Ein Foto aus dem Archiv: Der damalige Beigeordnete Wilhelm Sendermann - heute ist er Bürgermeister - und Landschaftsarchitektin Britta Biermann zeigen, wo die Neue Stever von der Stever abzweigen wird: in der Nähe des Stadions. © Foto Münch
Planung

Neue Stever: Kurz vorm Startschuss des Millionen-Projekts gibt es Kritik

Es ist ein Mammutprojekt: der Bau der Neuen Stever zwischen Lippe und Stever. Der Olfener Bürgermeister hofft, dass es endlich losgehen kann. Ein Bürger bläst dagegen zum Widerstand.

Hans Oswald Mattern ist jemand, der den Dingen gerne auf den Grund geht, und sich zu Wort meldet, wenn er etwas nicht versteht. Zum Beispiel: warum sich die Stadt Olfen für das Millionen-Projekt Neue Stever stark macht. Das will ihm nicht in den Kopf. „Und bislang konnte es mir auch noch niemand erklären“, sagt der Rentner. Dabei hat er schon viele Stellen angeschrieben: alle Fraktionen im Olfener Rat, den Bürgermeister, übergeordnete Behörden und auch die Gelsenwasser AG. Mattern ist überzeugt: „Sowohl eine große Anzahl der Bürger Olfens als auch einige Ratsmitglieder kennen den Umfang des Projektes nicht.“ Dennoch sollen die Bauarbeiten bald beginnen.

Vor mehr als 15 Jahren ist die Idee zur Neuen Stever entstanden

Das Projekt ist alles andere als neu. Bereits vor mehr als 15 Jahren hatte der damalige Olfener Bürgermeister Himmelmann die Idee entwickelt, ein etwa 4,4 Kilometer langes, naturnahes Gewässer als Verbindung zwischen Stever und Lippe zu bauen: die Neue Stever im westlichen Umfeld Olfens. Zurzeit unterbrechen Hullerner- und Halterner Stausee mit ihren Talsperren die ökologische Durchgängigkeit für das gesamte Stever-Einzugsgebiet – ein echtes Problem für wandernde Fische und Kleinlebewesen. Eine Lösung muss her – auch weil die europäische Wasserrahmenrichtlinie das fordert.

Ein Foto aus dem Archiv: Der damalige Beigeordnete Wilhelm Sendermann - heute ist er Bürgermeister - und Landschaftsarchitektin Britta Biermann zeigen, wo die Neue Stever von der Stever abzweigen wird: in der Nähe des Stadions.
© Foto Münch © Foto Münch

Das Gesetzeswerk verlangt, dass alle Gewässer in einen „guten Zustand“ zu versetzen sind – eigentlich schon bis 2015. Deutschland hatte aber die Frist verlängert bis 2027. Bis dahin muss unter anderem die Durchgängigkeit von Bächen und Flüssen für alle Lebewesen ermöglicht werden.

Baugenehmigung liegt vor, Finanzierung steht noch nicht

Längst hat die Olfener Idee, die Neue Stever zu bauen, Kreise gezogen: Bezirksregierung Münster, die Kreise Coesfeld und Recklinghausen und die Gelsenwasser AG beschäftigen sich mit der Schaffung des neuen Fließgewässers, das „kein Bach, aber auch kein Rinnsal“ werden soll, wie Bürgermeister Wilhelm Sendermann es einmal ausgedrückt hat. Inzwischen besteht Einigkeit unter den Genehmigungsbehörden, dass die Neue Stever sinnvoll ist. Eine Baugenehmigung liegt vor. Nur die Finanzierung ist noch nicht in trockenen Tüchern. Das könnte sich aber bald ändern.

„Die Gespräche zwischen allen Beteiligten stehen kurz vor dem Abschluss“, sagt Heidrun Becker, Sprecherin der Gelsenwasser AG. Da Gelsenwasser durch die Neue Stever aufwendige technische Anlagen zur Unterstützung der Fischwanderung an den Stauanlagen spare, sei das Unternehmen bereit, sich an den Kosten – in der Vergangenheit war immer die Rede von 5 bis 8 Millionen Euro – zu beteiligen. Zahlen nannte Heidrun Becker aber nicht. Sie ist optimistisch, dass die Unterzeichnung einer Vereinbarung noch in diesem Jahr erfolgen wird. „Dann sind alle Hürden genommen und es kann mit dem Bau der Neuen Stever losgehen“ – allerdings nicht, wenn es nach Hans Oswald Mattern geht. Es gebe viel zu viele offene Fragen, die es erst zu klären gelte, sagt er. Und schreibt es auch an den Bürgermeister.

