Schüler arbeiten mit Laptops in der Schule und zu Hause. Dort auch mit Videokonferenzen. Der Kreis Recklinghausen hatte allerdings Geräte ohne Kamera gekauft. © picture alliance/dpa
Ergebnisse der Schulumfrage

Eltern, Lehrer und Schüler im Frust: Arbeitsblätter statt Videos, Laptops ohne Kamera

Zwischen Verzweiflung und Wut schwankt die Stimmung an vielen Schulen unserer Region – bei Schülern, Eltern und Lehrern. Das zeigt unsere große Schulumfrage, die schlimme Versäumnisse aufdeckt.

Wie geht es Lehrern, Schülern und Eltern beim Homeschooling in der Pandemie?

Wie funktioniert der Distanzunterricht? Das waren neben dem Stand der Digitalisierung der Schulen zwei zentrale Fragen, auf die unsere Redaktion Antworten finden wollte. Wir befragten daher online Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer in unserem Verbreitungsgebiet zwischen Dortmund im Osten und Dorsten im Westen, Schwerte im Süden und Ahaus im Norden. Wir erhielten 2.240 Antworten auf unsere Fragen, 1.364 von Eltern, 531 von Lehrkräften und 320 von Schülern ab 16 Jahren.

Repräsentativ sind die Ergebnisse nicht, aber bei einer so großen Teilnehmerzahl spiegeln sie doch ein realitätsnahes Stimmungsbild wider. Im ersten Teil unserer Analyse haben wir ausführlich über die Auswertung vieler einzelner Fragen zur digitalen Ausstattung unserer Schulen geschrieben.

An dieser Stelle geht es darum herauszuspüren, wie sich die Menschen fühlen, die täglich mit dem Thema Schule zu tun haben: Schüler, Eltern, Lehrer. Dazu empfiehlt es sich, vor allem auf die Kommentare zu blicken, in denen sich jeder frei äußern konnte. In 293 teils sehr ausführlichen Anmerkungen schrieben sich Umfrageteilnehmer ihre Empfindungen von der Seele. In ihrer Gesamtschau lassen die Äußerungen nur einen Schluss zu: Der Frust an unseren Schulen ist gewaltig, die Wut auf allen Seiten riesig und die Zustände sind mancherorts unvorstellbar.

Da es einen großen Unterschied macht, ob man als Schüler, Lehrer oder Elternteil die Dinge betrachtet, blicken wir getrennt auf die Äußerungen dieser drei großen Gruppen. Dabei ist allerdings eines klar: Wirklich zufrieden mit dem, was da gerade in unserem Bildungssystem geschieht, ist so gut wie niemand.

ZUR SACHE

WEITERE ERGEBNISSE DER UMFRAGe

Weitere Ergebnisse der Umfrage veröffentlichen wir in den nächsten Tagen. Weitere Themen sind unter anderem „Wie hat sich die Digitalisierung der Schulen in der Corona-Pandemie entwickelt“ und „Wie geht es Schülern, Lehrern und Eltern mit dem Distanzunterricht. Außerdem haben wir das Ministerium um eine Stellungnahme gebeten.

Außerdem: Für unterschiedliche Orte gibt es unterschiedliche Ergebnisse: Daher veröffentlichen wir die Ergebnisse auch für verschiedene Städte, Gemeinden und Kreise.

Die Sicht der Schülerinnen und Schüler

Wie das bei Schülerinnen und Schülern kaum anders zu erwarten wäre, stehen bei ihnen vor allem die Lehrerinnen und Lehrer im Zentrum der Kritik.

Eine Schülerin beziehungsweise ein Schüler eines Gymnasiums in Schwerte schreibt: „Wie setzen die Lehrer den digitalen Unterricht um? Gar nicht, in drei Fächern habe ich Konferenzen. Manche schicken nur Aufgaben, von anderen habe ich gar nichts gehört. Rückmeldungen gibt es nur in einem Fach.“ Vom selben Gymnasium heißt es: „,Wie sollen wir unsere Abiturprüfung schreiben?“ und „Lehrer wirken entweder überfordert oder lustlos“.

Aus einem Gymnasium in Dorsten gibt es eine differenzierte Einschätzung: „Das größte Problem sind die Einstellungen und Kompetenzen der Lehrer. Wenn ein Lehrer motiviert ist, sich mit technischen Geräten, Möglichkeiten auseinanderzusetzen, dann kann der Unterricht durchaus mit dem normalen Unterricht mithalten. Aber die meisten Lehrer setzen sich mit den technischen Möglichkeiten kaum bis gar nicht auseinander und somit leidet auch die Qualität des Unterrichts.“

Das sieht auch diese Schülerin, dieser Schüler einer Berufsschule in Ahaus so: „Der Inhalt wird lange nicht so gut vermittelt, wie es im Präsenzunterricht der Fall gewesen wäre.“

Ein(e) Gymnasiast(in) aus Dortmund macht sich sehr grundsätzliche Gedanken: „Wenn das Lernen von Angesicht zu Angesicht gegen einen Computer – fern ab jeglicher Realitätsverbindung – ausgetauscht werden soll, dann haben wir alle das volle Recht zu sagen: Die Zukunft wird schrecklich sein.“

Und auch diese(r) Berufsschüler(in) aus Dortmund beschäftigt sich mit der Zukunft: „Es ist wirklich traurig, wie weit Deutschland in der Digitalisierung hinterherhinkt. Ich befürchte, dass sich dies in der Zukunft rächen wird.“

Aber, auch das sei gesagt, es gibt auch diese knappen drei Wörter aus einer Berufsschule in Dortmund: „War alles gut“, wobei er/ sie mit dieser Meinung ziemlich alleine dasteht.

