So wie auf diesem Urlaubsfoto von einer Kreuzfahrt bleibt Marlis Hupe ihrer Familie, Freunden und Bekannten in Erinnerung: fröhlich, hilfsbereit und lebenslustig. © privat
Eine Corona-Tote und ihre Geschichte

Als Marlis Hupe mit dem Coronavirus starb

Es heißt so oft, dass jemand an oder mit Corona gestorben ist. Aber was bedeutet das? Dies ist die Geschichte von Marlis Hupe, einer lebenslustigen Frau aus Kamen.

An ihrem 79. Geburtstag erfährt Marlis Hupe, dass sie positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die verwitwete Rentnerin ist ein Mensch mit fröhlicher Ausstrahlung – trotz ihrer gesundheitlichen Probleme. Seit ihr Anfang 2020 nach drei Knie-Operationen der Unterschenkel amputiert werden musste, bleibt sie mit einem elektrischen Rollstuhl mobil. Damit ist sie nicht nur im Pflegeheim unterwegs, wo sie wohnt, sondern auch draußen.

Aber nun ist ihre Wohngruppe im Altenheim Peter und Paul in Kamen-Methler abgeschottet. Neun von 50 Bewohnern sowie vier Mitarbeiter der Caritas-Einrichtung haben sich zu diesem Zeitpunkt, am 30. November, nachweislich mit dem Virus infiziert. Es gilt ein Besuchsverbot, das heißt: Auch Marlis Hupe darf ihre Angehörigen nicht sehen.

Die lebenslustige und geistig fitte Frau hält nun telefonischen Kontakt zur Familie. Sie berichtet von einem milden Verlauf ohne Fieber. Doch nach etwa zwei Wochen lassen die Anrufe der Mutter und Oma nach. Marlis Hupe ist geschwächt, müde und schläft viel, sodass sie im Bett liegt – oder im Bett liegen muss. Es bildet sich ein Druckgeschwür, oft ein Anzeichen für Pflegemängel. Sie bekommt eine beidseitige Ohrspeicheldrüsenentzündung. Diese Erkrankung wird durch geringe Flüssigkeitsaufnahme begünstigt.

Susanne Karsten mit einem Foto ihrer Mutter Marlis Hupe: „Sie hatte Spaß am Leben.“
Susanne Karsten mit einem Foto ihrer Mutter Marlis Hupe: „Sie hatte Spaß am Leben.“ © Privat © Privat

Bitte passen Sie auf meine Mutter auf

Tochter Susanne ruft regelmäßig im Pflegeheim an oder wird angerufen und bekommt die Auskunft, dass den Umständen entsprechend alles gut sei. „Bitte passen Sie auf meine Mutter auf“, gibt sie den Pflegekräften voller Sorge mit.

Die Tochter dringt auf eine sorgsame Pflege und intensive hausärztliche Betreuung, bis eine andere Hausärztin die Patientin übernimmt. Marlis Hupe wird schließlich vor Weihnachten ins Krankenhaus eingewiesen. Es beginnt eine Phase des Hoffens und Bangens.

Eine Ausbildung aus Hauswirtschafterin

Die Methleranerin kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken – dabei trifft sie früh ein schwerer Schicksalsschlag. Als Marlis Laab, so ihr Geburtsname, ungefähr 13 Jahre alt ist, verunglückt ihr Vater auf der Schachtanlage Haus Aden tödlich. Ihre Eltern hatten gerade angefangen, das Haus am Langen Kamp in Methler zu bauen. Früh muss Marlis häusliche Pflichten übernehmen und auf ihre drei jüngeren Geschwister aufpassen.

Mit 15 Jahren beginnt sie eine Ausbildung als Hauswirtschafterin bei der Familie des Arztes Dr. Specht. Dort fühlt sie sich gut aufgehoben – fast wie eine eigene Tochter.

Den Mann in der Badeanstalt kennen gelernt

Ihren Mann Horst, Schlosser auf Haus Aden, lernt sie in der damaligen Methleraner Badeanstalt kennen. Sie heiraten im Juni 1962, sie ist 20 Jahre alt, er zwei Jahre älter. Im Oktober wird die erste Tochter Susanne geboren. Die junge Familie zieht zunächst an die Friedenstraße nach Oberaden. 1967 kommt die zweite Tochter Sabine. Als die Erstgeborene neun Jahre alt ist, zieht die Familie zurück nach Methler. Marlis und Horst Hupe übernehmen das Haus ihrer Mutter am Langen Kamp.

Marlis und Horst Hupe an ihrem 50. Hochzeitstag im Jahr 2012.
Marlis und Horst Hupe an ihrem 50. Hochzeitstag im Jahr 2012. © Stefan Milk © Stefan Milk

Viele Methleraner, die ihre Wäsche zur Reinigung Brachmann an der Robert-Koch-Straße gebracht haben, werden Marlis Hupe kennen. Sie arbeitet dort von den Siebzigern bis in die Neunziger Jahre.

