Finn (7) und seine Mutter Nadine Übleis beim Homeschooling. Eine Herausforderung für Mutter und Sohn. Sie unterstützt den Jungen, wo sie nur kann. Leicht ist das nicht. Nicht selten ist der Distanzunterricht stressig für alle Beteiligten. © Übleis
Distanzunterricht

Unterricht zu Hause: Was Homeschooling mit einer Selmer Familie macht

Die Coronakrise zwingt Schüler und Eltern in den Unterricht zu Hause. Was macht das mit den Beteiligten? Einblicke in eine Selmer Familie zwischen Videokonferenzen und Kontaktverbot.

Nadine Übleis ist im Stress. „Im Homeschooling-Stress“, sagt sie. Kein Wunder, sind doch ihre beiden Söhne Finn (7) und Jonas (10) derzeit nicht in der Overbergschule, sondern zu Hause. Und da ist ja auch noch der Jüngste, Laurin (3), der zurzeit nicht in die Kita geht. Da sind vor allem die Vormittage eine Herausforderung. Für Nadine Übleis und für ihren Nachwuchs. Wie sieht denn aber ein erzwungener normaler Vormittag in Coronazeiten bei der Familie Übleis aus?

„Ich erlebe das jetzt zum dritten Mal“, erzählt Nadine Übleis. Schon im Frühjahr hatte es Schulschließungen gegeben. Im Spätherbst sei dann ihr Zweitjüngster mit seiner Klasse an der Overbergschule in Quarantäne gegangen. Und nun also die Aussetzung des Präsenzunterrichts nach den Weihnachtsferien. „Ich habe das Glück, dass ich jetzt schon geübt bin und weiß, wie IServ funktioniert.“ Über diese Kommunikationsplattform läuft an der Overbergschule , wie auch an den anderen beiden Selmer Grundschulen, der digitale Distanzunterricht. „Die Schule hat uns gut darauf vorbereitet. Wir haben Probeläufe in allen Jahrgängen gemacht, Fotos hochgeladen, damit die Kinder auch lernen, das selber zu bedienen.“

Ausloggen und sofort wieder einloggen

Bei der Familie Übleis kommen alle möglichen Geräte zum Einsatz. Das liege daran, dass zu bestimmten Zeiten Finn und Jonas gleichzeitig über IServ mit ihrer Klasse kommunizieren, sagt Nadine Übleis. Meistens kommunizieren sie aber zu unterschiedlichen Zeiten. Und weil sie in der Regel mit dabei sitzt, wenn ihre Jungs im digitalen Austausch sind, könne es passieren, „dass ich mich manchmal gerade bei dem einen ausgeloggt habe und sofort bei dem anderen einlogge“. Gut, wenn Laptop, Tablet und Smartphone greifbar sind.

Der ganz normale Vormittag in Coronazeiten beginnt bei der Familie Übleis derzeit so: „Ich wecke die Kinder; während sich die Jungs die Zähne putzen, fange ich schon an, mich bei IServ einzuwählen“, erzählt die 39-Jährige. „Je eher man sich einwählt, desto einfacher ist es. Besser, als wenn alle gleichzeitig kommen.“ Das ist aber noch nicht alles. Während ihre Söhne sich noch für den Tag fertig machen und frühstücken, baut Mama Nadine den Laptop und einen WLAN-Repeater im Kinderzimmer auf, „wo sie sonst nicht stehen“.

Dresscode: Schlafanzug verboten

Finn setzt sich dann schon mal um kurz nach 8 Uhr ans Gerät und macht Hausaufgaben. Für Finn und Jonas gilt: Schlafanzüge sind nicht der Dresscode für das Homeschooling. „Jogginghose ja, aber Schlafanzug nein“, sagt die Selmerin.

Um 8.15 Uhr beginnt dann die erste Videokonferenz für den Zweitklässler Finn. „Die Kinder begrüßen sich dann erstmal, zeigen auch schon mal ihre Zimmer“, erzählt Nadine Übleis. Sobald der Lehrer auf dem Bildschirm erscheint, „gehen alle Mikros der Kinder aus“, sagt Nadine Übleis und lacht. Die Kinder halten Disziplin, halten sich an das, was ihr Lehrer mit ihnen besprochen hat. Auch Jonas ist vor Konferenzbeginn fleißig, macht dann zeitversetzt beim Videounterricht mit.

Die Overbergschule hat die Videoeinheiten in 20-Minuten-Häppchen aufgeteilt. „Das ist auch gut so“, sagt Nadine Übleis. „Gerade Finns Aufmerksamkeit lässt innerhalb der Videokonferenz zum Ende nach.“

Das sei etwas anderes, wenn ein Kind im Klassenraum oder am Bildschirm Unterricht habe. „Selbst ich habe danach Kopfschmerzen“, gibt die 39-Jährige zu. Viertklässler Jonas, der ja auch schon drei Jahre älter ist als sein Bruder Finn, komme besser und konzentrierter klar mit den Videokonferenzen.

