Hinter diesem Bauzaun stand das alte Jugendheim St. Josef mit der einstigen Küster-Wohnung. Durch den Abriss entsteht das Grundstück für das Wohnhaus für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, wie es offiziell heißt. © Arndt Brede
Fragen und Antworten

Wohnungen für Suchtkranke in Selm: „Die Bilder im Kopf passen nicht“

Zehn Wohnungen für Menschen mit einer Suchterkrankung sollen im Selmer Zentrum entstehen. Das sorgt für Diskussionsbedarf. Und für Sorgen. Letztere seien unbegründet, sagt der Träger.

Auf der Fläche zwischen Jugendheim Findus, Altenheim St. Josef und gleichnamiger Kita soll ein Neubau entstehen: ein Wohnhaus

mit Einzelappartements für 10 bis 12 chronisch suchtkranke Menschen, die dort besondere Unterstützung und Hilfe erfahren können.

Kaum war dieses Vorhaben am Donnerstagabend (25. 2.) öffentlich bekannt geworden, entfachte es hitzige Diskussionen in den sozialen Medien. DerProjektleiter, Janis Drögekamp, Geschäftsführer von Integra e. V., und Claus Themann, der Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde, der die Fläche gehört, begegneten am Dienstag im trotz Corona gut besuchten Jugendhilfeausschuss den Sorgen mit Informationen. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Für welche Menschen genau sind die geplanten Wohnungen gedacht?

N

Drögekamp spricht von Klienten, nicht von Patienten: Menschen mit einer „Abhängigkeitserkrankung“, wie es offiziell heißt. Sie seien grundsätzlich zwischen 21 und 65 Jahre alt, oft aber auch deutlich älter als 65. Der Fokus liegt auf ältere oder durch die Sucht „vorgealterte“ Menschen. Dabei gehe es ausschließlich um Alkohol- und Medikamentensucht. Aufgenommen und betreut würden keine Menschen mit einer Sucht nach illegalen Drogen. „Die Bilder im Kopf aus der Drogenszene passen hier also nicht.“ Müssen die Alkoholiker trocken sein?

Ja. Geplant ist ein „abstinenzorientierter Wohnraum“, wie Drögekamp sagt. Themann drückt es so aus: „Die Menschen, die zu uns kommen werden, haben die Talsohle ihrer Erkrankung durchschritten. Wer da einziehen wird, will einen Neuanfang machen und sucht einen Lebensort dafür.“ Tatsächlich gibt es in der sozialtherapeutischen Hilfe auch sogenannte „nasse“ Einrichtungen, in denen kontrolliert getrunken werden darf – aber nie im Zentrum, wie Drögekamp sagt. „Wir arbeiten anders.“

Heißt das, dass es also keine Rückfälle geben wird?

ein. Rückfälle gehören zu einer Abhängigkeitserkrankung dazu. Danach könne eine qualifizierte Entgiftung erfolgen oder noch eine Therapie, sagte Drögekamp. „Wenn das aber alles nichts hilft, muss es die rote Karte geben.“ Dann würde der betroffene Klient an eine Einrichtung des stationären Wohnens übergeleitet. Das Selmer Angebot sei dann nicht mehr das richtige für ihn.

Wieviel Betreuung gibt es im ambulanten Wohnen?

Die Rede ist von einem „intensiv ambulant betreutem Wohnen“: ein Leuchtturmprojekt, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe meint. Die Menschen, für die das gedacht ist, sind davon überfordert, vollständig alleine zu wohnen, weil zumeist ihre sozialen Strukturen durch die Sucht weggebrochen seien. Eine Wohngruppe in einer stationären Einrichtung engt sie aber wiederum zu sehr ein. Die Betreuung in diesem ambulanten Wohnprojekt wird intensiver sein als in anderen. Jeder Bewohner bekomme auf Basis individueller Hilfeplanung Unterstützung – nach bisherigen Erfahrungswerten können das durchschnittlich fünf bis neun Stunden Einzelbetreuung in der Woche sein.

Was leistet eine solche Betreuung?

Die Klienten erhalten Unterstützung beim Einkaufen, Kochen und in der Haushaltsführung. Die Betreuer erarbeiten mit ihnen eine sinnvolle Tagesstruktur und führen sie an eine sinnvolle Freizeitgestaltung im Quartier heran: unter anderem auch durch ein Café für die Nachbarschaft. Ziel ist es, wieder einen persönlichen Lebenssinn zu entdecken, der eine abstinenzorientierte Lebensführung unterstützt.

Wie viele Mitarbeiter werden dafür gebraucht?

Die Rede ist von zweieinhalb bis drei Vollzeitstellen, die sich drei bis vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen werden. Bei wem werden sie angestellt sein?

Bei dem 2001 gegründeten Integra e. V. aus Wetter. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Erzieher und Pflegekräfte – arbeiten zurzeit in Ennepe-Ruhr, Hagen, Märkischer Kreis, Dortmund und Unna. Das „Gesicht vor Ort“ als fachliche Leiterin wird Britta Klink sein, die Leiterin des Integra-Fachdienstes Unna. Wird es eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung in Selm geben? Nein, das ist nicht vorgesehen. Schließlich ist es eben keine stationäre Einrichtung. Montags bis freitags werden zu den Kernarbeitszeiten Mitarbeiter vor Ort sein, am Wochenende sind die Klienten auf sich gestellt. Es gibt aber ein Notrufsystem. Und was ist dann mit der Sewo? Sewo ist die Abkürzung für selbstständiges Wohnen. Die gleichnamige gemeinnützige GmbH ist eine Tochter des Landschaftsverbandes, die ein Programm für selbstständiges, technikunterstütztes Wohnen im Quartier ausgeschrieben hatte. Daran hatte sich Integra mit Erfolg beworben. Sewo wird von der katholischen Kirchengemeinde Selm das etwa 1200 Quadratmeter große Grundstück kaufen und als Bauherr, Vermieter derEinzelappartements und Projektleiter auftreten. Integra ist mit seinem Wohn- und Betreuungskonzept der Kooperationspartner. Wer wusste bislang von dem Projekt?Der Ältestenrat war informiert: das nicht öffentlich tagende Gremium der Stadt, in dem jede Fraktion vertreten ist. Pfarreirat und Kirchenvorstand von St. Ludgerus sind schon seit fast drei Jahren informiert, seitdem die Suche nach einer Gestaltung der Fläche läuft. Auch Vertreter des Altenwohnhauses, der Kita und des Jugendheims waren laut Themann bereits informiert. Warum setzt sich die Gemeinde dafür ein?„Das ist Aufgabe der Kirche: Kranke und Schwache nicht an den Rand zu drängen, sondern in die Mitte zu holen“, sagt Claus Themann. Wie war die Reaktion der Politik im Ausschuss?Die SPD hat das Vorhaben ausdrücklich begrüßt. Jochen Westermann (CDU) wünschte sich die Aufstellung eines Bebauungsplans, um Mitspracherecht bei der Gestaltung zu haben.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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