Schieflagen oder Schäden an der Abwasserleitungen erkennen Hauseigentümer oft erst nach Jahren und mit aufwendigen Untersuchungen. Oft haben sie noch Anspruch auf Entschädigung durch den Bergbau. © Stefan Milk
Hauseigentümer

Bergschäden: Unter diesen Bedingungen zahlt der Bergbau noch

Auch wenn der Kohleabbau schon lange beendet ist, muss der Bergbau noch für Schäden aufkommen, die er verursacht hat. Ein Fachmann erklärt, wer noch Ansprüche auf Entschädigung hat.

Die anwesenden Einwohner der Zechensiedlung waren schockiert, als ein Mitarbeiter der Stadt Bergkamen im Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz die Pläne für den Baumbestand in Schönhausen vorstellte. Der Bergbau zahle keine Entschädigungen mehr für Bergschäden in der Siedlung, sagte er. Das gelte auch für Schäden an der sogenannten „Grundleitung“, der privaten Abwasserleitung zwischen Haus und Abwasserkanal.

Aber das stimmt so nicht, sagt Gutachter Magnus von Bormann aus Kamen. Er betreibt in Herne ein Büro, das sich um die Regulierung von Bergschäden kümmert. Die meisten Hauseigentümer in Bergkamen hätten noch immer Anspruch auf Entschädigungen von der RAG-Stiftung für Bergschäden. Das gilt nicht nur für die Siedlung Schönhausen, sondern für weite Teile von Bergkamen und für das nördliche Ruhrgebiet. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die Zechen sind alle stillgelegt. Gibt es überhaupt noch einen Anspruch auf Entschädigungen für Bergschäden?

Ja, die RAG-Stiftung muss immer noch für Schäden durch den Bergbau aufkommen. Das gilt noch so lange, bis sie verjährt sind.

Sind die Ansprüche nicht in den meisten Fällen längst verjährt?

Nein, oft gibt es noch Ansprüche, auch wenn die Zechen in der Nähe schon lange stillgelegt sind. Dabei spielen zwei Verjährungsfristen eine Rolle. Die eine beträgt nur drei Jahre. Wenn ein Hauseigentümer einen Schaden an seinem Haus feststellt und der Verursacher klar ist, muss er den Schaden innerhalb von drei Jahren zur Entschädigung anmelden, erklärt von Bormann.

Auch im Pflaster kann es zu Schäden durch Bergsenkungen kommen. © Archiv © Archiv

Aber was ist, wenn ich erst jetzt einen Schaden an meinem Haus bemerke?

Dann kommt es darauf an, wann der letzte Abbau unter dem Haus war. Dabei ist die 30-Jährige Verjährungsfrist wichtig. Das heißt: So lange muss der Bergbau noch Schäden regulieren, die innerhalb dieser Zeit entdeckt werden.

Beginnt die Frist nach dem Ende des Abbaus?

Nein, sie setzt nach Angaben des Gutachters Magnus von Bormann fünf Jahre nach dem letzten Abbau ein. Die RAG geht selbst davon aus, dass es so lange noch zu Schäden durch Bergsenkungen kommen kann.

Nicht alle diese Schäden werden sofort bemerkt – vor allem nicht an Leitungen im Boden oder wenn das Haus in eine Schieflage gerät. Schäden an der Abwasserleitung bringt oft erst eine aufwendige Kamerauntersuchung ans Licht.

Die veranlassen Hauseigentümer meist erst, wenn es Probleme gibt – zum Beispiel wenn das Abwasser nicht mehr richtig abfließt, weil Baumwurzeln in die schadhaften Stellen eingewachsen sind.

Hauseigentümer bemerken Bergschäden an der Abwasserleitung oft erst, wenn Wurzeln in die Leitung wachsen. © Archiv © Archiv

Erkennt der Bergbau solche Ansprüche problemlos an?

