Wegen eines Witzes bekam Heimatdichter Holtmann Ärger mit der Gestapo

dzVor 80 Jahren

Musik und Literatur waren die beiden Leidenschaften von Bernhard Holtmann. Als plattdeutscher Dichter ist er bekannt. Vor 80 Jahren stand die Gestapo vor seiner Tür - wegen eines Witzes.

Olfen

, 09.06.2020, 10:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Prof. Dr. Antonius Holtmann hat seinen Großvater noch kennengelernt. Der heute 84-Jährige beschäftigt sich viel mit dem Leben und dem Werk von Bernhard Holtmann, der 1947 starb, als sein Enkel elf Jahre alt war.

Es ist der „Umgang eines tiefgläubigen Katholiken mit dem Krieg des Kaiserreiches, mit der Weimarer Republik und mit dem kriegerischen Nationalsozialismus“, der Antonius Holtmann an seinem 1873 als ältester Sohn einer Schuhmachers geborenen Großvaters so fasziniert. Mittlerweile gibt es auf der Homepage des Heimatvereins Olfen eine ausführliche Biographie von Bernhard Holtmann, verfasst von seinem Enkel zusammen mit dem Heimatverein.

Bernhard Holtmann, den der Heimatverein Olfen 1994 mit einem Denkmal ehrte, das Britta Eilering geschaffen hat, schrieb während des Ersten Weltkriegs Kriegsgedichte und verehrte den Kaiser. 1918 musste er miterleben, wie jener Monarch von den Kindern an Weihnachten mit einem umgetexteten Lied verballhornt wurde.

In der Familie wurde das Ereignis lange nicht erwähnt

Dann kam die Weimarer Republik, in der er sich mehr mit dem Verfassen von Heimattexten beschäftigte. Nach 1929 hat Bernhard Holtmann Bücher und Broschüren nicht mehr veröffentlicht, schreibt sein Enkel in der Biographie: „Er hat sich in seinen Einzelveröffentlichungen, Lesungen und Vorträgen auf unpolitische Heimatgedichte und -geschichten zurückgezogen.“

Als 1933 das Dritte Reich begann, bemühte sich Holtmann in die Reichsschriftumskammer aufgenommen zu werden. Denn nur dann durften Texte veröffentlicht werden. 1934 wollte Holtmann in die Fachschaft „Mundartdichter“ aufgenommen werden. Das gelang ihm auch - zwei Jahre später. 1938 wollte er von der Mitgliedschaft befreit werden und geriet ins Blickfeld der Geheimen Staatpolizei (Gestapo).

Der Enkel hat noch weitere Erinnerungen an ihn. „Er war ein strenger Lehrer und eigentlich sollte ich Musikunterricht bei ihm bekommen.“ Dazu kam es dann nicht mehr, weil Bernhard Holtmann 1947 starb.

Von einem Ereignis jedoch, das sich am 29. Juni zum 80. Mal jährt, sei, so der Enkel, in der Familie damals nie gesprochen worden. Eine gefährliche Situation war es, in die ein Witz den Heimatdichter gebrachte hatte.

Pfarrbrief von der Gestapo beschlagnahmt

Am 29. Juni 1940 erscheinen Beamte der Gestapo in Olfen. Sie durchsuchen die Wohnungen der katholischen Geistlichen und auch die des Heimatdichters und Organisten Bernhard Holtmann. Sie beschlagnahmen insgesamt 60 Exemplare des vierseitigen Pfarrbriefes „Heimatgruß der Pfarrfamilie Olfen an ihre abwesenden Pfarrkinder“ (Ausgabe Juni 1940).

Olfens damaliger Pfarrer Gerhard Harrier hat etwa 400 Exemplare durch Schulkinder an die Angehörigen von einberufenen Soldaten verteilen lassen. Sofort erfährt die Gestapo in Münster vom „Heimatgruß“. Ein Tünnes-Witz wird den Beschuldigten zum Verhängnis. Bernhard Holtmann hat ihn seinen „leiwen Ölfsken“ an der Front auf plattdeutsch erzählt.

