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Madita und Dirk Brinkmann aus Raesfeld müssen ihren kleinen Kämpfer Jonah in eine Pflegeeinrichtung geben. Die erschöpften Eltern finden nicht genug Fachkräfte für die häusliche Pflege.

Raesfeld

, 05.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Couch, Fernseher, Esstisch – auf den ersten Blick ein ganz normales Wohnzimmer. Aber da stehen auch ein höhenverstellbares Pflegebett, ein Fass Flüssigsauerstoff und ein Inhalator. Im Regal liegen griffbereit Spritzen und Medikamente, Absaugkatheter, Desinfektionsmittel und sterile Handschuhe.

Das Leben der Familie Brinkmann aus Raesfeld spielt sich größtenteils in diesem Zimmer ab. Es ist Wohnzimmer, Kinderzimmer und Krankenzimmer zugleich. Es ist auch das Zimmer von Jonah, dem 16 Monate als Sohn der Brinkmanns. Wenn er denn mal zu Hause ist.

Mehr Lebenszeit im Krankenhaus vebracht als zu Hause

Jonah hat bislang mehr Lebenszeit in Krankenhäusern verbracht als daheim bei Mutter Madita (32), Vater Dirk (36) und Bruder Malte (2). Er wird im November 2017 geboren, drei Monate zu früh, keine 1000 Gramm schwer und 32 Zentimeter klein.

Eltern und Ärzte wissen, dass Jonah mit einem schweren Herzfehler auf die Welt kommen wird. Die Ärzte diagnostizieren auch eine Lungenkrankheit und Hirnblutungen bei dem Säugling. Gleich nach der Geburt bringt eine Schwester Jonah auf die Intensivstation und legt ihn in einen Brutkasten. Dirk Brinkmann erinnert sich genau an diesen Moment: „Ich dachte, die nehmen ihn jetzt mit und wir sehen ihn nie wieder.“

Jonah (1) kann nicht bei seiner Familie bleiben, weil Pflegekräfte fehlen

Jonah kam drei Monate zu früh zur Welt. Er wog 950 Gramm und war 32 Zentimeter klein. Sofort nach der Geburt musste er auf die Intensivstation. © privat

Neun Monate wird es dauern, bis Jonah endlich nach Hause kann. In dieser Zeit bangen seine Eltern immer wieder um sein Leben. Mehrmals ruft das Krankenhaus an und informiert die Eltern, dass Jonah es wohl nicht schaffen wird. „Er hat’s aber jedes Mal gepackt“, sagt Vater Dirk. „Er ist eben ein Kämpfer!“

Auf der Frühchenstation im Coesfelder Krankenhaus wird Jonah so lange aufgepäppelt, bis er stabil genug ist für eine Operation unter Vollnarkose. Ohne Herz-OP hat er keine Chance zu überleben. Der Eingriff ist so riskant, dass mehrere Krankenhäuser ablehnen.

„Wenn ein Patient nach der OP stirbt, lohnt es sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht für die Krankenhäuser“, sagt Madita Brinkmann. „Das hat keiner so direkt gesagt, aber auf Nachfrage bestätigt.“

Sechs Stunden Herz-OP: Dann kommt der erlösende Anruf

Ein Spezialist der Uniklinik Münster ist schließlich bereit, den Eingriff vorzunehmen. Am 9. Mai, dem zweiten Geburtstag von Bruder Malte, wird Jonah operiert. Es dauert mehr als sechs Stunden, bis die Eltern der erlösende Anruf erreicht: Die Operation ist gut verlaufen. Jonah kehrt zunächst ins Coesfelder Krankenhaus zurück und darf im August 2018 nach Hause.

Madita und Dirk Brinkmann haben in der Zwischenzeit gelernt, wie Magensonden gelegt und Beatmungsgeräte bedient werden. Sie müssen zur Stelle sein, wenn Jonah sich zum Beispiel die Sonde rauszieht.

Die erste Woche zu Hause: „Auf einmal komplett in der Verantwortung“

Die erste Woche zu Hause sei „tausendmal schlimmer“ gewesen als die neun Monate in Coesfeld, sagt Madita Brinkmann. „Weil man auf einmal komplett in der Verantwortung steht.“ In Coesfeld mussten die Eltern nur laut rufen, dann kam schon jemand. Jetzt war da diese Angst, im Notfall etwas falsch zu machen.

Jonah braucht Intensivpflege durch eine Fachkraft. Nachts und beim Mittagsschlaf muss er beatmet werden. Er erbricht sich häufig und dreht sich dann nicht von selbst zur Seite - so droht der Kleine zu ersticken. Bettlägerig ist Jonah aber nicht. Er lacht seine Eltern an, wenn die ihn auf dem Arm haben und Faxen machen und bekommt auch sonst gut mit, was um ihn herum passiert.