Der Bergbau erkennt in der Regel an, dass Hauseigentümer solche Schäden oft erst bemerken, wenn der Abbau schon seit vielen Jahren beendet sind. Das gilt auch für Schieflagen, die meist nicht ohne weiteres zu sehen sind.

Wenn die 30 Jahre vorüber sind – also insgesamt 35 Jahre nach Abbauende – sind allerdings alle Ansprüche verjährt.

Gilt diese Frist für das gesamte Stadtgebiet oder den gesamten Stadtteil?

Nein, diese Frist ist je nach Standort des Hauses sehr unterschiedlich. In Bergkamen haben beispielsweise Hauseigentümer im Bergkamener Stadtteil Overberge und in Teilen des Stadtteils Rünthe am längsten Zeit. Unter diesem Bereich baute das Bergwerk Ost noch bis zu seiner Stilllegung im Jahr 2010 ab. Zur Verjährung aller Ansprüche kommt es erst am 31. Dezember 2045.

Im Süden von Bergkamen-Mitte, zum Beispiel im Bereich Schützenheide, endete der letzte Abbau bereits 1986. Dort sind alle Ansprüche ab dem 31. Dezember dieses Jahres verjährt.

An vielen Gebäuden in Bergbaugebieten sind Risse aufgetreten. Solche offensichtlichen Schäden sollten sofort gemeldet werden, sonst können Entschädigungsansprüche verjähren. © Archiv © Archiv

Grundsätzlich können Eigentümer in Bergkamen-Mitte davon ausgehen, dass der Abbau um so länger im Gange war, je weiter sich ihr Haus im Norden befindet, sagt von Bormann. Unter Schönhausen oder im Bereich des Rathauses endete der Abbau um 1992/1993. Dort setzt die Verjährung erst nach Ende 2027 oder 2028 ein. Der letzte Abbau unter Teilen von Oberaden war 1994/1995.

Habe ich auch Anspruch auf Entschädigung, wenn ich das Haus erst vor einigen Jahren gekauft habe?

Da gibt es einen rechtlichen Fallstrick für Hauseigentümer: Anspruch auf eine Entschädigung bei Bergschäden haben alle Hauseigentümer, denen das Gebäude bereits gehört hat, als der Kohleabbau unter dem Grundstück noch im Gange war. Bei allen, die das Haus erst später gekauft haben, muss im Kaufvertrag ausdrücklich vermerkt sein, dass der Verkäufer die Ansprüche an den Käufer übertragen hat.

Durch den Abbau sind unter Tage Hohlräume entstanden. Wenn sie zusammenbrechen, kann das über Tage Auswirkungen haben. © picture-alliance/ dpa © picture-alliance/ dpa

Was soll ich am besten tun als Hauseigentümer?

Es lohnt sich für Hauseigentümer im gesamten nördlichen Ruhrgebiet nachzufragen, wann der Abbau unter ihrem Gebäude geendet hat. Falls das nach 1985 war, können sie möglicherweise noch Entschädigungsansprüche anmelden. Sie sollten dann prüfen, ob es eine Schieflage gibt und die Abwasserleitung untersuchen lassen.

Ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen?

Ja, auf jeden Fall. Für Hauseigentümer sind solche Verhandlungen mit der RAG-Stiftung schwierig. Behilflich bei solchen Fragen sind Vermessungs- und Gutachterbüros, die sich auf Bergschäden spezialisiert haben oder Vereine wie der „Verband der Bergbaugeschädigten Haus- und Grundeigentümer“ (VBHG). Sie übernehmen meist auch die Verhandlungen mit dem Bergbau.

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Über den Autor
Redaktion Bergkamen
Geboren 1960 im Münsterland. Nach dem Raumplanungsstudium gleich in den Journalismus. Mag Laufen, Lesen, Fußball und den BVB ganz besonders. An den Bergkamenern liebt er ihre Offenheit. Die Stadt ist spannend, weil sie sich im Strukturwandel ganz neu erfinden muss und sich viel mehr ändert als in anderen Städten.
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Michael Dörlemann

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