Die digitale Ausstattung der Schulen und der digitale Unterricht lassen an vielen Stellen zu wünschen übrig. © picture alliance/dpa
Die große Schulumfrage

Absurd: Schüler müssen Laptop & Co in der Schule lassen – Die Ergebnisse unserer Schul-Umfrage

Bei der Digitalisierung der Schulen gibt es massive Rückstände. Das zeigen die Ergebnisse unserer großen Schul-Umfrage mit über 2200 Teilnehmern. Dabei traten teils absurde Regelungen zutage.

Wie digital sind unsere Schulen? Das wollte unsere Redaktion wissen und befragte Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer in unserem Verbreitungsgebiet zwischen Dortmund im Osten und Dorsten im Westen, Schwerte im Süden und Ahaus im Norden. Wir erhielten 2.240 Antworten auf unsere Fragen, 1.364 von Eltern, 531 von Lehrkräften und 320 von Schülern ab 16 Jahren. Die Ergebnisse sind in vielen Punkten ernüchternd.

Das beginnt bereits bei der digitalen Ausstattung der Schulen. Eltern geben der Schule ihrer Kinder auf einer Skala von 0 bis 10 gerade einmal 5 Punkte – das ist so gerade noch ein ausreichend, wenn man es in Schulnoten übersetzt. Die Gründe für diese sehr bescheidene Bewertung erkennt man, wenn man etwas genauer hinschaut.

Schnelles WLAN? Fehlanzeige.

Bei der Frage nach dem WLAN, also dem kabellosen Zugang ins Internet, geben nur 8,3 Prozent der Teilnehmer ihrer Schule die Bestnote „pfeilschnell“, 15,1 Prozent dagegen sagen, dass es an ihrer Schule überhaupt kein WLAN gibt. 20,9 Prozent bewerten das WLAN ihrer Schule als „instabil und schlecht“, 28 Prozent als „mittelmäßig“.

Nun heißt das Zauberwort im Lockdown ja „Lernen auf Distanz“. Das heißt: Die Schülerinnen und Schüler sollen zu Hause an ihrem Laptop, Notebook oder Tablet sitzen und so digitalen Unterricht erhalten. Dazu müssten sie aber erst einmal ein digitales Endgerät haben. Damit Kinder, deren Eltern sich so etwas nicht leisten können, trotzdem digitale Endgeräte nutzen können, gibt es ein millionenschweres Förderprogramm des Bundes und des Landes.

Zur SacheWeitere Ergebnisse der Umfrage

Weitere Ergebnisse der Umfrage veröffentlichen wir in den nächsten Tagen. Weitere Themen sind unter anderem „Wie hat sich die Digitalisierung der Schulen in der Corona-Pandemie entwickelt“ und „Wie geht es Schülern, Lehrern und Eltern mit dem Distanzunterricht. Außerdem haben wir das Ministerium um eine Stellungnahme gebeten.

Außerdem: Für unterschiedliche Orte gibt es unterschiedliche Ergebnisse: Daher veröffentlichen wir die Ergebnisse auch für verschiedene Städte, Gemeinden und Kreise.

Schüler dürfen Endgeräte nicht mit nach Hause nehmen – trotz Homeschooling

Trotzdem sagen nur 12,6 Prozent der Schüler und nur 8,5 Prozent der Eltern, dass ihr Kind ein digitales Endgerät von seiner Schule ausgeliehen bekommen hat. Zudem gaben 23 Prozent der Schüler an, dass zwar sie nicht selbst, aber Mitschüler ein Endgerät gestellt erhielten. 19,7 Prozent der Eltern wissen von Endgeräten für Mitschüler ihrer Kinder. Unterm Strich aber haben weit mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler weder Tablet noch Notebook erhalten.

Was die ganze Sache geradezu absurd macht, ist die Tatsache, dass rund die Hälfte derjenigen Schüler, die ein Endgerät erhalten haben, es nicht mit nach Hause nehmen dürfen, sondern in der Schule lassen müssen. In der Schule aber nutzen die Geräte nichts, denn die Schulen sind ja geschlossen. Digitales Lernen von zu Hause ist damit vielen Schülerinnen und Schülern definitiv verwehrt. So können diese Geräte ihren ersten Zweck überhaupt nicht erfüllen.

Das Schulministerium zeigte sich mehr als verwundert über dieses Vorgehen. Auf Anfrage unserer Redaktion antwortete das Ministerium in einer Stellungnahme: „Eine wie hier dargestellte Vorgehensweise der Schule oder des Schulträgers ist weder mit der Förderrichtlinie ,Sofortausstattungsprogramm‘ noch mit der Zusatzvereinbarung ,Sofortausstattungsprogramm‘ im Rahmen des Digitalpakts Schule vereinbar.“ Die Schulträger – also Kreise, Städte und Gemeinden – sind für die Nutzungsbedingungen zuständig.

