Segnungs-Verbot: „Man muss der Stachel im Fleisch der Kirche bleiben“

Diskussion um Segnungen

Nach dem Segens-Verbot aus dem Vatikan: Kritiker aus Gemeinden im Kreis Recklinghausen wollen nicht resignieren – auch wenn eine Reform aus Rom nicht in Sicht ist.

Kreis Recklinghausen

von Thomas Schönert

, 12.04.2021, 14:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Protestaktion: An vielen Kirchen – hier in Liebfrauen in Recklinghausen – sind Regenbogenfahnen aufgehängt worden, Zeichen für Toleranz und Symbol der Homosexuellenbewegung.

Protestaktion: An vielen Kirchen – hier in Liebfrauen in Recklinghausen – sind Regenbogenfahnen aufgehängt worden, Zeichen für Toleranz und Symbol der Homosexuellenbewegung. © Thomas Schönert

Von Resignation ist bei Elisabeth Jansen nichts zu spüren. „Man muss immer wieder die Stimme erheben“, betont die 68-Jährige. Die Marlerin ist eine von vielen Katholikinnen und Katholiken, die das Verbot aus dem Vatikan, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, heftig kritisieren.

Die Proteste im Kreis Recklinghausen sind vielfältig: An Kirchen sind Regenbogenfahnen gehisst worden, die leitenden Pfarrer im Kreisdekanat haben sich einstimmig für die Segnungen ausgesprochen, Pfarrei-Gremien und Verbände ihren Unmut über das Verbot geäußert. Doch eine Reform aus Rom ist bei aller Kritik nicht in Sicht – wie seit Jahrzehnten bei vielen Themen. Macht es da noch Sinn für reformfreudige Gläubige, in der Kirche zu bleiben?

Jetzt lesen

„Wenn man draußen ist, kann man drinnen nichts mehr bewirken. Man muss der Stachel im Fleisch der Kirche bleiben, sich mit Gleichgesinnten zusammentun und gegenseitig bestärken“, plädiert Elisabeth Jansen eindeutig gegen einen Austritt. Dass sich hier engagierte Menschen, wie zum Beispiel die zwei Initiatorinnen der Reformbewegung Maria 2.0, anders entschieden haben, findet Elisabeth Jansen sehr schade. „Das schwächt auch die Reformbewegung.“ Sie selbst ist seit 35 Jahren Mitglied in der Frauengemeinschaft und auch bei Maria 2.0 aktiv.

„Gute engagierte Leute treten aus, weil sie glauben, mit dieser Kirche ist nichts mehr möglich – weil sie für sich sagen: Es geht nicht mehr. Das macht mich sehr traurig. Da habe ich die große Frage und Sorge: Welche Leute bleiben am Ende in der Institution Kirche übrig?“, gibt Jürgen Quante zu bedenken.

„Es besteht kein Grund, die Brocken hinzuwerfen“

Der Kreisdechant und Propst von St. Peter in Recklinghausen betont, dass er selbst nicht resigniert: „Ich bin nicht müde und mit meiner Kritik ja keineswegs allein, selbst Bischöfe setzen das Segens-Verbot nicht durch. Und ich kann frei meine Meinung sagen, predigen, wie ich will.“ Für den 72-Jährigen besteht trotz fehlender Reformen „kein Grund, die Brocken hinzuwerfen: Ich bin traurig über den Zustand der Kirche – aber ich bin auch der Überzeugung, dass Kirche gebraucht wird.“

Patrick Wieler ist ebenfalls weit davon entfernt, sich von der Kirche abzuwenden, wie der Pfarreirats-Vorsitzende von Liebfrauen in Recklinghausen betont. „Das Verbot macht mich wütend. Aber Kirche ist für mich nicht Rom, sondern vor allem die Gemeinschaft vor Ort, in der man füreinander da ist“, erläutert der 35-Jährige. „Ich will hier aktiv sein, gehe in die Offensive, gerade jetzt“, betont Patrick Wieler.

Dabei ist er nicht allein: So hat der Pfarreirat Liebfrauen ein Statement herausgegeben, indem er das Segens-Verbot kritisiert, die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare verurteilt und „sich solidarisch mit homosexuellen Menschen zeigt“, wie Wieler sagt. „Und es sind weitere Aktion in unserer Pfarrei angedacht: Es ist wichtig, Flagge zu zeigen“, sagt der ehemalige Messdiener und Gruppenleiter.

„Ich könnte da ein kleiner Tropfen von ganz vielen sein“

Aber hat Patrick Wieler nicht Sorge, dass seine Aktivität wirkungslos verpufft? „Realistisch gesehen wird man hier zunächst nichts ändern. Aber wenn sich ganz viele Menschen äußern, es massenhaft Kritik und Druck gibt, dann sind ja vielleicht doch Erfolge möglich. Ich könnte da ein kleiner Tropfen von ganz vielen sein.“

Auch Elisabeth Jansen hofft eher auf langfristige Effekte der Proteste: „Ich glaube nicht, dass ich Veränderungen, wie sie zum Beispiel von Maria 2.0 gefordert werden, noch erleben werde“, sagt die 68-Jährige. „Aber ich habe eine Enkelin – vielleicht hat die noch etwas davon.“