Ein Eis zu bestellen, kann für Kinder von Flüchtlingen eine Hürde sein. Ein Sprachkurs kann helfen. Ein Gespräch mit den Kindern, die in den Ferien an einem Intensivkurs teilnehmen.

Olfen

, 26.08.2019, 12:03 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zwei Wochen lang haben 15 Mädchen und Jungen aus Flüchtlingsfamilien an einem Sprachintensivtraining teilgenommen. Freiwillig. Montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr kamen sie zur Wolfhelm-Gesamtschule. Außerhalb des Schulunterrichts, also über die staatlich geregelte Pflicht hinaus.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

In der Gruppe macht es am meisten Spaß. © Arndt Brede

Besuch des Trainings

Sayed kommt aus Afghanistan. Der Junge gehört zu denen, die freiwillig mitmachen beim Sprachtraining. Sayed ist höflich. „Guten Tag“, sagt er und schüttelt dem Reporter die Hand. Dann geht er zum Tisch im Raum 121 in der Gesamtschule und setzt sich. Andere Teilnehmer scharen sich um ihn, plaudern mit ihm, sehen ihm zu, wie er eine Jutetasche bunt bemalt. Was zu erkennen, zu sehen, zu fühlen ist: Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich wohl. Das liegt auch am Konzept.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Die Kinder sind intensiv bei der Arbeit. © Arndt Brede

Kein Frontalunterricht

Sprache zu lernen, ist im Intensivtraining während der Sommerferien kein Frontalunterricht. Es seien die praktischen Dinge, die dazu beitragen, die deutsche Sprache zu lernen. Nehmen wir mal den Restaurantbesuch: „Wir üben das in Rollenspielen“, erzählt Merle Borgmann, eine von zwei Sprachlernbegleitern. Das heißt: Die Kinder spielen die Rolle des Gastes und des Kellners. Der eine bestellt eine Pizza, der andere bewirtet ihn. „Es geht darum, Alltagserfahrungen zu machen, die man in der Schule schlecht lernen kann“, erklärt Alexander Ramm, der zweite Sprachlernbegleiter. „Wir versuchen, Theoretisches und Praktisches zu verbinden.“

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Sprachlernbegleiterin Merle Borgmann kümmert sich gern um die Kinder. © Arndt Brede

Banale Alltagsdinge geübt

Also sind die Teilnehmer mit ihren beiden Betreuern nachmittags einkaufen gegangen. Oder sie sind in ein Restaurant gegangen. Oder in die Eisdiele. „Banale Dinge, die im Alltag auf Kinder zukommen können“, sagt Ramm. Ein Eis bestellen. Wie ist das für ein Kind, das noch nicht so lange in Deutschland ist. Sayed klärt auf: „Wir haben ja Regeln gelernt.“ Regeln? „Ja, in Deutschland muss man Regeln lernen. Man muss den anderen begrüßen, dann bestellt man ein Eis, bezahlt dann und sagt ,Auf Wiedersehen‘.“ Was Sayed Regeln nennt, ist also nichts anderes als ein ganz normaler Bestell- und Bezahlvorgang. Eigentlich.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Fachbereichsleiterin Stefanie Benting mit zwei Teilnehmern des Sprachtrainings. © Arndt Brede

Höflichkeit ist wichtig

Was Sayed aber wirklich meint, was ihm wichtig ist, ist die Art, wie man an die Sache heran geht. Höflich nämlich. Für den 16-Jährigen gehört diese Tugend zu den Voraussetzungen des gedeihlichen zwischenmenschlichen Miteinanders. Sayed aus Afghanistan ist übrigens erst seit einem Jahr in Deutschland.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Die Kinder haben sich sehr viel Mühe beim Bemalen der Jutetaschen gegeben. © Arndt Brede

Schlüssel zu mehr Selbstvertrauen

Einen weiteren Aspekt des Trainings nennt Sidra (14) aus Afghanistan: „Am Anfang habe ich zwar ganz gut gesprochen, aber ich konnte nicht mit anderen sprechen. Dann haben wir hier gelernt, wie man Eis oder Pizza bestellt. Das habe ich einmal versucht und es hat geklappt.“ Sprache ist also auch ein Schlüssel zu mehr Selbstvertrauen, zu mehr Mut. Dieser Mut, selbst eine Pizza zu bestellen, hat bei Marwa (10), einer Syrerin, dazu geführt, „dass mein Bauch so dick war, dass ich gar nichts mehr essen konnte.“ Sie lacht, als sie das erzählt.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Die Kinder haben Spaß bei dem Training. © Arndt Brede

Die Sechs- bis 16-Jährigen, die am Training teilnehmen, sind maximal seit zwei Jahren in Deutschland, wie Michaela Nietmann von der Stadt Olfen berichtet. Sie besuchen - je nach Alter - die Grundschule und die Gesamtschule in Olfen. Die jungen Sprachschüler kommen aus der Türkei, aus Syrien, Afghanistan, dem Irak.

