Skaten ist in. 50 Kinder lernten beim Workshop das Skateboard-Fahren. Weitaus mehr wollten sich anmelden. Profis zeigten Tricks und erklärten, was derzeit die Skatergemeinschaft spaltet.

Raesfeld

, 15.08.2019, 07:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die neunjährige Fiete Büsken nimmt mit ihrem Skateboard Anlauf und fährt die Quarterpipe an der Marbecker Straße hoch. Doch beim Kickturn, dem Drehen auf der Rampe, passiert es: Sie stürzt, auf die harte Rampe und den Betonboden.

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Skate-Workshop in Raesfeld

„Ist alles gut?“, fragt Philipp Göckener besorgt. Er ist einer der Coaches von „skate-aid“, einer Initiative, die am Dienstag und Mittwoch einen Skate-Workshop mit Raesfelder Kindern durchführte. Fiete beißt die Zähne zusammen und steht Sekunden später wieder auf ihrem Skateboard. Das nötigt sogar den Profis Respekt ab. Jens Schnabel sagt: „Leidensfähigkeit muss man mitbringen.“

Stürze konnten die Kinder beim Skate-Workshop nicht bremsen (mit Video)

Schon am zweiten Tag konnten die Teilnehmer des Workshops zahlreiche Tricks vorführen. © Marina Steinke

„Man lernt zu fallen“, sagt Schnabel, der auf eine lange Skateboard-Karriere zurückblicken kann. Er fuhr bei Wettbewerben in den USA bei den Besten der Zunft mit, zeigt aber trotzdem auf die Schürfwunden an seinen tätowierten Schienbeinen, die er sich noch in dieser Woche beim Skaten geholt hat.

Stürze konnten die Kinder beim Skate-Workshop nicht bremsen (mit Video)

Gefördert wurde der Workshop von innogy, sodass die Kinder, ohne eine Teilnahmegebühr zu zahlen, am Ende sogar die Skateboards mit nach Hause nehmen konnten. © Berthold Fehmer

„Wahnsinn“, sagt Jugendhaus-Leiter Philipp Hatkämper, sei das gewesen, was nach der Ankündigung des Skate-Workshops passiert sei. Sehr schnell seien die 50 Plätze vergeben gewesen, weitere 70 Jugendliche hätten gern mitgemacht. Dazu trug sicherlich bei, dass der Workshop von innogy gefördert wurde, sodass keine Anmeldegebühren zu zahlen waren, die Verpflegung kostenlos angeboten werden konnte und die Kinder am Ende sogar die Skateboards mit nach Hause nehmen durften.

Für Hatkämper steht fest, dass dieses Interesse der Kinder und Jugendlichen am Skaten nach dem Workshop weiter gewachsen ist. Man werde über weitere Angebote nachdenken.

Stürze konnten die Kinder beim Skate-Workshop nicht bremsen (mit Video)

Viel Geschick und Körperbeherrschung bewiesen einige Kinder. © Marina Steinke

Wichtig sei den Coaches, sagen Schnabel und Göckener, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen auf den Boards machten. „Wenn ich einem sage: ‚Jetzt mach mal einen Ollie!‘, und er fällt dann hin, dann hat er keine Lust mehr. Wenn er den Trick aber selber lernen will, dann ist er schmerzbereiter“, sagt Schnabel. „Ollie“, so heißt in Skaterkreisen ein Sprung mit dem Skateboard.

Intrinsische Motivation ist den Coaches wichtig, die nur eingreifen, wenn Kinder sich zuviel zutrauen. Als etwa ein Junge die Quarterpipe herunterfahren will, warnt ihn Göckener, dass das noch zu früh sei. Die Coaches zeigen den Kids aber bereitwillig, wenn sie neue Tricks lernen wollen, wie es geht. Es gelte eigentlich nur eine Regel, sagt Schnabel: „Keiner fährt ohne Helm!“ Und Schoner für Knie und Ellenbogen tragen die jungen Skater natürlich auch.

