Katholische Kirche

Das Problem der Kleriker: Ein Selbstbild „wie im Mittelalter“

Wieder einmal kommen die katholischen Bischöfe zusammen. Ihre Kirche wird in der Öffentlichkeit oft mit sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht. Das Vertrauen in die Kirche ist kaum vorhanden.
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, stand zuletzt wegen eines unveröffentlichten neuen Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln in der kritik. © picture alliance/dpa

Trotz Absage der Rosenmontagszüge hat der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly vergangene Woche noch einige Satire-Figuren auf die Straße gebracht, darunter einen katholischen Bischof. Dessen Mütze bestand aus einer gigantischen männlichen Eichel. Unterschrift: „Das Kernproblem der katholischen Kirche“.

Die 68 Bischöfe, die sich an diesem Dienstag zu ihrer Frühjahrsvollversammlung zusammenschalten, dürften dies vermutlich mehrheitlich als grobe Obszönität abtun. Doch eines lässt sich kaum bestreiten: Wenn in der deutschen Öffentlichkeit von der katholischen Kirche die Rede ist, dann ist dies inzwischen sehr häufig, um nicht zusagen meistens im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern der Fall.

Für eine Institution, die sich selbst als ethische Instanz betrachtet, muss dies eine verheerende Entwicklung sein. Tatsächlich wird die katholische Kirche von vielen in der Gesellschaft nicht mehr als moralische Autorität anerkannt. „Das Vertrauen in die katholische Kirche liegt seit Jahren deutlich unter dem Vertrauen in die evangelische Kirche“, erläutert der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster.

Kirche gehört zu den Institutionen, denen die Bevölkerung am wenigsten vertraut

Während kaum mehr als ein Siebtel der deutschen Bevölkerung der katholischen Kirche Vertrauen schenke, liege der Prozentsatz für die evangelische Kirche immerhin mehr als doppelt so hoch. Beide Kirchen gehörten jedoch zu denjenigen Institutionen, denen die Bevölkerung am wenigsten vertraue, vergleichbar mit Banken, Arbeitgeberverbänden oder – am geringsten bewertet – Werbeagenturen.

Ein sehr hohes Vertrauen genießen dagegen Polizei, Ärzte, Universitäten und das Bundesverfassungsgericht. Pollack erklärt das damit, dass diese Berufsgruppen und Institutionen einen klaren gesellschaftlichen Nutzen hätten. „Sie gehen mit den Problemen der Menschen um, aber erstreben keinen Nutzen für sich, sondern für andere, ja letztlich für alle.“

Banken, Unternehmen und Werbeagenturen unterstelle man dagegen eigennützige Absichten. „Offenbar werden die Kirchen diesem Organisationstyp zugeschlagen.“ Dazu komme, dass die Kirchen, insbesondere die katholische, mit hohen moralischen Ansprüchen aufträten und ihnen Fehlverhalten deshalb besonders angelastet werde.

Selbstwahrnehmung der Bischöfe wie im Mittelalter

Der Blick von außen auf die Kirche ist demnach skeptisch – die Selbstwahrnehmung der Bischöfe und Priester fällt hingegen ganz anders aus. Die Wurzeln dafür reichen tief in die Jahrtausende alte Geschichte der Kirche zurück. „Ich finde es geradezu irritierend, wie gut man als Mittelalter-Historiker heute noch versteht, was in der katholischen Kirche vor sich geht“, sagt Prof. Martin Kaufhold von der Universität Augsburg.

„Was manche Bischöfe heute teilweise äußern, hätte so schon im 12. oder 13. Jahrhundert gesagt werden können.“ Nach wie vor sehen sich die Geistlichen als Vermittler zwischen Gott und den Menschen, wozu sie sich durch die Priesterweihe ermächtigt fühlen. „Die Angehörigen dieser Gruppe sind in erster Linie dem göttlichen Gesetz unterworfen und nur in begrenzter Weise den bürgerlichen Gesetzen“, sagt Kaufhold.

„Wenn man sich mal anschaut, wieviele Priester sich wegen des Kindesmissbrauchs vor Strafgerichten verantwortet haben, das sind nur sehr wenige, obwohl es sich in vielen Fällen um Verbrechen handelt.“ Dieses Selbstverständnis sei im Mittelalter entwickelt worden. Die damaligen Gläubigen „brauchten die Priester, die näher bei Gott standen und den normalen Menschen deshalb in der Beichte garantieren konnte, dass ihnen ihre Sünden vergeben waren. Das war ein echtes Bedürfnis, und daraus hat sich das Priesterbild in hohem Maße entwickelt“, so der Historiker.

Katholische Kirche in Deutschland im Reformprozess

Heute gehen selbst von den praktizierenden Katholiken nur die wenigsten zur Beichte. Das mittelalterliche Priesterbild habe in der Gesellschaft keine Verankerung mehr, analysiert Kaufhold, der selbst katholisch ist. Die Kirche müsse darauf reagieren. „Und zwar bald, wie mir scheint.“ Tatsächlich läuft derzeit in der katholischen Kirche in Deutschland ein Reformprozess, der Synodale Weg.

Dabei geht es um durchaus grundsätzliche Fragen: den Umgang mit Macht, die kirchliche Sexualmoral, die Stellung der Frauen und die priesterliche Ehelosigkeit. An der Sonderstellung der Kleriker jedoch können die deutschen Gläubigen – selbst wenn sie wollten – nichts ändern: Das wäre eine Frage für die gesamte Weltkirche. Und darüber entscheidet nur der Vatikan.

dpa

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