Die Zeiten, als hier Milch angeliefert wurde, sind mehr als 50 Jahre vorbei. © Sylvia vom Hofe
Stadtentwicklung

Vorzeigeobjekt wird Schandfleck: Absturz der Molkerei Selm „tut weh“

Das große Backsteingebäude am Bahnhof Selm ist nicht zu übersehen: einst in der ganzen Region erste Adresse für Milch, Butter und Quark, inzwischen eine Bruchbude mit unklaren Perspektiven.

Zum 75-Jährigen gab es noch eine stolze Festschrift mit Hochglanzdruck. Zum 100-jährigen immerhin noch einen wehmütigen Rückblick in der Zeitung. Dass die alte Molkerei in Selm 2021 130 Jahre alt wird, weiß kaum jemand. Nach Feiern wäre sowieso keinem zumute. Denn wenn überhaupt noch die Rede ist von dem einst markanten Gebäude an der Bahnstrecke Dortmund-Enschede, fällt immer nur ein Begriff: Schandfleck.

Löhr: „Wollen kein Geld in den Rachen werfen“

Vitus Seewald lebt nicht mehr. 2009 ist der letzte Chef der Molkereigenossenschaft Selm gestorben. Das rote Backsteingebäude an der Olfener Straße habe er zuletzt stets gemieden, erzählen seine vier Kinder. Der Niedergang des einstigen Vorzeigebetriebs habe den Vater zu sehr geschmerzt. Dass ausgerechnet „seiner“ Molkerei, die einst bis nach Dortmund vielfach ausgezeichnete Frischeprodukte lieferte, ein solches Schicksal bestimmt war, habe er nur schwer ertragen, auch wenn er dafür keine Verantwortung trug. Die Selmer Politik tut sich auch nicht leichter damit.

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Einst Vorzeigeobjekt, jetzt Bruchbude: Die alte Molkerei in Selm

„Das kann doch nicht so weitergehen. Was können wir endlich tun?“ Alle Jahre wieder gibt es solche Anfragen aus den Reihen der Ratsmitglieder oder von der Bevölkerung, Die Antworten klingen immer ähnlich. „Wir können dem Eigentümer das Gebäude nicht zwangsweise wegnehmen“, hatte etwa Mario Löhr, damals noch nicht Landrat vom Kreis Unna, sondern Selms Bürgermeister, im Frühjahr 2020 während einer Ratssitzung gesagt: „Ich habe kein Interesse, solchen Eigentümern auch noch viel Geld in den Rachen zu werfen.“

Die leerstehende Immobilie – eine Gewerbefläche in zentraler Lage – scheint ein Spekulationsobjekt geworden zu sein: je höher der öffentliche Leidensdruck, desto höher der Preis? Noch scheint eine solche Rechnung nicht aufzugehen. Peter Ziebell will sie so auch gar nicht aufmachen. Am Telefon gibt sich der Mann aus Lüdinghausen einsilbig. Er sagt nur zwei Dinge: erstens, dass er kein Interesse daran habe, dass das Thema öffentlich erörtert werde. Und zweitens, dass er nach wie vor Pläne mit der alten Molkerei habe und hoffe, damit in diesem Jahr beginnen zu können. Das hört sich nicht nach Abriss an. Was er damit aber meint, verrät er nicht. Siehe erstens.

Eigentümer gehörte auch die Selmer Großraumdisco

Ziebell ist nicht nur aktueller Eigentümer der alten Molkerei, sondern auch eines anderen innenstadtnahen Grundstücks, das schon lange brachliegt: die ehemalige Kartbahn neben der einstigen Großraumdisco an der Industriestraße. Anders als die Molkerei liegt es zwar nicht so exponiert an Bahnhof und Bundesstraße, so dass jeden Tag ganze Pendlerströme daran vorbeikämen. Aber in einer Stadt auf Wachstumskurs, in der Gewerbeflächen inzwischen Mangelware sind, kommt so einer Fläche wachsende Bedeutung zu.

In den politischen Diskussionen über ungenutzte Gebäude fällt regelmäßig ein Stichwort: Enteignung. Der Gesetzgeber hat dafür aber die Hürden hochgelegt. Artikel 14 im Grundgesetz schützt das Eigentum und versichert, dass Eltern es an ihre Kinder vererben können. Eigentum ist aber auch eine Verpflichtung. Es soll so genutzt werden, dass es allen nützt. „Zum Wohle der Allgemeinheit“ sieht das Grundgesetz auch eine Enteignung gegen eine entsprechende Entschädigung vor. Das ist meistens nur der Fall bei Straßenbau, Ausbau des Schienennetzes oder in der Vergangenheit beim Tagebau in den Braunkohlerevieren. Zuletzt gab es aber auch Ausnahme, die bundesweit Schlagzeilen machten.