39 Prozent der Befragten glauben, die Schulen tun nicht genug

Und selbst wenn jetzt langsam Schülerinnen und Schüler wieder in die Schulen kommen dürfen, werden sie dort nach den Ergebnissen der Umfrage auf ein wenig digitales Umfeld stoßen. Auf die Frage, wie gut den Kindern in der Schule digitale Kompetenzen vermittelt werden, gibt es bei der Umfrage gerade einmal 4 von 10 Punkten. Zudem glauben mehr als 30 Prozent aller Teilnehmer, dass ihre Schule nicht genug tut, um digitalen Unterricht zu ermöglichen. Weitere 18 Prozent antworten mit „eher nein“.

Nur jeder zehnte Lehrer fühlt sich für den digitalen Unterricht gut ausgebildet

Das dürfte den Ergebnissen der Umfrage zur Folge vor allem auch an den Rahmenbedingungen liegen, die über das WLAN-Netz hinaus an den Schulen herrschen. So geben rund 30 Prozent der Lehrer an, dass ihnen die Schule keine Fortbildung zum digitalen Unterricht angeboten hat. Da verwundert es wenig, dass sich nur 10,3 der Lehrkräfte voll und ganz für den digitalen Unterricht ausgebildet fühlen, 17,8 Prozent aber ganz und gar nicht und zudem 38,7 Prozent sagen, dass sie sich alles selbst beigebracht haben.

IT-Verantwortliche erledigen die Arbeit nebenbei

Von einem IT-Verantwortlichen in Vollzeit an ihrer Schule wissen nur 6,4 Prozent der Lehrkräfte. In 69,7 Prozent der Fälle gibt es zwar einen IT-Verantwortlichen, aber der muss diese Aufgabe nebenbei erledigen. Selbst die Wartung der Geräte erledigt nur in 31,4 Prozent der Fälle ein externer Dienstleister. In 59,3 Prozent der Fälle muss ein Lehrer diese Aufgabe übernehmen – mehrheitlich in seiner Freizeit (62,2 Prozent). In 6,6 Prozent der Fälle wurde auch der Hausmeister verpflichtet, sich neben verstopften Klos und klemmenden Türen auch um störrische Laptops zu kümmern.

Mehr als 88 Prozent der Befragten halten die Digitalisierung der Schulen selbst dann für wichtig, wenn es die Corona-Pandemie nicht gäbe. Umso mehr Gewicht haben die schlechten Noten, die in der Umfrage an die politisch Verantwortlichen verteilt wurden. Ganze 3,7 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, dass die Politik genug tut, 44,6 Prozent glauben das überhaupt nicht, 30,5 Prozent eher nicht. Das ist ein Durchfallquote von mehr als 75 Prozent. Übersetzt in Schulnoten wäre das ein glattes ungenügend.

Eltern: „Homeschooling für sensible Kinder eine echte Chance“

In der Umfrage hatten wir auch die Möglichkeit geboten, die Fragen durch eigene Kommentare und Anmerkungen zu ergänzen. Fast 300 Teilnehmer nutzten das und gaben teils umfangreiche Stellungnahmen ab. Auch diese haben wir ausgewertet.

Warum wird das Digitalpaket des Bundes oft nicht abgerufen?

In Sachen mangelnder Endgeräte soll das Digitalpaket des Bundes Abhilfe schaffen. Warum passiert das nicht öfter? Hinweise darauf gibt die Antwort einer Gymnasial-Lehrerin oder eines Gymnasial-Lehrers aus Schwerte: „Das Digitalpaket des Bundes kann nur abgerufen werden, wenn jede Schule für sich einen gigantischen Aufwand betreibt und ein umfassendes Medienkonzept erstellt. Darin steht dann, wie man mit den gewünschten Geräten die Schülerschaft zu unterrichten gedenkt. Also, wir haben nichts, haben kaum Fortbildungen diesbezüglich und sollen ganz präzise skizzieren, wie es dann später aussehen soll. An vielen kleineren Schulen, z.b. Grundschulen, ist das eine extreme Personalverschwendung. Und dann wundert man sich, dass die Gelder nicht schneller abgerufen werden.“

Doch: Nicht alles ist schlecht

Die allermeisten Befragten stellen in den Kommentaren unserer Umfrage der digitalen Situation in unseren Schulen ein vernichtendes Zeugnis aus. Aber es gibt auch überaus positive Stimmen.

