Darum ist die Suche nach dem Arzt am Abend oft so schwierig

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Mehr Chaos geht kaum: Wer außerhalb der „normalen“ Öffnungszeiten der Praxen ärztliche Hilfe benötigt, muss viele Daten und Fakten im Kopf haben. Sonst wird es extrem schwierig.

Olfen, Nordkirchen, Selm

, 07.08.2019, 13:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nikolaus Klar hat es erlebt, wie schwierig die ärztliche Versorgung bereits zu„normalen“ Zeiten sein kann. Nach einem Unfall benötigte er ärztliche Hilfe. Und musste lange warten. Nur eine Olfener Hausarztpraxis habe geöffnet gehabt. „Die Ärzte regeln die Urlaubsvertretung unter sich“, sagt auf unsere Anfrage Vanessa Pudlo, Pressesprecherin der Kassenärztliche Vereine Westfalen-Lippe (KVWL).

Besondere Vorgaben dafür gebe es nicht. Vielmehr könne es auch so sein, dass ein Arzt in einem Nachbarort die Vertretung übernehme. Während Nikolaus Klar am Ende trotz „Überbelastung freundlich und zuvorkommend“ versorgt wurde, gibt es beim Notdienst weiter Probleme. Immer wieder gibt es heftige Klagen über lange Wartezeiten und Probleme bei der Suche nach einer Notfallpraxis.

Patienten sollten von neuen Strukturen profitieren

Dabei war das Ziel war klar formuliert: Als zum 1. Februar 2011 eine neue Notdienstregelung für ganz Westfalen-Lippe eingeführt wurde, sollten die Patienten von den neuen einheitlichen Strukturen profitieren.

Die Realität sieht anders an. Vor allem, weil Notfallpraxis nicht Notfallpraxis ist. Die auch für Selm, Olfen und Nordkirchen zuständige Notfallpraxis im Gesundheitscampus in Lüdinghausen hat nur samstags, sonntags und an Feiertagen von 8 bis 22 Uhr geöffnet.

Wer unter der Woche Hilfe benötigt, muss nach Dülmen fahren

Wer in den Woche außerhalb der regulären Sprechstundenzeiten (10 bis 12 Uhr und 16 bis 18 Uhr) ärztliche Hilfe benötigt, muss nach Dülmen fahren. Diese Praxis deckt die Zeiten ab, wenn die „normalen“ Arztpraxen geschlossen haben: Montags, dienstags, donnerstags ab 18 Uhr, mittwochs und freitags ab 13 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von von 8 Uhr bis 8 Uhr am Folgetag.

Wieder andere Zeiten Öffnungszeiten hat die Notfallpraxis in Lünen: Mittwochs 13 Uhr bis Mitternacht, donnerstags 0 bis 7 Uhr, samstags und sonntags 8 bis 20 Uhr. Auf unsere Anfrage, wer über die Öffnungszeiten der Notfallpraxen entscheidet, erklärt die KVWL schriftlich: „Dies geschieht in enger Abstimmung zwischen Vertretern der KVWL und der Klinik, an die die Notfalldienstpraxis angegliedert ist. Ein entscheidender Faktor ist, wie hoch das Patientenaufkommen in den Notfalldienststrukturen ist.“

Wer sollte zum Krankenhaus fahren, wer zur Notfallpraxis?

Was liegt angesichts die Zeiten-Wirrwarrs für Patienten näher, gleich ins nächst gelegene Krankenhaus zu gehen, das rund um die Uhr geöffnet ist? Zu kurz gedacht. „Die Notfallambulanzen bzw. Notaufnahmen an Kliniken sind für akut zu versorgende Patienten, also echte Notfälle, zuständig“, betont Vanessa Pudlo, Pressesprecherin der KVWL.

  • Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ist für eine ausreichende ambulante medizinische Versorgung der Bürger in Westfalen-Lippe, auch außerhalb der Praxisöffnungszeiten, zuständig.
  • Insgesamt betreibt die KVWL derzeit 64 allgemeinmedizinische Notfalldienstpraxen und bietet darüber hinaus auch einen fachärztlichen Notfalldienst an.
  • Mittlerweile befinden sich 59 der 64 allgemeinmedizinischen Notfalldienstpraxen in Westfalen-Lippe in Krankenhäusern oder sind an diese angegliedert.
  • Die Augen- und HNO-Ärzte führen ihre Notdienste im Moment noch größtenteils in ihren eigenen Praxisräumen durch. Erste zentrale Notfalldienstpraxen gibt es in Bochum und Recklinghausen (HNO) sowie in Münster und Bochum (Augenheilkunde).

„Handelt es sich um nicht-lebensbedrohliche Beschwerden, mit denen der Patient normalerweise zunächst seinen Hausarzt aufsuchen würde, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst die richtige Anlaufstelle. Erkrankungen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden könnten, sind beispielsweise Erkältungen mit Fieber über 39°C, anhaltender Brechdurchfall starke Hals- oder Ohrenschmerzen, akute Harnwegsinfekte sowie akute Rücken- oder Bauchschmerzen.“

Gemeinsamer Empfang von Notfalldienstpraxis und Ambulanz

Der medizinische Laie muss also im Zweifelsfall selbst entscheiden, wie dringend der akute Fall ist. Aber es gibt erste Lösungsansätze: „An 16 Standorten ist es uns in enger Kooperation mit den Kliniken gelungen, sogenannte Portalpraxen einzurichten“, sagt Vanessa Pudlo und erklärt das Prinzip.

„Kernelemente der Portalpraxen sind ein gemeinsamer Empfang von Notfalldienstpraxis und Ambulanz sowie – je nach Notwendigkeit – eine abgestimmte Einschätzung und Priorisierung des Patientenstroms. Ziel ist es, die Patienten gemäß ihrer Beschwerden unmittelbar in die richtigen Versorgungsstrukturen zu leiten.“

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