Die Sicht der Eltern

Noch deutlicher als ihre Kinder werden die Mütter und Väter in ihren Äußerungen. Positive Erfahrungen von ihnen sind so selten wie Schnee im Juli.

Allerdings bedankt sich eine Mutter, ein Vater beim Friedrich-Bährens-Gymnasium in Schwerte, das der Sohn besucht, für „engagierten Umgang mit dem Online-Unterricht“: „Die mir bekannten Lehrer des FBGs in Schwerte schaffen es wirklich hervorragend, den Unterricht täglich in allen Fächern mit Video-Konferenzen aufrecht zu erhalten. Dabei bleiben sie geduldig, feinfühlig persönlich und zwischendurch sogar witzig. Sie sind auch in der Lage, bei den Schülern herrschende technische Ungleichheiten zu improvisieren und sind selbst am Nachmittag oder Wochenende oft für Fragen erreichbar.“

Auch von der Sekundarschule in Legden gibt es Lob von Elternseite: „Die Paulus-van-Husen-Schule ist in der Corona Krise digital sehr gut aufgestellt. Sogar ein 71 Jähriger Lehrer gestaltet seinen Unterricht digital – in seinem Alter nicht selbstverständlich.“

Das waren dann aber auch schon die freundlichsten Worte, die Eltern in unserer Umfrage niederschrieben. Ansonsten gibt es einige differenzierte Stimmen wie die aus einem Gymnasium in Werne: „Es gibt deutliche Unterschiede beim Vermitteln von Lerninhalten, die aber abhängig von den Lehrern sind. Einige sind sehr engagiert und vermitteln den Stoff digital hervorragend. Anderen machen es sich leicht und verteilen ausschließlich Arbeitsblätter.“

Aus den Worten der meisten Väter und Mütter, die uns geschrieben haben, kann man allerdings nur noch Ärger und Wut über diesen oder jenen Missstand herauslesen. Eine kleine Auswahl:

Von einer Sekundarschule in Dorsten: „Unterrichtsinhalte genügend? Beispiel: Mein Sohn ist meist nach 10 bis 15 Minuten fertig mit den Aufgaben.“

Von der Overberg-Grundschule Fröndenberg: „Länge des digitalen Unterrichts? Bei uns waren das 30 Minuten pro Woche. Also so gut wie gar nicht. Absolute Katastrophe.“

Von einem Gymnasium in Schwerte: „Mein Sohn hat in der Q1 10 Fächer: Von 10 Fachlehrern bieten nur vier Audiokonferenzen an. Davon hat ein Lehrer es nur ein einziges Mal möglich gemacht.“

Von der Realschule Bönen: „Die Lehrer schicken Arbeitsblätter und Bücherkapitel zum Lernen, das ist dann digitaler Unterricht. Mein Sohn hat – wenn es hochkommt – zwei bis drei Stunden Videokonferenz in der Woche.“

Von einem Berufskolleg in Dorsten: „Die Lehrer des Berufskollegs Dorsten sind unfähig, digitalen Unterricht stattfinden zu lassen. Die Programme laufen nicht. An Online-Unterricht ist nicht zu denken. Schulnote 6 ist noch zu gut.“

Von der Sekundarschule Werne: „Ich bin eine berufstätige Mama, drei Kinder und arbeite fast Vollzeit! Wir sind und wollen keine Lehrer sein und werden! Ich bin enttäuscht von der Regierung, den Lehrern, man wird einfach im Stich gelassen.“

Aus einer Grundschule in Werne: „Bei uns an der Schule werden die Materialien alle ausgedruckt und dann über Elternvertreter verteilt und wieder eingesammelt! Ein Onlineunterricht wird von der neuen Schulleitung sogar verboten! Die Unterrichtsmaterialen werden dann in der Woche drauf wieder über die Elternvertreter zurückgegeben!“

Von einer Realschule in Dortmund: „Reine Beschäftigungstherapie.“

Von der Gesamtschule Kamen: „Mein Sohn hat in der Regel nur eine Unterrichtsstunde am Tag. Außerdem sind alle Kameras und Mikrofone ausgeschaltet, so dass es keine echte Interaktion mit dem Lehrer gibt. Es gibt keinen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler, um zu sehen, wie es dem Schüler geht – oder um zu kontrollieren, ob vielleicht eine Hausaufgabe nicht abgegeben wurde. Ich bin sehr frustriert.“

