Traditionelle Weihnachtszeit in Raesfeld und Erle

Familien erzählen

Alte Weihnachtstraditionen werden vielerorts nicht mehr gelebt, oder sind in Vergessenheit geraten. Dennoch sind die Vorweihnachtszeit und die Tradition auf dem Erler Hof Kempkes bei der heute 67-jährigen Lucie Schulte-Kellinghaus immer noch in lebhafter Erinnerung.

RAESFELD/ERLE

, 24.12.2015, 06:38 Uhr / Lesedauer: 2 min

Damals, sprich Anfang der 1950er Jahre, schmückte ein selbst gebundener Adventskranz mit vier Kerzen die Wohnung. "Mehr Schmuck hatten wir nicht, denn für uns war die Adventszeit so etwas wie Fastenzeit und die Vorbereitung für uns Kinder auf das große Fest. Der Duft von selbst gebackenen Plätzchen verstärkte das Gefühl und die Freude auf diese Tage, denn dann bekamen wir Apfelsinen und Plätzchen", so Lucie Schulte-Kellinghaus.

Strohhalme sammeln für das Christkind

Bereits in der Adventszeit wurden die Kinder auf dem Hof auf Weihnachten vorbereitet. „In diesen Wochen haben wir Kinder immer Strohhalme gesammelt für die Krippe, damit das Jesuskind an Heiligabend weich in der Krippe liegen kann“, so Schulte-Kellinghaus. Das Sammeln war aber immer mit Aufgaben verbunden, denn nur wer lieb war, durfte auch an diesem Tag einen Halm in die Krippe legen. „Da hat unsere Mutter, was die Länge der Halme anbelangte, immer noch Kompromisse zwischen sehr brav, nicht so brav und böse, also in einem langen, kurzen oder gar keinem Strohhalm gemacht“, erinnert sich die 67-Jährige schmunzelnd, „deshalb versuchten wir, immer alle sehr brav zu sein, denn wenn wir keinen Halm bekamen, nahmen wir es uns sehr zu Herzen“.

Ingrid Horstmann, geborene Brand, aus Erle erinnert sich sehr genau an den ersten Weihnachtstag ihrer Kindheit Anfang der 1950er Jahre. Dann brachte das Christkind endlich das langersehnte Hexenhäuschen. „Es war ein besonderes Häuschen in der Größe einer Bananenkiste und mit vielen Süßigkeiten bestückt. Es hatte einen echten Schornstein mit Watte als Rauch gefüllt, Dominosteine als Zaunpfähle, Gummibärchen klebten an der Wandvorderseite und das Dach sowie der Rest des Hauses war mit Schokokringel auf Zuckerguss beklebt“, so Ingrid Horstmann.

Kirchgang als große Geduldsprobe

In mühseliger Arbeit bastelten die Eltern immer abends, wenn die drei kleinen Kinder Ingrid, Elisabeth und Franz-Josef schliefen, an dem Haus. „Es konnte immer nur eine Seite mit flüssigem Zucker bestrichen werden. Schwierig war an der Sache, dass die Sperrholzbretter genau waagerecht liegen mussten, sonst floss der Zuckerguss vom Brett“, erinnert sich Ingrid Horstmann. Erst am ersten Weihnachtstag bekamen die drei Geschwister die Krippe bei der Bescherung zu Gesicht. "Zuerst mussten wir aber alle in die Kirche. Da es ein hoher Feiertag war, mussten wir gleich drei Messen hintereinander absitzen. Das war für uns Kinder ein Härtetest und eine große Geduldsprobe, denn mit den Gedanken waren wir schon bei den Geschenken und bei der Krippe".

Da die Krippe aber bis Karneval halten musste, arbeiteten sich die Kinder mit der Knabberei stückweise von Rückwand aus nach vorne. „Beliebt waren bei uns besonders die Dominosteine und die kleinen Schokoladentütchen. Die waren, obwohl sie schrecklich süß waren, bei uns der Hit“.

Gekochte und luftgetrocknete Mettwurst

Eine über hundertjährige Weihnachtstradition, mit gekochter, lufttrockener Mettwurst, wird in der Familie Bröker in Raesfeld heute noch gelebt. Seit 48 Jahren sind Heinz und Agnes verheiratet und seit dieser Zeit gibt es bei ihnen, immer nach der Bescherung, am Heiligabend gekochte Mettwurst. „Diese Tradition haben wir von unserem Vater beziehungsweise Schwiegervater übernommen. In seinem Elternhaus gab es immer am Weihnachtsmorgen, nach dem Kirchgang und der damals noch dürftigen Bescherung, diesen Festschmaus", so Heinz Bröker.

Der Ursprung lag wohl darin, dass Anfang Dezember das erste gemästete Schwein geschlachtet wurde. Die hausgemachte Mettwurst wurde dann in der Wieme (Fleischvorratskammer) an einer Stange getrocknet. "Zu Weihnachten hatte sie die passende Konsistenz, und war dann noch nicht zu trocken", so Heinz Bröker.

Auch in diesem Jahr wird es Heiligabend dieses Traditionsessen geben "Darauf freuen sich Kinder, Schwiegerkinder und Enkel jedes Jahr, denn nur an diesem Tag gibt es gekochte, lufttrockene Mettwust."