Weihnachten ohne Mama und Papa: Wenn Kinder nicht zu Hause leben können

Weihnachten in Olfen

Weihnachten gilt als das Fest der Familie. Doch was ist, wenn Kinder Weihnachten fern von der Familie feiern müssen? Wir waren zu Besuch in zwei Kinderwohnheimen in Olfen.

Olfen

, 24.12.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min
So etwas wie Familie. In einer Wohngruppe in Olfen feiern die Kinder zusammen Heilig Abend. Aus Persönlichkeitsschutzgründen zeigen wir die Kinder nur von hinten.

So etwas wie Familie. In einer Wohngruppe in Olfen feiern die Kinder zusammen Heilig Abend. Aus Persönlichkeitsschutzgründen zeigen wir die Kinder nur von hinten. © Sabine Geschwinder

Sophie*, Kathi und Marie sitzen gemeinsam auf einem großen grauen Sofa und reden über Weihnachten. Direkt neben daneben steht der Tannenbaum, der seit Donnerstag mit bunten Kugeln dekoriert ist. Blau, rot und gold. Auch die drei Kinder haben beim Schmücken geholfen.

Sophie, 15, wünscht sich ein Handy und eine Bauchtasche. Kathi, 8 Jahre alt, hofft entweder Pfeil und Bogen oder diverse Playmobil-Spielzeuge unter dem Baum zu finden und die 12-jährige Marie möchte eine Musikbox und eine Fotolichterkette. Das sind viele kleine Fotorahmen, die mit leuchtenden Klammern befestigt sind und sich wie eine Girlande aufhängen lassen.

Gemeinsam werden die Kinder am Heiligabend frühstücken, den Gottesdienst besuchen, Pakete unter dem bunt geschmückten Baum hervorziehen und später Raclette verputzen. So wie eine Familie das eben macht. Allerdings sind Sophie, Kathi und Marie keine Familie im herkömmlichen Sinne. Gemeinsam mit vier anderen Kindern wohnen sie in einer Wohngruppe in Olfen, die zur Jugendhilfe Werne gehört.

„Vielleicht mit meinem Bruder“

Sie alle sind eine besonders große Patchworkfamilie, die sich immer wieder neu sortieren muss. Kinder, die volljährig werden gehen irgendwann, andere Kinder werden neu in die Wohngruppe aufgenommen. Insgesamt acht Kinder können hier wohnen, im Moment sind es sieben. Im Alter von 7 bis 15 Jahren. Kathi wird ihr erstes Weihnachten in dieser Wohngruppe feiern. Vorher lebte sie in einer anderen. Sie hofft auf Schnee, freut sich über den Tannenbaum und natürlich auch über Geschenke. Aber auch noch auf etwas anderes: „Am 27. sehe ich auch meine Mama und meinen Papa“, erzählt sie und ihre Augen leuchten dabei. „Und vielleicht auch meinen Bruder.“

Im Flur steht Weihnachtsdeko - wenn auch auf diesem Foto etwas verdeckt - auf den Kommoden.

Im Flur steht Weihnachtsdeko - wenn auch auf diesem Foto etwas verdeckt - auf den Kommoden. © Sabine Geschwinder

Den Heiligenabend verbringen die Kinder gemeinsam mit den Betreuern, die an diesem Tag zum Dienst eingeteilt sind. Ab dem 25. Dezember können sie dann auch zu ihren eigentlichen Familien. Je nach Situation. „Es gibt Kinder, die haben nicht die Möglichkeit, nach Hause zu gehen“, erklärt Einrichtungsleiterin Lena von Pokrzywnitzki. „Einige Kinder sind natürlich traurig darüber, andere Kinder haben auch für sich die Situation geklärt und lehnen es ab, ihre Eltern zu sehen und einige können eben nicht nach Hause“, erklärt Pokrzywnitzki.

Viele Fragen

Für die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen erfordert Weihnachten schon im Vorfeld viel Fingerspitzengefühl. Genau zu schauen, wie es den Kindern geht bei all der Vorfreude auf das Fest der Familie. „Gerade die Vorweihnachtszeit ist sehr emotional“, erklärt Sozialarbeiterin Sabrina Vogt. „Die Kinder stellen viele Fragen.“ Wenn zum Beispiel in der Schule darüber gesprochen werde, wie in den Familien gefeiert wird, dann könne das für die Kinder schwierig sein.

„Man geht davon aus, dass 80 Prozent der Kinder in Wohngruppen traumatische Erfahrungen, wie Misshandlungen, erfahren haben“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge Hermann Muss. Süße Lieder und der Duft von Plätzchen könnten überfordert sein oder auch ein Auslöser für schlechte Erinnerungen: „Was ist denn zum Beispiel, wenn der Vater eines Kindes an Weihnachten getrunken hat und der Mutter das Nasenbein gebrochen hat? Dann ist Weihnachten nicht toll.“

Muss ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Kinder- und Jugendeinrichtung Flow, die ihren Sitz in Bottrop hat und in Olfen zwei Wohnheime unterhält. Nun sitzt Muss mit einigen Kollegen im Wohnzimmer einer der beiden Wohngruppen im Olfener Zentrum. Auch hier gibt es einen Baum, er ist allerdings am Mittwoch noch nicht geschmückt. Anders als das Haus selbst. Das Fenster in der Küche ist mit Fingerfarbe bemalt, es zeigt eine Krippe, einen Weihnachtsbaum und Sterne. Ein Adventskalender hängt in der Küche, die Kinder haben teilweise Tannenzweige in ihren Zimmern dekoriert. Hier gibt es 9 Wohnplätze pro Wohnheim, die Kinder sind zwischen 3 und 17 Jahren alt. So wie diesen Kindern in Olfen geht es bundesweit Zehntausenden Kindern, laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes lebten 2016 mehr als 61.000 Kinder und Jugendliche in Heimen oder betreuten Wohnformen.