Jonah (1) kann nicht bei seiner Familie bleiben, weil Pflegekräfte fehlen

Jonahs Zustand hat sich seit Jahresbeginn verschlechtert. Der 16 Monate alte Sohn von Madita und Dirk Brinkmann muss mehrere Stunden am Tag beatmet werden. © Robert Wojtasik

Die Krankenkasse genehmigte 16 Stunden ambulante Pflege pro Tag. „Die Stunden haben wir aber bis heute in keinem Monat vollbekommen“, sagt Dirk Brinkmann. An Tagen ohne Pflegekraft passt er bis 1 Uhr nachts auf Jonah auf, dann übernimmt seine Frau. Der Vater schläft vier Stunden, fährt zur Arbeit und löst seine Frau am Nachmittag wieder ab.

„Man kann uns eigentlich nicht als Ehepaar bezeichnen“, sagt Madita Brinkmann. „Wir sind ein Team und wechseln uns im Dienst ab. Wir funktionieren, aber voneinander haben wir nichts.“

Sechs Kinderkrankenschwestern des Essener Pflegedienstes Pflemedix kümmern sich um Jonah. Sie stocken von sich aus ihre Stunden auf und arbeiten mehr. Bis heute besuchen auch zwei Kinderkrankenschwestern aus dem Coesfelder Krankenhaus in ihrer Freizeit regelmäßig die Raesfelder Familie, um zu helfen. Pflege ist eben oft mehr Berufung als Beruf.

Pflegedienst-Chefin: „Teilweise völlig überzogene Gehaltsforderungen“

Pflemedix-Geschäftsführerin Khrystyna Beliatska hat in Bewerbungsgesprächen aber beobachtet, dass der soziale Aspekt in letzter Zeit immer mehr in den Hintergrund rückt. „Bewerber sind aufgrund der Darstellung der Medien viel stärker auf das Finanzielle fixiert und treten teilweise mit völlig überzogenen Gehaltsforderungen an uns heran.“ Das macht es dem Pflegedienst schwer, neue Mitarbeiter einzustellen.

„Wir können den Gehaltsforderungen nur bis zu einer gewissen Grenze nachkommen, weil wir seitens der Kostenträger keine Stundensätze realisieren können wie die Krankenhäuser“, sagt die Pflegedienst-Chefin. In der öffentlichen Debatte werde zu viel in einen Topf geworfen, die Politik vernachlässige den ambulanten Bereich: „Es ist immer die Rede von Krankenhäusern, Altenheimen, stationären Einrichtungen – und wir haben das Gefühl nebenher zu laufen.“

Dabei wäre es so wichtig, sich die ambulanten Pflege mit all ihren Facetten einmal ganz genau anzuschauen, um zu verstehen, welche Auswirkungen es auf die Gesellschaft hätte, wenn es wirklich einmal nicht mehr läuft. „Irgendwann kippt das“, befürchtet Beliatska. „Die Leute werden immer älter und brauchen mehr Pflege – aber nicht nur im Krankenhaus oder Heim, sondern in der häuslichen Umgebung.“

Geht Jonah ungeplant in Krankenhaus, bekommt der Pflegedienst ab der Sekunde, in der Jonah abgeholt wird, keinen Cent mehr. „Wir müssen unsere Mitarbeiter aber weiterhin bezahlen“, sagt Beliatska. Gerade in der Intensivpflege habe man es aber mit Menschen zu tun, die jederzeit sterben oder ins Krankenhaus gehen können. „Der Kostenträger sagt dann nur: Das ist Unternehmerrisiko.“

Jonah muss dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung

Jonah war auch in diesem noch jungen Jahr schon wieder mehrere Wochen im Krankenhaus. Sein Gesundheitszustand hat sich verschlechtert. Woran es liegt, kann kein Arzt so recht sagen. Die Krankenschwestern sagten den Brinkmanns nur, dass sie sie eigentlich nicht mehr mit Jonah alleine lassen können.

Wenn sich schon 16 Stunden häusliche Pflege pro Tag mangels Personal nicht realisieren lassen, dann erst recht keine Intensivbetreuung rund um die Uhr. Jonah muss deshalb bald woanders weiterkämpfen. Er zieht dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung für Kinder in Essen.

Fachkräfte auf der Suche nach einem Job in der ambulanten Pflege können sich per Mail bei Khrystyna Beliatska melden.
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