Ein Ausschnitt aus den Ruhr Nachrichten vom 11. Juli 1990: Vitus Seewald, der letzte Geschäftsführer der Selmer Molkerei, erinnerte sich. an seine Arbeit in Selm Von 1955 bis 1968 war er dort tätig., danach In Bochum. 1987 ging er In Pension. © Gawi © Gawi

Der Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf hatte 2018 einen Hausbesitzer vorübergehend enteignet, der eine Immobilie seit 20 Jahren nicht mehr instandgehalten und sie dadurch unbewohnbar gemacht hat. Erst vor wenigen Tagen, im Januar 2021, gelang es, dem Land Thüringen nach langem Rechtsstreit, das Schloss Reinhardsbrunn zu enteignen. Die bisherigen Eigentümer hatten es verfallen lassen.

Dürfen Schrottimmobilien enteignet werden?

Für den Umgang mit den Selmer Schrottimmobilien hilft das alles nicht. „Hier gibt es keinen neuen Sachstand“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann. Anders als bei Haus Kampmann in Bork gebe es auch keine Gespräche mit dem Grundstücksinhaber. „Da es sich um Privatbesitz handelt, hat die Stadt keine Handhabe, etwaige Schritte einzuleiten. Dies wäre nur gegeben, falls von dem Gebäude unmittelbare Gefahr ausgehen würde.“

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Die Geschichte der alten Molkerei in Selm

Den Kindern des letzten Geschäftsführers der alten Molkerei bleiben nur die nostalgischen Erinnerungen an bessere Zeiten: als die Molkerei noch ein Aushängeschild war für Selm, und für sie selbst ein heimeliges Zuhause. Die Liebe zur Milch zieht sich wie ein weißer Faden durch die Familiengeschichte: Die Eltern, Vitus und Christel Seewald, hatten sich in einer Molkerei in Grevenbroich kennengelernt. Sohn Gerd Seewald, der in Herford lebt, hat den Beruf des Molkereimeisters erlernt.

„Mein Vater war 1955 bis 1968 Geschäftsführer der Molkerei in Selm“, sagt Gerd Seewald. 1968 war Schluss in Selm, weil sich die Selmer Genossenschaft mit der Milchversorgung Dortmund zusammenschloss – der Anfang eines rasanten Konzentrationsprozesses. Das Gebäude am Selmer Ortseingang wechselte den Besitzer: erst ein Dachdeckerbetrieb, später Ziebell.

Es gibt nur noch sechs Molkereien in NRW

Hatte ursprünglich noch jedes Dorf eine eigene Molkerei, sind inzwischen gerade einmal sechs Betriebe geblieben – in ganz NRW. Längst ist die Milchwirtschaft international aufgestellt. Platz eins auf der von der niederländischen Radobank jährlich aufgestellten Liste der 20 größten Molkereien weltweit hat das Schweizer Unternehmen Nestlé inne, gefolgt von Lactalis aus Frankreich und dem US-amerikanischen Konzern Dairy Farmers of America. Erst auf Rang 13 folgt ein deutsches Unternehmen: der Deutsche Milchkontor (DMK) in Niedersachsen. Er ist das größte Molkereiunternehmen Deutschlands mit 7.200 Mitarbeitern an 25 Standorten.

Die Väter der Molkereigenossenschaft hätten sich das nicht träumen lassen. 36 Milchviehhalter aus Selm, Bork, Nordkirchen und Olfen waren am 11. Juli 1890 in der Gaststätte Stodt an der Ludgeristraße (später Knipping und heute ein Haus mit 20 Wohnungen) zusammengekommen, um die Molkerei-Genossenschaft Selm zu gründen. Die Milchlieferanten übernahmen als Gründer sowohl „das Recht auf freiheitliche Selbstbestimmung, aber auch die gefahrvolle Haftung mit ihrem gesamten Vermögen“. Wer wagt, der gewinnt: Bereits wenige Jahre später geht die Molkerei auf Expansionskurs – dank des Bergbaus.

1909 nimmt die Zeche Hermann in Selm-Beifang die Kohleförderung auf: Innerhalb von nur fünf Jahren vervierfacht sich die Bevölkerung – und damit der Absatzmarkt an Trinkmilch. Milch aus Selm wird bald auch nach Dortmund geliefert. Speisequark, Butter, die der höchsten Handelsklasse Deutsche Markenbutter entspricht, und Schlagsahne runden das Angebot ab.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“

Heute erinnert nichts mehr an den Zweck und die Erfolge des großen Backsteingebäudes mit der langen Rampe. Wo sich einst die Anhänger mit Milchkannen aufreihten, werden jetzt LKW abgestellt, die gar nichts mit der Lebensmittelindustrie zu tun haben. Fenster sind eingeschmissen, Wände und Türen beschmiert. Die Ortsunion Selm schimpft: „Der illegal errichtete Anbau sowie der städtebauliche Zustand des gesamten Umfeldes sind ein öffentliches Ärgernis und ein Gefahrenpunkt nicht nur für Kinder. Es besteht dringender Handlungsbedarf.“ Das war 2006.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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