Aus einer Gesamtschule in Dortmund: „Jüngere Schüler sind überfordert. Und die Eltern haben nur selten die notwendigen Ressourcen. Unser Kind darf das Schuljahr wiederholen, um die Lerninhalte wirklich aufzuholen.“

Die Sicht der Lehrerinnen und Lehrer

Heftige Kritik üben ihrerseits Lehrerinnen und Lehrer an der Schulpolitik des Landes, aber auch an der Ausstattung ihrer Schulen, für die ja die Städte und Gemeinden zuständig sind. Viele von ihnen fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und verweisen darauf, dass beispielsweise nicht nur die Schulen selbst eine gute digitale Infrastruktur benötigen, sondern auch die Schülerinnen und Schüler. Hier eine Auswahl der Stimmen von Lehrerinnen und Lehrern:

Von der Gesamtschule Fröndenberg: „Wie gut ist das Internet bei den Schülern? Das ist nämlich das größere Problem als die Endgeräte.“

Von der Gesamtschule Schwerte: „Wir arbeiten mit der App Teams, das geht sehr gut! Leider erreicht man nicht alle Schülerinnen und Schüler, aber wir bemühen uns alle sehr und richten nun study rooms in der Schule ein.“

Vom Gymnasium Bönen: „Der Schulträger, die Gemeinde Bönen, verlangsamt und behindert die Digitalisierung und Ausstattung.“

Von einer Grundschule in Dorsten: „Es ist traurig, dass in Medien Lehrer dargestellt werden, als wären sie zu faul oder zu dumm, sich in digitalen Unterricht einzuarbeiten. Das Gegenteil ist der Fall. Ich arbeite ausschließlich mit privaten Endgeräten und selbst bezahlter Software, muss mir zeit- und energieaufwändig alles selbst beibringen und permanent der Datenschutzkeule ausweichen. Wertschätzung? Fehlanzeige.“

Von einem Berufskolleg in Dortmund: „Darin bin ich in meiner Lehrerausbildung nicht ausgebildet worden. Alles autodidaktisch.“

Von der Hauptschule in Haltern: „Peinlich bis lächerlich war vor allem die Mitteilungsart über den Beginn des Lockdowns im Dezember. Während der Unterrichtszeit konnte man erst durch Schüler – die eigentlich gegen die geltenden Anordnungen ihr Handy benutzt haben – erfahren, dass es zu einem Lockdown kommt.“

Von einer Förderschule in Holzwickede: „Einige Schulen haben quasi keine digitale Ausstattung. Uralte geschenkte Laptops und abgelegte IPads, die man in den Klassenräumen mit privatem Hotspot ans Netz bekommt, sind Standard.“

Aus einer Grundschule in Dortmund: „In meiner Schule gibt es weder Tablets noch sicheres WLAN, mit denen z.B. Kinder in der Notbetreuung am Distanzunterricht ihrer Klasse teilnehmen könnten. Die Lehrer haben ihre (privat gekauften) Materialien und Whiteboards aus der Schule mit nach Hause genommen, um von dort an ihren privaten Geräten die Schüler überhaupt durch ein digitales Angebot erreichen zu können. Wie Minister zu dem Schluss kommen, dass das Lernen auf Distanz grundsätzlich gut funktioniert, ist mir ein Rätsel!“

Von einer Berufsschule in Haltern: „Schülerinnen und Schüler aus bildungsschwachen Familien werden zunehmend abgehängt. Meine Klasse spricht von Überforderung, dauerhaftem Stress und zunehmender Abgeschlagenheit.“

Aus einer Hauptschule in Dortmund: „An meiner Schule werden in allen Fächern Videokonferenzen angeboten. In jeder 1. Stunde wird die Anwesenheit kontrolliert. Schulsozialarbeiter telefonieren fehlende Schüler ab. Viele Lehrer arbeiten sehr viel, sehr gerne und äußerst engagiert. Meinen Arbeitsplatz zu Hause habe ich mir überwiegend selbst ausgestattet.“

Aus einer Realschule in Bergkamen: „Die meisten Lehrkräfte machen aus ursprünglich fast nichts ein Top-Lernangebot. Für Lehrkräfte, die sich als Medienbeauftragte kümmern, gibt es keinerlei Entlastung. Welches Unternehmen mit 500 oder mehr Personen lässt seine IT durch nicht ausgebildete Mitarbeiter pflegen?“

Von einem Berufskolleg in Unna: „Nun sind Tablets für alle Schulen des Schulträgers mit 32 GB bestellt worden, die schon mit drei digitalen Lehrbüchern leistungsmäßig überlastet sind. Diese Endgeräte für Lehrer sind völlig überflüssig und in der Praxis nicht nutzbar. Geld zum Fenster herausgeworfen.“

Und zum Schluss eine besonders krasse Äußerung eines Lehrers beziehungsweise einer Lehrerin einer Berufsschule in Recklinghausen: „In unserer Schule liegt der Glasfaser-Anschluss im Keller bereit, aber wir dürfen ihn nicht nutzen. Bei uns liegen Laptops für Lehrer und Schüler bereit, aber jetzt ist aufgefallen, dass der Kreis Laptops ohne Kamera geordert hat.“

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Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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