Mama Nadine ist meistens mit dabei, wenn ihre Söhne in den Videokonferenzen sind. Laurin, der Jüngste der Familie, hat auch schon das eine oder andere Mal persönlich an Konferenzen teilgenommen. „Das ist ganz normal“, erzählt seine Mama lachend. „Diverse Haustiere waren bei den anderen Kindern auch schon mit dabei.“

Als Mutter am Ball bleiben

Nadine Übleis guckt aber nicht nur bei den Videokonferenzen mit. Auch bei den Schulaufgaben, die ja bei IServ hochgeladen werden können oder auch analog in Form von Wochenplänen zu erledigen sind, unterstützt sie ihre Söhne. Man müsse am Ball bleiben, damit die Söhne auch ihre Aufgaben erledigen.

Viel Zeit, die die Mutter ihren Söhnen widmet. Sie kann das tun, weil sie derzeit krankheitsbedingt nicht in ihrem Beruf als Erzieherin arbeitet. Ihr Ehemann arbeite im Schichtdienst, sei dann auch nachmittags zu Hause. „Dann können wir Aufgaben aufteilen.“ Bei anderen im Freundeskreis – wenn Frauen zum Beispiel alleinerziehend oder berufstätig seien – sei das ganz anders.

Da stellt sich die Frage, ob es zum Stress, den die Mutter dreier Söhne zusätzlich derzeit wegen der Aussetzung des Distanzunterrichts hat, einen Ausgleich gibt. „Treffen mit Freunden sind ja leider derzeit nicht erlaubt“, sagt Nadine Übleis. „Ich fühle mich manchmal regelrecht eingesperrt.“ Wobei sie die Notwendigkeit der Kontaktregelungen angesichts der Corona-Infektionszahlen nachvollziehen könne. Deshalb schaue die Familie, dass sie so häufig wie möglich an der frischen Luft sei. „Allerdings tut es mir in der Seele weh, wenn meine Kinder weinen, weil sie ihre Freunde nicht treffen dürfen.“

Kinder schlafen schlechter

Das sei nicht die einzige Veränderung, die sie bei allen ihren drei Kindern erlebe: „Sie schlafen schlechter.“ Eigentlich versuche sie, den normalen Zeitrhythmus, was Zu-Bett-Geh-Zeiten betreffe, beizubehalten. „Aber ich habe die Zeiten jetzt etwas verändert und nach hinten verschoben, weil die Anforderungen tagsüber nicht mehr wie sonst sind.“

STUDIE DER UNIVERSITÄT KOBLENZ-LANDAU ZUM UNTERRICHT ZU HAUSE

Die Corona-Pandemie hat Lehrer, Schüler und Eltern vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Vor allem das sogenannte Homeschooling, also der Unterricht zu Hause. Wie das Unterrichten zu Hause aus Sicht der Eltern funktioniert, haben Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau untersucht.

An der Studie teilnehmen konnten alle in Deutschland wohnhaften Eltern, deren Kinder allgemeinbildende Schulen besuchen. Zwischen Anfang April und Anfang Mai 2020 haben 4230 Eltern an der Befragung teilgenommen, davon größtenteils Mütter. Von den Kindern und Jugendlichen besuchen 43,1 Prozent eine Grundschule und 52,6 Prozent eine weiterführende Schule, davon 64,9 Prozent ein Gymnasium.

Ergebnisse der Studie:

  • Ein Viertel der befragten Eltern sehen ihre Beziehung zu ihrem Kind durch das Homeschooling als belastet an.
  • Insgesamt hat der zeitliche Umfang der Lernbetreuung durch die Eltern deutlich zugenommen. Gaben knapp die Hälfte der Eltern an, vor Corona maximal 30 Minuten mit den Schulaufgaben des Kindes verbracht zu haben, waren es beim Homeschooling bei 24 Prozent bis zu einer Stunde, bei 26,7 Prozent bis zu zwei Stunden und 25 Prozent investierten bis zu drei Stunden täglich.
  • Mit über 80 Prozent waren mit deutlicher Mehrheit Mütter für das Homeschooling zuständig.
  • Im Hinblick auf die Lernmotivation der Kinder und Jugendlichen ergab sich ein fast ausgewogenes Bild: Mit 48,5 Prozent waren laut Einschätzung der Eltern etwas weniger als die Hälfte sehr oder ziemlich motiviert, bei etwas mehr als der Hälfte (51,1 Prozent) fehlte es an Motivation.
  • Knapp 60 Prozent der Eltern geben an, dass sich ihre Kinder nicht mit Mitschülern austauschten. Einen mehrmaligen Austausch pro Tag gaben 9,7 Prozent der Eltern an, 14,1 Prozent benannten einen Austausch mehrmals pro Woche. Lernunterstützung der Kinder durch die Lehrkräfte sahen fast 75 Prozent der Eltern besonders durch E-Mail-Kontakt geleistet.

Aus den Ergebnissen der Studie leiten Bildungsforscher vom Zentrum für empirische pädagogische Forschung Handlungsempfehlungen ab:

Wenn Eltern und Kinder gemeinsam die Lernwoche planen, agieren sie partnerschaftlich. Das erhöht bei den Kindern in der Regel die Akzeptanz und Motivation. Einen wichtigen Rat haben die Forscher für Eltern: Sich selbst nicht so stark unter Druck setzen, denn Eltern sind in erster Linie genau das: Eltern und eben keine Lehrkräfte.

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Arndt Brede

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