Mattern: Warum ist das Roden von 1500 Bäumen ökologisch sinnvoll?

Warum überhaupt die Stadt Olfen Antragstellerin für das Projekt ist, will Mattern etwa wissen. Und welchen Kostenanteil die Stadt tragen werde – sowohl bei den erheblichen Baukosten als auch bei den Folgekosten. Und warum es ökologisch wertvoll sein soll, wenn 1500 Bäume gerodet und 275.500 Kubikmeter Boden abgeschoben werden müssen. Die Tatsache, dass das nicht einmal Ratsvertreter beantworten könnten, wertet er als Zeichen dafür, „dass die ganze Diskussion bislang nicht ausreichend in die Breite getragen worden ist“.

Ein Foto aus dem Archiv: Der damalige Beigeordnete Wilhelm Sendermann - heute ist er Bürgermeister - und Landschaftsarchitektin Britta Biermann zeigen, wo die Neue Stever von der Stever abzweigen wird: in der Nähe des Stadions.
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Mattern macht sich auch Sorgen, dass die Neue Stever die Wasserversorgung der Menschen stören könnte. „Natürlich geht dem Talsperrensystem Wasser durch die Ableitung über die Neue Stever verloren“, sagt dazu Heidrun Becker. Dieser Effekt werde aber „weitestgehend ausgeglichen“: Der Mindestabfluss über das Walzenwehr der Talsperre Haltern in die Unterstever und in die Lippe werde nach der Fertigstellung der Neuen Stever halbiert – allerdings ohne dadurch das Ökosystem zu stören, wie sie betont. Dieses Vorgehen habe die Bezirksregierung Münster bereits zugelassen. Sonst würde auch nicht die Baugenehmigung vorliegen.

Gelsenwasser: „Es wird keine Versorgungsengpässe geben“

Matterns Sorge, dass in Trockenjahren Wassermengen im Zufluss zu den Talsperren Haltern und Hullern fehlen könnten, greift die Gelsenwasser-Sprecherin auf. In so einem Fall würde das Unternehmen auf eigene Kosten das fehlende Wasser „über die Zuspeisung von Kanalwasser bei Senden in die Stever“ ausgleichen. Das sei bereits in den heißen Sommern der Jahre 2018 bis 2020 so erfolgt. Mattern und allen anderen Zweiflern und Kritikern des Neue-Stever-Projekts versichert sie: „Die Trinkwasserversorgung aus dem Wasserwerk Haltern ist damit abgesichert, und es wird durch die Neue Stever keine Versorgungsengpässe geben.“

Olfens Bürgermeister Sendermann zeigt sich verwundert über Matterns hartnäckiges Hinterfragen des Projekts – „gerade jetzt, nachdem wir alle die Folgen der Hochwasserkatastrophe noch vor Augen haben“. Die künstliche Verbindung zwischen der Stever vom Bereich des Klärwerks hinter dem Stever-Sportpark, vorbei am Naturschwimmbad bis zur Mündung in die Lippe südlich der Eversumer Straße „dient dem Hochwasserschutz“. Angesichts der zerstörerischen Kraft des Wassers, die alle vor Augen hätten, „ist der hohe finanzielle Aufwand für die Neue Stever absolut gerechtfertigt. Wir müssen Flüssen mehr Raum geben.“

Information der Bevölkerung soll besser werden

Dass er die Stadt dabei nicht in ein unkalkulierbares finanzielles Abenteuer stürzen werde „ist doch klar“, sagt er selbstbewusst mit Verweis auf die gute Haushaltssituation Olfens. Bei den enormen Erdbewegungen, die bevorstünden, „werden wir den Boden ja nicht entsorgen, sondern können dafür noch Geld bekommen“.

In einem Punkt gibt er Mattern allerdings Recht. „Wir müssen mehr Informationen anbieten, damit wir die Menschen auch mitnehmen.“ Das werde demnächst erfolgen.

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Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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