Wo stecken sich die Corona-Infizierten an? Dieser Frage ist der Kreis Borken nachgegangen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa
Coronavirus

Wocheninzidenz konstant trotz Lockdowns: Wo stecken die Leute sich an?

Trotz des harten Lockdowns sinkt die Wocheninzidenz im Kreis Borken nicht. Wo stecken sich die Menschen an? Und warum so oft mit der britischen Mutation? Eine Untersuchung bringt Antworten.

Zwischen knapp unter 50 und etwas mehr als 60 liegt die Wocheninzidenz seit Wochen im Kreis Borken. Fachleute des Kreisgesundheitsamts haben nun im Auftrag von Landrat Kai Zwicker alle über 400 Coronavirus-Neuinfektionen in der ersten Februarhälfte analysiert. Laut Kreisdirektor Dr. Ansgar Hörster lassen sich Ansteckungsketten derzeit vor allem im familiären und privaten Bereich nachvollziehen: „Das Zusammenleben in häuslicher Gemeinschaft führt immer noch zu den höchsten (Folge-)Infektionen. Mit steigender Tendenz!“

Zusammenhängende größere Infektionsgeschehen („Cluster“), etwa in Einrichtungen der Altenpflege oder im Krankenhaus, gebe es hingegen im Kreis aktuell kaum. Ein weiterer Teil der Infektionen geschieht am Arbeitsplatz oder beim Treffen „im kleinen Kreis“.

Der Landrat appelliert daher eindringlich an alle, bei Kontaktbeschränkungen sowie Abstands- und Hygieneregelungen nicht nachlässig zu werden. Auch Treffen und Zusammenkünfte im kleinsten Kreise etwa, um Fußballspiele im TV anzuschauen, hätten in den vergangenen Wochen zur Weiterverbreitung des Virus geführt.

427 positive Befunde

Registriert wurden vom 1. bis zum 14. Februar im Kreis Borken insgesamt 427 positive Befunde. 376 waren durch Hausärzte veranlasst worden, weil Patienten Krankheitssymptome aufgewiesen hatten. Viele dieser Befunde stammen von einem Großlabor im niedersächsischen Schüttorf, das für zahlreiche Arztpraxen im Kreis Borken arbeitet.

Seit Wochen fällt die Inzidenz nicht mehr – trotz des Lockdowns.

Für eine begrenzte Zeit wertete das Labor auf eigene Initiative alle positiven Proben weitergehend aus. Bei dieser „Typisierung“ wurde in 61 der 376 Positiv-Fälle (also in rund 16 Prozent) die hochinfektiöse britische Mutante festgestellt.

Die übrigen 51 positiven Ergebnisse rührten aus den vom Kreisgesundheitsamt in diesem Zeitraum angeordneten 877 Testungen in der „Zentralen Abstrichstelle“ in Stadtlohn her. Mehr als die Hälfte davon wiederum stammen von Kontaktpersonen am Ende ihrer Quarantänezeit.

Bei Betrachtung dieser Infektionsketten stellte sich heraus, dass für ein Drittel aller Infektionen das häusliche, familiäre Umfeld ursächlich war. Ein weiteres Drittel der Fälle war nicht aufzuklären, teils weil Aufklärung gar nicht möglich war (etwa aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten) oder weil die Betroffenen aufgrund ihrer schlechten körperlichen Verfassung nicht ansprechbar waren. Jeweils 5 Prozent hatten ihre Ursache am Arbeitsplatz sowie in medizinischen Einrichtungen.

16 Prozent mit britischer Mutation infiziert

Bei 16 Prozent der von Hausärzten veranlassten Befunde wurde der britische Virustyp gefunden. Das steht laut Dr. Hörster im deutlichen Widerspruch zu den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Münster, wonach sich die Virus-Mutanten in NRW vor allem in den Ballungsräumen und nicht so sehr in den Grenzregionen wie dem Kreis Borken ausbreiten würden.

Die Untersuchung habe das für den hiesigen Raum so wichtige Labor im niedersächsischen Schüttorf nicht miterfasst – der Aussagewert sei deshalb sehr begrenzt, so Hörster. Zu Irritationen hatte die erstmalige Veröffentlichung dieser Zahlen geführt: Kurzzeitig habe der Eindruck bestanden, dass im Kreis Borken gut die Hälfte aller landesweiten Mutations-Fälle aufgetreten seien.

Dann habe sich aber herausgestellt, dass das Land NRW in seiner Statistik nur Fälle führe, in denen Mutanten im Wege der außerordentlich zeitaufwendigen „Gesamtgenomsequenzierung“ nachgewiesen wurden. Das vom Labor in Schüttorf praktizierte Vorgehen der „Typisierung“ liefere hingegen keine hundertprozentige Gewissheit, sondern nur eine „hohe Wahrscheinlichkeit“.

Vollsequenzierung dauert dem Kreis zu lang

Im Kreis Borken ist man der Auffassung, dass Vollsequenzierung für das Infektionsmanagement in den Gesundheitsämtern zu lange dauere und deshalb „völlig untauglich“ sei. Die schnelle Feststellung einer Mutation sei wichtig, um Kontaktpersonen zu testen und ein strikteres Quarantänemanagement (kein Freitesten nach 10 Tagen und konsequenter PCR-Test zum Abschluss der zweiwöchigen Quarantänezeit) zu ermöglichen.

Obwohl die Inanspruchnahme der Notbetreuung in Schule und Kita in der ersten Februarhälfte bei rund 40 Prozent lag, seien dort bislang weiterhin keine nennenswerten Infektionsketten oder gar „Cluster“ bekannt geworden. Man verfolge diese Entwicklung aber sehr aufmerksam.

Zusätzlichen Erkenntnisgewinn erwartet das Kreisgesundheitsamt dabei auch von einer aktuell laufenden Studie des Robert Koch-Instituts zum Infektionsgeschehen in Kitas. „Von den daran bundesweit beteiligten 20 Einrichtungen sind 2 aus unserem Kreis“, betont Dr. Hörster: eine aus Gronau, eine aus Velen-Ramsdorf.

Infizierte weichen Fragen aus

„Leider lässt sich eine große Anzahl von Infektionsketten nicht sicher nachverfolgen“, bedauert Dr. Hörster. Dies hänge maßgeblich auch vom Antwortverhalten der infizierten Personen und deren Kontaktumfeld ab. Gehe es um die Frage nach möglichen Infektionsquellen, seien in vielen Fällen die Antworten ausweichend, gerade in Bezug auf das Freizeitverhalten und die Kontakte am Arbeitsplatz.

„Insoweit ist die Analyse der Infektionsketten leider mit erheblichen Unsicherheiten behaftet“, konstatiert der Kreisdirektor. In etlichen Fällen habe sich erst im Nachhinein aufgrund weiterer Infektionen im Kollegen-, Freundes- oder Nachbarschaftskreis die Kette nachvollziehen lassen.

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Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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