Talente entdeckt

Einige Talente finde man so bei den Workshops, die auch in anderen Städten angeboten werden, sagt Schnabel. Dann rate man den Eltern, dieses Talent weiter zu fördern. Ansonsten soll es bei den Workshops aber nicht verbissen zugehen. „Der beste Skater ist der, der am meisten Spaß hat. Nicht der, der die besten Tricks kann“, ist die Devise von Göckener.

Das widerspricht allerdings ein bisschen dem, was in einem Jahr geplant ist. Denn dann wird Skateboarden zum ersten Mal olympisch. Das spalte derzeit die Skateboard-Gemeinschaft, sagt Schnabel. Er macht keinen Hehl daraus, dass er gegen diese Entscheidung ist. Trotz des Popularitätsschubs, den die Sportart dadurch wahrscheinlich erfahren wird? Skaten sei keine Sportart, sagt Schnabel. Göckener pflichtet bei: „Man ist Skater, wenn man morgens aufsteht, und Skater, wenn man sich abends hinlegt.“

Skaten ist ein Lebensgefühl

Skaten sei ein Lebensgefühl, sind sich beide einig. Er könne sich nicht vorstellen, dass Skater mit Trainingsanzug und Fahne bei Olympia aufmarschierten, sagt er. Auch der Leistungsgedanke erscheint ihm, der selbst hochklassige Wettbewerbe gefahren ist, eher fern. „Man pusht sich gegenseitig, freut sich, wenn dem anderen ein guter Trick gelingt. Es gewinnt dann der mit der besten Tagesform.“

Stürze konnten die Kinder beim Skate-Workshop nicht bremsen (mit Video)

Zuerst fuhren die meisten sitzend mit dem Skateboard die Rampe herunter. © Berthold Fehmer

Von Olympia sind die Raesfelder Kinder noch weit entfernt. Einige, wie Fiete, haben vorher schon Erfahrungen mit Skateboards gesammelt. Andere probierten die rollenden Bretter an diesen beiden Tagen zum ersten Mal aus. „Das ist völlig O.K.“, sagt Göckener, als er einige auf Skateboard sitzend von der Rampe fahren sah. Und es sei ebenso O.K., wenn einige Jungs zwischendurch Fußball spielen.

Der zwölfjährige David Bettels hatte schon einige Vorerfahrung auf dem Skateboard, hat aber in den zwei Tagen das Fahren auf der Rampe gelernt. Auch Fiete Büsken (9) konnte einige Tricks wie den „Ollie“ von den Profis abgucken und war vorher auch noch nie auf der Rampe.

Stürze konnten die Kinder beim Skate-Workshop nicht bremsen (mit Video)

Bereits am zweiten Tag hoben einige Workshop-Teilnehmer ab. © Berthold Fehmer

„Hast du gesehen, wie die sich abgelegt hat?“, fragt Göckener Schnabel staunend nach Fietes Sturz, der die Neunjährige aber nicht von weiteren Versuchen abhält. „Schmerzbereitschaft“, wie Schnabel es nennt, bringen auch die beiden Coaches mit: Schnabel zeigt eine lange Narbe auf seinem tätowierten Schienbein, die von einem Schienbeinkopfbruch herrührt. „Drei Monate nicht auftreten, das war hart.“ Göckener zieht sein T-Shirt ein bisschen zur Seite und zeigte eine Narbe unterhalb des Halses: „Schienbeinbruch!“ Der Grund? „Ein Moment der Unkonzentriertheit.“

Um Verletzungen möglichst auszuschließen, haben die Coaches die gesamte Skate-Anlage in Raesfeld vor der Benutzung gefegt. Die Anlage sei in Ordnung, es fehle aber ein bisschen der „Auslauf“, also etwas mehr asphaltierter Platz. Bürgermeister Andreas Grotendorst, der den Workshop am Dienstag besuchte, hörte bei diesen Ausführungen aufmerksam zu.

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