Während der Corona-Pandemie werden geltende Regeln innerhalb weniger Wochen über den Haufen geworfen. Manche Menschen haben mit der Strukturlosigkeit besonders hart zu kämpfen. Dazu gehört die Asperger-Autistin Lea Körner, die gemeinsam mit ihrer Mutter Birgit Körner über ihren Alltag berichtet. © Udo Hennes
Inklusion

Corona bringt junge Asperger-Autistin (23) immer wieder an die Belastungsgrenze

Die junge Autistin Lea Körner braucht in ihrem Alltag eine geregelte Struktur. Dieses Bedürfnis bleibt schon lange auf der Strecke. Der Corona-Alltag ist für sie teilweise kaum zu ertragen.

Für ein Foto rücken Lea und Birgit Körner eine Bank zurecht, bringen sie mehrere Meter von ihrem ursprünglichen Platz am Ende des recht schmalen, aber sehr langen Gartens in die Mitte des grünen Rasens. Nachdem sie auf der Bank sitzend vor der Kamera posiert haben, soll es sofort mit einem Gespräch losgehen.

„Was machen wir mit der Bank?“, fragt Lea, Mutter Birgit antwortet: „Die räumen wir später weg.“ Viele Kinder hätten das durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen, hätten sich sofort auf etwas anderes konzentriert, am besten etwas, was ihnen Spaß macht. Lea ist anders. Aus ihrer Sicht sollte die Bank besser sofort zurück an jenen Ort, an dem sie sonst immer steht.

Eine Bahn kommt zu spät, ein Bus fällt aus: Für Lea Körner ist die Einhaltung von Regeln sehr wichtig. Entscheidend ist der Fahrplan.
Eine Bahn kommt zu spät, ein Bus fällt aus: Für Lea Körner ist die Einhaltung von Regeln sehr wichtig. Entscheidend ist der Fahrplan. © Carlo Czichowski © Carlo Czichowski

Die zurückliegenden zwölf Monate waren für Lea Körner alles andere als leicht. Wenn sie redet, denkt sie viel nach, macht mehrere kleine Redepausen. Dann bringt sie das, was sie ausdrücken will, pragmatisch und kompromisslos auf den Punkt. Um den heißen Brei herum zu reden oder Smalltalk zu machen, das ist nicht ihr Ding.

Seit einem Jahr ist der Stress viel größer geworden

Die junge Holzwickederin hat das sogenannte Asperger-Syndrom, das dem Autismus-Spektrum zugerechnet wird. Es ist eine Behinderung, deren Begleiterscheinungen sie auch im Alltag vor der Corona-Pandemie schon stark gefordert haben.

Corona, Corona und nochmal Corona: Seit Monaten verfolgt Lea Körner in den Nachrichten die Entwicklung der Pandemie. Die Asperger-Autistin aus Holzwickede muss sich an neue Regeln meist etwas länger gewöhnen als die meisten Menschen.
Corona, Corona und nochmal Corona: Seit Monaten verfolgt Lea Körner in den Nachrichten die Entwicklung der Pandemie. Die Asperger-Autistin aus Holzwickede muss sich an neue Regeln meist etwas länger gewöhnen als die meisten Menschen. © Udo Hennes © Udo Hennes

Seit einem Jahr ist der „Stress“, von dem sie in diesem Zusammenhang spricht, viel größer geworden. Denn Asperger-Autisten haben eine Eigenart, die sie im Alltag mitunter vor eine Belastungsprobe stellt, nicht selten auch viel Zeit raubt: Sie benötigen viel Struktur, klare Regeln und festgezurrte Konventionen.

Wer braucht einen Einkaufswagen? Alle paar Wochen werden die Regeln geändert

Die Pandemie stellt dieses Bedürfnis auf die Probe. Ein Einkauf im Supermarkt, so berichten Mutter und Tochter, ist ein Beispiel dafür. Zu Beginn der Pandemie haben Discounter und Supermärkte zeitnah die Regel eingeführt, dass jeder Haushalt zwingend einen Einkaufswagen benötigt, um den Laden zu betreten.

Brauche ich einen eigenen Wagen oder reicht es, wenn meine Mutter einen hat? Ein Einkauf im Supermarkt kann für die Asperger-Autistin Lea Körner in der Corona-Krise zur Belastungsprobe werden.
Brauche ich einen eigenen Wagen oder reicht es, wenn meine Mutter einen hat? Ein Einkauf im Supermarkt kann für die Asperger-Autistin Lea Körner in der Corona-Krise zur Belastungsprobe werden. © Carlo Czichowski © Carlo Czichowski

An ein Erlebnis erinnern sich die beiden noch besonders gut. Die Regel, an die sich Lea bereits gewöhnt hatte, wurde gerade ausgeweitet. Für kurze Zeit musste jeder Kunde einen eigenen Wagen nehmen. Vor dem Laden, so berichten die beiden, habe Lea große Schwierigkeiten gehabt, sich spontan auf diese Regel einzustellen, sei sogar den Tränen nah gewesen.