Die Hupes haben in Methler einen großen Freundes- und Familienkreis. Marlis ist beliebt und hilfsbereit. Mit dem späteren Bürgermeister Hupe, so wird erzählt, ist Ehemann Horst allenfalls entfernt verwandt. Sie besucht die Frauenhilfe der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Methler, die Eheleute nehmen an Aktivitäten des SGV Methler teil.

Das reiselustige Paar kommt auf Kreuzfahrten herum. Im Alltag widmen sie viel Zeit der Familie: den beiden Töchtern, später den Enkeln Sebastian, Annika und Malte, und Marlis auch den beiden Urenkeln Noah und Louis.

Das Haus wird zu groß

Als das Haus am Langen Kamp zu groß geworden ist, ziehen die Eheleute 2012 in eine Wohnung an die Otto-Hahn-Straße. Sie feiern dort im selben Jahr die Goldene Hochzeit. „Glücklich waren sie dort leider nicht sehr lange“, blickt ihre Tochter Susanne Karsten zurück.

Marlis kränkelt, ihr Mann verändert sich: Demenz. 2015 stirbt er im Alter von 74 Jahren. Zwei Jahre später folgt für die Witwe der Umzug ins Pflegeheim.

Das war wie Folter

Anfangs geht es gut. „Leider wurde meine Mama immer kränker“, sagt die Tochter. „Hüftgelenk-OP, drei Knie-OPs, Herz und Nieren und zu allem Überfluss eine Autoimmunerkrankung. Diese war wie Folter für sie.“

Marlis Hupe verbringt während des Heimaufenthalts einige Zeit in Krankenhäusern. Sie beklagt sich bei ihren Kindern über die Behandlung im Altenheim. Die Pflegekräfte und die Heimleiterin versichern, dass alles in Ordnung sei.

Die Tochter weiß nicht, wem sie glauben soll. Aber Marlis Hupe will in dem Pflegeheim bleiben, in ihrem geliebten Methler. In einem Schmuckkästchen in ihrem Zimmer, Wohngruppe Westick, bewahrt sie auch die beiden goldenen Eheringe auf: Erinnerungen an schöne Zeiten.

Marlis Hupe und ihre Tochter Susanne Karsten am Krankenbett. © privat © privat

Im Klinikum Dortmund, wo Marlis Hupe vor Weihnachten eingeliefert wird, führen die Ärzte die Ohrspeicheldrüsenentzündung auf eine Dehydrierung zurück. So erzählt es ihre älteste Tochter. Die Patientin muss sich infolge des Wundliegegeschwürs drei Operationen unterziehen, aber scheint sich von den Eingriffen zu erholen. Dann kommt ein Anruf aus dem Krankenhaus.

Bis zum letzten Atemzug

Marlis Hupe stirbt am 14. Januar 2021 im Alter von 79 Jahren im Beisein ihrer ältesten Tochter und einer Enkelin, die noch rechtzeitig ankommen. „Meine Mutter ist mit Corona gestorben“, erzählt Susanne Karsten. So wie mindestens 350 Menschen im Kreis Unna, davon 23 in Kamen. Sie schildert die Lebens- und Leidensgeschichte ihrer Mutter, damit die Menschen, die mit oder an Corona sterben und in den Todesstatistiken auftauchen, ein Gesicht bekommen. Und damit deutlich wird, dass ihre Mutter ohne die Corona-Infektion und den Umgang mit den Folgen wahrscheinlich noch länger gelebt hätte.

Die Tochter erzählt die Geschichte mit Wut und Trauer, auch mit Schuldgefühlen. Hätte sie sich mehr kümmern müssen? Aber sie durfte ja zuletzt nicht in das Pflegeheim hinein, erst wieder ins Krankenhaus, wo einzelne Besuche unter strengen Corona-Hygieneauflagen ermöglicht wurden.

Eines der letzten Fotos von Marlis Hupe entstand am Krankenbett im Klinikum Dortmund. Mutter und Tochter haben ein Selfie gemacht. Etwas beruhigt ist Susanne Karsten, wenn sie daran denkt, dass sie am Schluss bei ihrer Mama war. „Meine Mama hat mich bei meinem ersten Atemzug begleitet und ich sie bei ihrem letzten“, sagt sie.

Mindestens 350 Menschen im Kreis Unna sind an oder mit dem Coronavirus gestorben, mindestens 23 davon in Kamen. Marlis Hupe ist auf dem evangelischen Friedhof in Methler begraben.
Mindestens 350 Menschen im Kreis Unna sind an oder mit dem Coronavirus gestorben, mindestens 23 davon in Kamen. Marlis Hupe ist auf dem evangelischen Friedhof in Methler begraben. © privat © privat
Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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