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Raesfeld bietet seinen Bürgern viel Grün, aber die ÖPNV-Anbindung ärgert viele. Das zeigt unser Ortsteil-Check. Mit nur einem Auto ist Familie Borgs in ihrem Freundeskreis eine Ausnahme.

Raesfeld

, 04.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Von ihrem Wohnzimmer am Langenkamp schaut Mareen Borgs „auf ein Feld mit einem Bauernhof. Das ist schon toll.“ Michael (39), Mareen (36), Pauline (9) und Antonia (3) Borgs leben gern in Raesfeld. „Die Eisdiele ist gut“, sagt Pauline auf die Frage, was ihr an Raesfeld besonders gefällt. Und die Spielplätze auch, „aber da war ich schon tausendmal“.

Michael Borgs Mutter stammt aus Raesfeld, er selbst wuchs in Schermbeck auf. „Ich war früher schon viel in Raesfeld“, sagt er. Noch vor der Zeit, als er 2008 mit der Raesfelderin Mareen Borgs zusammenzog, absolvierte er in Erle seine Ausbildung bei der Baumschule Grunewald, traf sich mit Raesfelder Freunden zum Stammtisch. „Es war sofort klar, dass wir hier in Raesfeld bleiben“, sagt Michael Borgs. In Raesfeld spielt er Fußball und arbeitet am Bauhof der Gemeinde. „Ich habe das nicht bereut“, sagt er über seinen Umzug nach Raesfeld.

Dass die 148 Raesfelder, die beim Ortsteil-Check ihren Heimatort bewerteten, den Grünflächen 10 von 10 Punkten gegeben haben und bei Sauberkeit gute 9 Punkte, kann Michael Borgs auch ein bisschen als Kompliment für seine und die Arbeit seiner Kollegen sehen, die unter anderem auch die Grünflächen pflegen. „Im Großen und Ganzen ist das gut in Raesfeld, da kann man nicht meckern.“

Video
Ortsteil-Check Raesfeld

Mareen Borgs sagt, dass man erst merke, wie grün es in Raesfeld ist, wenn man mal woanders hinfahre. „Wir waren neulich bei IKEA in Essen, da war nichts grün. So viele Autos, so viele Menschen.“ Doch sie sagt auch: „Pauline fand´s cool.“ Michael Borgs würde sich wünschen, dass es so grün in Raesfeld bleibt. Er erlebt allerdings auch, dass manche Raesfelder beim fallenden Laub im Herbst am liebsten zur Säge greifen wollen. „Die Leute wollen Grün haben, aber nicht vor der Haustür“, so seine Erfahrung.

Das wurde (noch) gut bewertet

Radfahren: 10 von 10 Punkten gibt es dafür von den Befragten. Ebenfalls ein Spitzenwert. Auch Familie Borgs holt gern die Räder raus und dreht eine Runde etwa Richtung Erle. „Wir haben uns sogar mal Radwanderkarten geholt“, sagt Mareen Borgs. Eine Befragte schreibt, dass es für Radfahrer hilfreich wäre, wenn die Gemeinde die kleineren Straßen vielleicht nicht immer nur mit Rollsplitt bearbeiteten, sondern vielleicht auch mal neu asphaltieren würde.


Sport:
Dieser Punkt gehört zu den 5, die mit neun Punkten bewertet wurden. Michael Borgs ist froh über den Fußballplatz in direkter Nähe. „Ich habe nie was anderes gemacht.“ Mareen Borgs geht donnerstags zum Sportkurs. Pauline, die mal mit Leichtathletik gestartet ist, spielt nun auch Fußball: „Da muss ich nicht ganz so viel rennen.“ Da sie aber in einer reinen Mädchenmannschaft spielen möchte, trainiert sie mittlerweile in Borken-Marbeck. Mareen Borgs: „Hier müsste sie mit Jungs zusammenspielen, das gefällt ihr nicht so.“

Nahversorgung: Die 9 von 10 Punkten, die hier vergeben wurden, bedeuten nicht, dass komplette Zufriedenheit bei diesem Thema herrscht. „Ein Drogeriemarkt fehlt“, schreiben mehrere der Befragten. Und auch Mareen Borgs kann sich dem anschließen: „Als der Schlecker gegangen ist, ist keiner mehr wiedergekommen. Ansonsten bin ich aber zufrieden.“

Raesfeld: Wohnen im Grünen, aber ohne Auto geht nicht viel

Die Nahversorgungssituation wird bis auf einen fehlenden Drogeriemarkt gut eingeschätzt. © Berthold Fehmer

Das wurde negativ bewertet:

Verkehrsanbindung: Hier sind sich Raesfelder und Erler einig. Nur 5 von 10 Punkten vergeben sie jeweils. „Total unpraktisch“ seien die Busverbindungen, schreibt eine Befragte, oft hätten die Busse weit über zehn Minuten Verspätung. „Eine Verbindung nach Heiden fehlt auch.“

„Nur“ ein Auto hat Familie Borgs. „Im Freundeskreis haben die meisten zwei Autos“, sagt Mareen Borgs. Möglich sei das für die Familie aber auch nur, weil Michael Borgs im Ort arbeitet und Mareen Borgs, früher Bankkauffrau, die sich derzeit um die Kinder kümmert, etwa zum Kinderarzt in Heiden mit dem Familienauto fahren kann. „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre das schwierig“, sagt sie.

