nach einer Covid-19-Erkrankung in 15 Prozent der Fälle zu Thrombosen komme. Das heißt: Nach einer Corona-Erkrankung ist – anders als nach bisherigen Erkenntnissen bei einer Impfung mit dem Astrazeneca-Serum – das Risiko, an einer Thrombose zu erkranken, sehr deutlich erhöht.

„Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen nicht zu erwarten“

Prof. Dr. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung der Charité in Berlin, sieht „aktuell keinen Grund zur Sorge“: „Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen. Allerdings zeigte sich bislang auch nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Astrazeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten.“

Ähnlich lautet auch die Einschätzung von Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie am Klinikum Schwabing in München: „Wenige, wenn auch als Einzelfälle immer bedauerliche Zwischenfälle (…) sorgen derzeit für öffentliche Aufregung bzw. Verunsicherung: Eine geimpfte Person starb 10 Tage nach Impfung an multiplen Thrombosen, eine andere Person erlitt eine Lungenembolie nach der Impfung, von der sie sich derzeit erholt.“ Zudem gebe es Berichte über zwei weitere Fälle.

Aktuell liege das Risiko für eine Thrombose nach einer Impfung mit diesem Wirkstoff laut EMA bei 1:170.000, sagt Wendtner. Das müsse man aber in Relation dazu setzen, dass unabhängig von Covid-19 in Deutschland jede Jahr pro 1.000 Einwohner etwa einer an einer Thrombose erkranke. Jährlich würden etwa 100.000 Menschen an der Folge von Thrombosen und Embolien sterben. Das sei die dritthäufigste Todesursache in Deutschland überhaupt.

Wendtners Fazit: „Insofern ist die berichtete Zahl der thromboembolischen Ereignisse nach AZD1222-Impfung in keinem Fall höher als die Anzahl der Thromboembolien, die statistisch zufällig in der exponierten Bevölkerung auch ohne Impfung vorkommen würden. Auch wäre das Risiko, an einer Covid-19 assoziierten Thrombose Schaden zu nehmen, um ein Vielfaches höher.“

Imageschaden für Astrazeneca-Impfstoff

Wendtner bedauert, dass das Image des Astrazeneca-Impfstoffs durch den Stopp der Impfkampagne in verschiedenen Ländern Schaden erleide: „Bereits jetzt ist ein Schaden gesetzt – nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch eine Aussetzung der Impfkampagne in einigen europäischen Ländern wie Dänemark und Norwegen.

Nachdem AZD1222 erst im Nachrückverfahren in Deutschland für ältere Patienten über 65 Jahre durch die STIKO (Ständige Impfkommission, d. Red.) empfohlen wurde und die nahezu 100-prozentige Schutzwirkung vor schweren Erkrankungsverläufen (…) nur latent kommuniziert wurde, ist bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet.“

„Der Blick sollte sich ins Vereinigte Königreich richten“, sagt Wendtner: „Bei mehr als 22 Millionen Geimpften, die größtenteils mit AZD1222 vakziniert wurden, sind auf der Basis eines sehr guten Berichtwesens bisher keine relevanten Sicherheitsbedenken geäußert worden. Vielmehr wirkt der Impfstoff, so dass Großbritannien dank dieses Impfstoffes inzwischen weniger Neuinfektionen und hospitalisierte Patienten registriert und hoffentlich bald aus der pandemischen Welle herausfinden wird.“

Prof. Dr. Anke Huckriede vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Groningen in den Niederlanden, sagte in der vergangenen Woche: „Die bislang vorliegenden Zahlen über die Inzidenz von Thrombose nach Impfung mit dem Astrazeneca Impfstoff scheinen mir kein Anlass zur Sorge. Im Vereinigten Königreich, wo bereits elf Millionen Dosen des Impfstoffs verabreicht wurden, wurde keine Zunahme von Thrombosefällen wahrgenommen. Da das Land ein sehr gutes Monitoringsystem hat, wäre eine Zunahme sicher registriert worden.“

Inzwischen hat Huckriede ihre Aussagen an die offensichtlich neuen Erkenntnisse angepasst. Dem Science Media Centre sagte sie: „Vergangene Woche sah es so aus, als würde es sich bei den aufgetretenen Problemen um gewöhnliche Thrombosen handeln. Die kommt recht häufig vor, was es relative unwahrscheinlich machte, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung vorliegen würde. Nun gibt es anscheinend neuere Informationen, dass es sich um eine sehr spezielle, selten vorkommende Form von Thrombose handelt, wovon nun kurz nach Impfung anscheinend einige Fälle aufgetreten sind. Das ist selbstverständlich schon verdächtig und sollte untersucht werden. Fakt bleibt aber, dass diese Thrombosen sehr selten beobachtet werden nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin, nach meinen bisherigen Informationen in deutlich weniger als 1 in 100.000 Geimpften.“

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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