Für einen Außenstehenden mag es merkwürdig erscheinen, dass Kinder und Jugendliche freiwillig an solch einem Sprachtraining teilnehmen. In den Ferien. Dann also, wenn Gleichaltrige frei haben und spielen können. Hussein (14), der syrische Wurzeln hat, klärt den vermeintlichen Widerspruch auf: „Ich bin froh, mit den anderen hier zusammen zu sein. Ich kann ja nicht den ganzen Tag zuhause sitzen. Dann bin ich traurig.“

Sprache lernen beim Spielen

Traurig braucht beim Training niemand zu sein. Die Gemeinschaft macht es: „Ich habe hier Freunde gefunden und habe viel Spaß“, sagt Ceren (13) aus der Türkei. Das ist wohl einer der Erfolgsfaktoren dieses Trainings: Spielerisch mit viel Spaß die deutsche Sprache zu lernen. Beim Brennball zum Beispiel. Ausflüge gibt es auch. Zur Feuerwehr Olfen zum Beispiel. Oder zum Allwetterzoo in Münster. Zum Zoo sind die Teilnehmer dank der finanziellen Unterstützung des Olfener Arbeitskreises Asyl gefahren.

Landesförderung

Ansonsten ist das Training von der Stadt Olfen organisiert worden. „Es ist ein Landesförderprogramm“, erklärt Michaela Nietmann von der Stadt Olfen. „Wir bekommen eine 80-prozentige Förderung.“ Die Voraussetzungen, um an diesem Training teilnehmen zu können, sind: Die Kinder müssen im schulischen Programm ,Deutsch als Zweisprache‘ sein.“ Laut Dr. Jerome Biehle, Leiter der Wolfhelm-Gesamtschule, werden diese Kinder zunächst nicht benotet. Nach und nach werde überprüft, ob sie am normalen Unterricht teilnehmen und benotet werden können. Sie sollen möglichst häufig mit anderen Kindern zusammen sein. So wie beim Ferienintensivtraining.

Wie Kinder von Flüchtlingen freiwillig in den Ferien Deutsch lernen

Diese Jutetasche, von einem Flüchtlingskind bemalt, spricht Bände: Die Farben Schwarz, Rot und Gold - und mitten drin ein Herz. © Arndt Brede

Das Konzept geht offenbar auf. Ahmad (12) wäre gern nicht nur von montags bis freitags zum Training gekommen. „Ich würde gern auch am Samstag und Sonntag kommen. Ich kann ja nicht den ganzen Tag nur mit dem Handy spielen.“

Weitere Förderzusagen

Solche Begeisterung schreit geradezu nach weiteren Trainings. Das hat auch die Stadt Olfen erkannt. Fachbereichsleiterin Stefanie Benting: „Wir haben mittlerweile die Zusage zur Förderung solcher Trainings für alle Ferien 2019 bekommen.“

So kommentiert Redakteur Arndt Brede

Der richtige Weg zur Integration

Das Intensivsprachtraining in den Ferien ist ein Erfolg. Die jungen Teilnehmer aus Flüchtlingsfamilien haben nicht nur ihre Sprachkenntnisse erheblich verbessert, ihren Wortschatz erweitert. Sie haben Spaß daran gehabt. Der richtige Weg zur Integration.

Integration: Ein großes Wort. „Ziel von Integration ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in unserem Land leben, in die Gesellschaft einzubeziehen“, erklärt das Bundesinnenministerium. So weit, so gut. Das bedeutet aber auch, dass beide Seiten - Gesellschaft und Flüchtlinge - gewillt sind. Im Falle des Sprachintensivtrainings haben die Kinder und Jugendlichen ihren Willen, sich zu integrieren, gezeigt. Mehr als das. Sie fungieren in ihren Familien als Botschafter für die deutsche Sprache und damit auch für die Integration. Sie gehen mit einer Begeisterung an die Aufgabe, die deutsche Sprache nicht nur zu lernen, sondern auch anzuwenden, dass es einen umhaut.

Nun kommt es also auf die Gesellschaft an, dies auch anzunehmen. Die Stadt Olfen tut sehr gut daran, sich um weitere Fördermittel zu bemühen und ist damit auf dem besten Weg, zumindest den Teilnehmern auch eine Chance zu geben, über Sprachverbesserung heimisch zu werden. Und das tut uns allen gut.

Lesen Sie jetzt