Die Gestapo erzürnt, dass in dem Witz angeblich das „Horst-Wessel-Lied“ der Nazis verunglimpft worden sei. Zudem könnte man Holtmann vorwerfen, im Wunsch des „Tünnes“ einen Aufruf zur Wehrdienstverweigerung zu sehen und diesen Aufruf als „Wehrkraftzersetzung“ zu ahnden.

Pfarrer und Dichter schon früher „aufgefallen“

Außerdem sind Harrier und Holtmann der Gestapo schon früher aufgefallen. Der Pfarrer aus Olfen, weil er angeblich im November 1938 beim außerschulischen Religionsunterricht den Schülern den sogenannten „deutschen Gruß“ untersagt habe. Die Gestapo wusste 1938 auch, dass in Bernhard Holtmanns Wohnung „noch ein Bild des früheren Reichskanzlers Brüning“, der der Zentrums-Partei angehörte und vor Hitler Reichskanzler war.

Vor 80 Jahren musste Oberstaatsanwalt Dr. Josef Wirth beim Sondergericht Dortmund über die neuen Vorwürfe gegen Holtmann entscheiden. Holtmann hatte sich verteidigt, er habe sich bei der Niederschrift über den Text keinerlei Gedanken gemacht und lediglich einen kölnischen Witz über Tünnes übernommen, ohne die Machthaber beleidigen zu wollen. Daran schien der Oberstaatsanwalt nicht unbedingt zweifeln zu wollen. Seine Entscheidung lautete nämlich: „„Ich beabsichtige, das Verfahren ... mangels hinreichender Beweise einzustellen“ und „die Beschuldigten eindringlich verwarnen zu lassen“.

Verfahren wurde im Dezember eingestellt

Am 17. Dezember 1940 stellte der Reichsjustizminister per „Erlass“ das Verfahren gegen den Olfener Heimatdichter ein. Seine Begründung: „Es kann dem Beschuldigten nicht mit ausreichender Sicherheit widerlegt werden, dass er nur einen – ungehörigen – Witz habe erzählen wollen. Auch den übrigen Beschuldigten ist Böswilligkeit nicht nachzuweisen“.

Seine Anweisung an die Staatsanwaltschaft, „die Beschuldigten nach der Eröffnung der Einstellung des Verfahrens eindringlich zu verwarnen“ wurde am 22. Januar 1941 ausgeführt.

Hoffnung auf Frieden

Vier weitere Jahre mussten sich die Männer nun vor der Gestapo und Denunzianten in ihrem Heimatort in Acht nehmen. Ostern 1945 hatte dies mit dem Einmarsch der Amerikaner endlich ein Ende. Antonius Holtmann schreibt: „Die Ostertage (1./2. April 1945) waren für sie Feiertage der Befreiung und der Beginn eines von Münsters Gestapo unbeschatteten Lebens.“

Seine Hoffnung auf ein friedliches Leben drückte Holtmann - der zwei Weltkriege miterleben musste - schon gezeichnet von einer schweren Krankheit und ein halbes Jahr vor seinem Tod in einem Weihnachtsgedicht aus.

Zur Vita
  • Durch seine plattdeutschen Gedichte und Erzählungen ist Bernhard Holtmann weit über die Grenzen seines Geburtsortes Laer und seiner Heimatstadt Olfen hinaus im Münsterland bekannt geworden.
  • Als ältester Sohn erlernte Bernhard Holtmann das Schuhmacherhandwerk. Er sollte die Werkstatt seines Vaters übernehmen.
  • Er verzichtete aber auf sein Erbe und besuchte neben seiner beruflichen Tätigkeit die Kirchenmusikschule in Münster, wo er seine Prüfung als Küster und Organist ablegte.
  • Bernhard Holtmann starb 1947 im Alter von 74 Jahren.
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