Wie bei den meisten anderen Asperger-Autisten reagiert Lea auf Strukturmangel und Unregelmäßigkeiten mit besagtem Stress. Wenn etwas Lea Körners Pläne durcheinanderwirft, überkommt sie ein Gefühl, dass sie nur sehr schlecht aushalten kann. Wenn sich die Bahn verspätet, ein Bus nicht kommt, dann wird so etwas für sie zur Belastungsprobe.

Inklusionsarbeit wurde durch Corona zurückgeworfen

Näher beschreiben kann sie den Stress, den solche Situationen verursachen, nicht wirklich. Es handelt sich um eine Art inneren Unfrieden, der sich je nach Sachverhalt bei ihr ausbreitet. Mal ist der Stress größer und manchmal kleiner. Wenn sich das Problem lösen lässt, verschwindet der Stress.

Zum Beispiel wie bei der Sitzbank im Garten. Fürs nächste Foto geht Lea Körner in die Küche, warnt den Fotografen aber vor: „Das Licht hier flackert ein bisschen“, sagt sie. Sie habe ihre Mutter schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Glühbirne ausgetauscht werden müsste. „Wenn das Licht flackert, ärgert mich das. Aber es stört mich nicht so sehr, dass es mich wirklich belastet.“

Lea Körner geht es nicht nur um ihre Situation. Sie will stellvertretend für viele andere Menschen, die in der Gesellschaft zu den Schwächeren gehören und eine Behinderung haben, auf Missstände aufmerksam machen.

Die Schwächsten kommen in der Corona-Krise zu kurz

Durch die Corona-Pandemie, so erzählt sie, hat die bundesweite inklusive Arbeit einen herben Rückschlag hinnehmen müssen. Ein möglichst gleichberechtigtes Leben für alle Menschen, davon sei man in Deutschland zuletzt weiter weggerückt. Ihre These lautet: Auf die Schwächsten der Gesellschaft hat man in der Krisenzeit weniger geachtet als zuvor.

Wenn sich Lea Körner bei der Arbeit besser konzentrieren möchte, hört sie gerne Musik. Zum Beispiel, wenn sie ihrer Mutter beim Kochen hilft.
Wenn sich Lea Körner bei der Arbeit besser konzentrieren möchte, hört sie gerne Musik. Zum Beispiel, wenn sie ihrer Mutter beim Kochen hilft. © Udo Hennes © Udo Hennes

Das kann die Holzwickederin auch anhand eines Beispiels beweisen: Bei der Impfkampagne, so erläutert sie, habe man ausschließlich Menschen mit Behinderung angemessen unterstützt, die in einer Einrichtung leben. Wer zuhause wohnt und stark eingeschränkt ist, der musste bisher auf einen langersehnten Termin warten. So ist es jedenfalls übereinstimmenden Medienberichten zu entnehmen.

Hinzu kommen Menschen wie Lea Körner, die durch die pandemischen Begleiterscheinungen stärker beeinträchtigt sind als einige andere. Die Hürden, die es vorher schon für Behinderte gab, die sind durch Corona im Zweifel eben noch höher geworden.

Ein Besuch bei der Lieblingsband hat 2020 noch geklappt

Lea Körner kann mit ihrer Behinderung jedenfalls verhältnismäßig gut leben. Ihr Ziel ist es, ein Leben zu führen, das sie so selbstständig wie möglich meistern kann. In dieser Sache hat sie kurz nach Ausbruch der Corona-Krise einen großen Fortschritt gemacht, auf den sie sehr stolz ist.

Im Frühjahr 2020 hat sie eine Karte für ein Konzert ihrer Lieblingsband Culcha Candela bekommen. Mehrere Wochen wurde sie von ihrer Therapeutin darauf vorbereitet, das Konzert völlig alleine zu besuchen und mit Öffentlichem Personennahverkehr nach Dortmund zu fahren. Ein „falscher“ Reiz – und Lea hätte mit besagtem Stress zu kämpfen gehabt. Ohne Begleitung etwa ihrer Mutter hätte diese Situation problematisch werden können; denn Fremde um Hilfe zu bitten, fällt ihr schwer.

Weil sie den Ausflug gut überstanden hat und beim Konzert obendrein noch viel Spaß hatte, war es für sie am Ende ein Erfolg. Ein Erfolg, an den sie anknüpfen möchte – egal ob mit oder ohne Corona-Pandemie.

Über den Autor
Redaktion Unna
1993 in Hagen geboren. Erste journalistische Schritte im Märkischen Sauerland, dann beim Westfälischen Anzeiger in Werne. Spielt in seiner Freizeit gerne Handball und hört Musik.
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