Ein besonders cooler Baum mit Sonnenbrille steht in einem der Kinderzimmer.

Ein besonders cooler Baum mit Sonnenbrille steht in einem der Kinderzimmer. © Sabine Geschwinder

Auch in den beiden Flow-Wohnheimen im Olfener Zentrum wissen die Mitarbeiter, dass sie an Weihnachten besonders feinfühlig sein müssen. „Es gibt Familien, da fand Weihnachten nur außerhalb der Familie statt, das kann auch eine Frage sein, ‚warum war das bei mir nicht so?“, sagt Susanne Waschkowitz, Pädagogische Einrichtungsleiterin bei Flow. Manche Kinder haben bevor sie in der WG waren nie Weihnachtslieder gesungen, Plätzchen gebacken und vielleicht auch keine Bescherung erlebt. „Deshalb ist es wichtig, dass die Pädagogen ganz besonders aufmerksam sind.“

Offen für Neues

Dieses Jahr ist es bei Flow erstmals so, dass manche Eltern nach Heiligabend zu Besuch kommen dürfen. Das hängt davon ab, was zwischen Eltern und Kind vorgefallen ist. Aber erstmal gehört hier der Heiligabend der Wohngemeinschaft. Mit spazierengehen, Krippenspiel und einem Würfelspiel, das darüber entscheidet, wer bei der Bescherung als erstes das Geschenk aufmachen darf.

Weihnachten ohne die ursprüngliche Familie. „Wir sind auf dem Weihnachtsmarkt gewesen und haben Plätzchen gebacken, die Klassiker, wozu man aber als Familie vielleicht gar nicht immer kommt“, erklärt Pädagogin Doris Braun vom Flow. Manche Kinder lernen Weihnachten kennen, gefeiert wird aber auch das Zuckerfest - einer der wichtigsten muslimischen Feiertage. Auch afghanisches Neujahr wurde in der WG mal gefeiert, als Kinder aus Afghanistan dort lebten. „Das ist auch total spannend, da lernen wir was Neues“, sagt Susanne Waschkowitz.

Eine Pauschale von 40 Euro

Vom Jugendamt gibt es für jedes Kind eine Pauschale von 40 Euro. Damit sollen die Ausgaben für Geschenke abgedeckt werden sowie alles, was sonst so mit Weihnachten zu tun hat. Deswegen können Spenden hilfreich sein, aber keine, die daraus bestehen, dass alte Teddybären oder Bücher vom Dachboden geholt werden, findet Hermann Muss. „Stellen Sie sich mal vor, ein Kind packt ein Buch aus und das hat dann Eselsohren“, sagt Muss. In diesem Jahr haben die beiden Wohngruppen von Flow an der Aktion Sternenwunsch teilgenommen. Dabei wurden Wunschzettel in Sternform in die Kirche gehängt. Wer möchte, nimmt sich einen Wunschzettel mit und erfüllt den Wunsch. Das hat gut funktioniert. Alle Wünsche der Kinder konnten erfüllt werden.

Aber das ist nicht das Wichtigste: „Man meint immer, das Materielle ist wichtig, aber das ist es nicht“, sagt Hermann Muss. Viel bedeutender sei zum Beispiel, dass die Kinder in der Wohngruppe eine Art von Zuhause erleben können, dass sie das Gefühl haben, von den anderen Olfenern akzeptiert und als Nachbarn angenommen zu werden.

Auch in der Wohngruppe, die zur Jugendhilfe Werne gehört, konnten in diesem Jahr durch Spenden viele Wünsche erfüllt werden. Marie, die 12-Jährige, die sich eine Musikbox wünscht, weiß noch nicht, ob sie diese auch bekommen wird. Sie findet aber: „Die Geschenke sind mir nicht so wichtig, eigentlich ist mir wichtig, dass wir zusammen sind.“

*Alle Kinder in dieser Geschichte heißen eigentlich anders. Um ihre Privatsphäre zu schützen, haben wir ihnen einen anderen Namen gegeben.

Die Einrichtungen im Überblick:
  • Die Kinder- und Jugendhilfe Flow gGmbH wurde 1995 unter dem Namen „Bulldogs GmbH“ von Hermann Muss und Gisela Lipsch-Lehmann gegründet. Nach der Schließung eines Heims in Gelsenkirchen wollte sie Heimkindern in einer Wohngruppe ein neues zu Hause geben. Insgesamt betreut sie 5 ambulante Projekte und 44 stationäre Projekte in 17 Ruhrgebietsstätten sowie 1 Projekt in Sachsen.
    Mehr Informationen: www.kjh-flow.de
  • Die Jugendhilfe Werne erreicht rund 1.000 Kinder, Jugendliche und ihre Familien in den Kreisen Unna, Hamm, Coesfeld, Warendorf, Recklinghausen, Borken, Steinfurt und Soest, in Dortmund und Iserlohn. Gründer und jahrelanger Träger der Jugendhilfe Werne ist die Stiftung St. Christophorus-Krankenhaus Werne. Seit 2017 liegt die Trägerschaft bei der St. Christophorus-Jugendhilfe gGmbH. Spitzenverband der Jugendhilfe Werne ist der Caritasverband der Diozöse Münster.
    Mehr Informationen: Jugendhilfe-werne.de/

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