Raesfeld: Wohnen im Grünen, aber ohne Auto geht nicht viel

Eine bessere Verkehrsanbindung wünschen sich viele Raesfelder. © Berthold Fehmer

Bürgermeister Andreas Grotendorst weiß um die Probleme des ÖPNV in dörflichen Strukturen. „Ich habe beim Kreis zwei Jahre ÖPNV-Planung gemacht“, sagt er. Dass manche Angebote bereits gemacht wurden, dann aber nicht genutzt wurden, hat er schon miterlebt. „Einen Zehn-Minuten-Takt wie in Großstädten werden wir hier nicht hinbekommen.“

Überrascht habe ihn eine Statistik, nach der es in Raesfeld 7500 Autos und insgesamt 11.000 Kraftfahrzeuge gibt. „Auf jeden Raesfelder kommt eins.“ Grotendorst hält das Konzept von Mitfahrerbänken, wie sie demnächst etwa auch in Schermbeck erprobt werden sollen, für interessant. „Vielleicht bekommen wir so etwas über die VITAL.NRW-Region Hohe Mark hin.“ Die Kosten dafür seien ja „nicht wahnsinnig hoch“.

Raesfeld: Wohnen im Grünen, aber ohne Auto geht nicht viel

© Verena Hasken

Gerswid Altenhoff-Weber vom Kreis Borken nennt das ÖPNV-Angebot in Raesfeld „solide“. Ab 2020 sollen auf der Linie R21 Borken-Raesfeld-Dorsten samstags weitere Fahrten angeboten werden, sodass ein Stundentakt entsteht. Das Angebot AnrufSammelTaxi (AST), das nächtliche Fahrten ermögliche, werde in Raesfeld nur gering genutzt, bedauert sie. Bedarfsorientiert wolle man den Nahverkehr ausbauen, in Zukunft aber auch darauf achten, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um Angebote besser zu vernetzen und per App kundenfreundlicher zu gestalten.

Wohnen: Warum die Befragten hier im Durchschnitt nur 6 Punkte gegeben haben, 2 Punkte weniger als in Erle, wundert Mareen Borgs: „Dafür hätte ich mehr Punkte vergeben.“ Bei der Anzahl verfügbarer Baugrundstücke habe die Gemeinde einiges getan, sagt Michael Borgs und sie vergebe nun auch wieder günstigere Baugrundstücke an Einheimische. Die Grundstückspreise, so sehen es die Borgs, seien aber insgesamt „schon hoch“. Dass die geplanten Baugebiete notwendig sind, weiß Michael Borgs aus seinem Bekanntenkreis. „Die 25- bis 35-Jährigen müssen Möglichkeiten erhalten, selbst ein Haus zu bauen.“

Jugendliche: 6 von 10 Punkten zeigen, dass hier Unzufriedenheit herrscht. „Meine persönliche Meinung ist, dass Raesfeld sehr viel zu bieten hat, leider nur viel zu wenig für Teenager und Jugendliche“, schreibt eine der Befragten. Michael und Mareen Borgs sehen schon einige Angebote für Jugendliche im Ort wie Jugendhaus oder Sportvereine, sagen aber auch, dass viele Jugendliche sich an der Skateranalage an der Marbecker Straße treffen. „Die machen da auch mal Quatsch“, sagt Michael Borgs aus Erfahrung. Mareen Borgs: „Wir würden nicht wollen, dass unsere Kinder da sind. Dann können sie sich lieber bei uns im Keller verabreden.“

Raesfeld: Wohnen im Grünen, aber ohne Auto geht nicht viel

Die Angebote für Jugendliche sehen die Befragten am kritischsten. © Berthold Fehmer

„Feten am Wochenende“, wie Michael Borgs es in seiner Jugend kennengelernt hat, „gibt es nicht mehr so viele“. Heute gebe es aber auch mehr Vorschriften und Kontrollen. Falls die eigenen Kinder demnächst mal ins Kino nach Borken wollten oder zu einer Party, sagt Mareen Borgs, „würde ich sie abholen“.

Verkehrsbelastung: Durchschnittlich 8 von 10 Punkten gibt es hier von den Befragten. Michael Borgs bemängelt, dass seit der Sperrung der Straße „Zum Michael“ für Lkw häufiger die schweren Gefährte von der B70 kommend in den Langenkamp fahren, wo sie dann wenden müssen. „Das stört mich echt.“ Auch wegen seiner Kinder habe er „es nicht so gerne, wenn die dicken Brummer hier rückwärts setzen“. Sein Vorschlag: ein Hinweis für Lkw-Fahrer direkt am Kreisverkehr.

Historie

Wie aus „Hrothusfeld“ Raesfeld wurde

Raesfeld: Wohnen im Grünen, aber ohne Auto geht nicht viel

Ein Foto aus den 1940er-Jahren von Ignaz Böckenhoff mit Blick auf das Raesfelder Schloss © Ignaz Böckenhoff

Bereits im Jahr 889 wird im Werdener Heberegister der Name „Hrothusfeld“ genannt.
1166 wird der Raesfelder Burgherr Rabodo von dem Berge erstmals urkundlich erwähnt, Patronatsherr und Erbauer der Raesfelder Pfarrkirche. 1643 bis 1658 lässt Reichsgraf Alexander II. von Velen ein Residenzschloss in Raesfeld bauen.
1975 werden die früher selbstständigen Gemeinden Raesfeld, Erle und Homer sowie der nördliche Teil von Overbeck zur neuen Gemeinde Raesfeld zusammengelegt.
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