So schreibt eine Mutter aus Schwerte: „Ich möchte mich speziell bei der Schule meines Sohnes für den ausgesprochen engagieren Umgang mit dem Online-Unterricht bedanken.“

Von einem anderen Elternteil aus Haltern (9. Klasse, Hauptschule) heißt es sogar: „Mein Kind hat sich um 70 Prozent verbessert. Homeschooling ist für sensible Kinder eine echte Chance! Wünschte, dass es wählbar wäre Unterricht in der Schule oder lieber zu Hause.“

„Viele Lehrer arbeiten äußerst engagiert“

Ein(e) Lehrer(in) einer Dortmunder Hauptschule berichtet: „An meiner Schule werden in allen Fächern Videokonferenzen angeboten. In jeder 1. Stunde wird die Anwesenheit kontrolliert. Schulsozialarbeiter telefonieren fehlende Schüler ab. Viele Lehrer arbeiten sehr viel, sehr gerne und äußerst engagiert.“

Eine andere Grundschul-Lehrkraft aus Dortmund sagt: „An unserer Schule geben die Lehrer und Schulleitung das Beste“, fährt dann allerdings fort: „Unsere Ausstattung ist jedoch gleich null! Alles muss von privaten Endgeräten der Lehrer gemacht werden. Mit privatem Datenvolumen, da das WLAN nicht funktioniert. Es ist unfassbar.“

Damit wären wir dann bei den negativen Stimmen abgekommen, die eine überwältigende Mehrheit darstellen. Nur einige Beispiele dafür:

Überwiegend negative Stimmen: „Absolute Katastrophe“

Ein(e) Gymnasist(in) aus Schwerte (Jahrgangsstufe 12) schreibt: „Wie setzen die Lehrer den digitalen Unterricht um? Gar nicht, in drei Fächern habe ich Konferenzen. Manche schicken nur Aufgaben, von anderen habe ich gar nichts gehört. Rückmeldungen gibt es nur in einem Fach.“

„Die meisten Lehrer und Lehrerinnen an meiner Schule sind völlig überfordert mit dem Homeschooling. Zum Großteil nutzen Sie nicht zugelassene Software, desweiteren sind die meisten Lehrer gar nicht in der Lage die digitalen Medien zu nutzen Punkt ich bin der Meinung dort sollte der erste Angriff sein in Schulung und Fortbildung der Lehrer“, erklärt ein (e) Gesamtschüler(in) aus Dorsten.

„Der Inhalt wird lange nicht so gut vermittelt wie es im Präsenzunterricht der Fall gewesen wäre“, konstatiert auch ein(e) Berufsschüler(in) aus Ahaus.

„Es ist nichts merklich passiert: verschlafen, verschleiert, gespart, zu spät gehandelt, gehandelt ohne echten Plan oder mit Widersprüchen oder trotz Plan nicht umgesetzt. Digitalisierung gibt es nicht, nur hektisch eingeführte digitale Bonbons“, heißt es auch von Elternseite (Gymnasium aus Schwerte).

Ein anderes Elternteil aus Dortmund mit einem Kind auf einer Realschule schreibt: „Digitaler Unterricht wird niemals den normalen Unterricht ersetzen. Kinder brauchen den sozialen Kontakt in der Schule. Totalversagen von Politik und Schule!“

Ein Elternteil eines Grundschulkindes aus Fröndenberg merkt an: „Länge des digitalen Unterrichts? Bei uns war das 30 Minuten pro Woche. Also so gut wie gar nicht. Absolute Katastrophe.“

Und von diesem Elternteil mit einem Kind auf einer Realschule in Bönen heißt es: „Es finden einfach zu wenige Video-Konferenzen statt, die Lehrer schicken Arbeitsblätter und Bücherkapitel zum Lernen, das ist dann digitaler Unterricht. Mein Sohn hat, wenn es hochkommt, zwei bis drei Stunden Videokonferenz in der Woche. Andere Kinder kommen da auf drei bis vier pro Tag!“

Mutter: „Schule steckt noch im digitalen Mittelalter“

Diese Mutter eines Siebtklässlers eines Schwerter Gymnasiums bringt ihren ganzen Frust in drei knappen Sätzen auf den Punkt: „Unsere Schule steckt noch im digitalen Mittelalter. Ich mache den Job der Lehrerin, meinen noch nebenher. Es ist unglaublich.“

Eine Grundschullehrerin – bzw. ein -lehrer aus Dortmund schreibt uns: „An unserer Schule geben die Lehrer und Schulleitung das Beste. Unsere Ausstattung ist jedoch gleich null! Alles muss von privaten Endgeräten der Lehrer gemacht werden. Mit privatem Datenvolumen, da das W-LAN nicht funktioniert! Es ist unfassbar!“

Eine weitere Grundschul-Lehrkraft aus Dorsten fasst es so zusammen: „Mich ärgert kolossal, dass unsere Bildungsministerin so tut, als ob alles gut läuft und man alles für uns tut. Das ist keineswegs der Fall. Man wird eigentlich total hängen gelassen. Wenn sich meine Kolleginnen und ich nicht mit privaten Geräten, Internet, selbst angeschafften Programmen und Selbststudium nicht so engagiert hätten, wäre Distanzunterricht auch nach fast einem Jahr Corona noch immer nicht möglich.“

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Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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Ulrich Breulmann
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Wiebke Karla

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