Bei einer Info-Veranstaltung informierten die Gemeinde Nordkirchen und das Architekturbüro Steinhoff über die geplante Tiny-House-Siedlung in Südkirchen. © Marie Rademacher
Bauprojekt

„Tiny-House-Siedlung“: Bürgermeister und Architekt reagieren auf Kritik

Das Tiny-Houses-Bauprojekt in Südkirchen erhält Kritik wegen hoher Preise. Auch durch einen Kommentar unserer Redaktion. Die Gemeinde und der beauftragte Architekt reagieren nun darauf.

„Wer dachte, dass bei der neuen Tiny-House-Siedlung für Südkirchen Menschen mit kleinerem Portemonnaie und dem Wunsch etwas kleinere Brötchen zu backen zum Zug kommen, der hat sich offenbar geirrt“, schrieb unsere Redaktion in einem Kommentar zur sogenannten „Tiny-House-Siedlung“ in Südkirchen. Bei einer Infoveranstaltung hatten die Gemeinde und der für die Siedlung verantwortliche Architekt Lothar Steinhoff die Pläne möglichen Interessenten vorgestellt und auch erklärt, wie viel die Tiny-Houses und die dazugehörigen Grundstücke kosten sollen.

So kostet zum Beispiel ein Haus mit rund 89 Quadratmetern Wohnfläche 361.000 Euro, dazu kommen Grundstückskosten von 34.000 Euro. Die kleinste Variante mit 55 Quadratmetern Wohnfläche schlägt mit 282.000 Euro zu Buche, 38.500 Euro fallen für das Grundstück an. Dazu gibt es bei den insgesamt drei Varianten eine Förderung von rund 26.250 Euro. „Ihr eigentliches Ziel, eine schöne Alternative für den kleineren Geldbeutel zu bieten, hat die Gemeinde definitiv verfehlt“, urteilte unsere Redaktion abschließend im bereits erwähnten Kommentar. Der Kommentar bekam viel positives Feedback, vor allen Dingen in den sozialen Medien, wo er sich stark verbreitete. Gemeinde und Architekt finden die Kritik allerdings ungerechtfertigt. Wir haben beide gebeten, das genauer zu erklären.

Die Gemeinde Nordkirchen und auch das Architekturbüro Steinhoff finden die Kritik unserer Redaktion am Bauprojekt ungerechtfertigt und unfair. Warum?

„Ganz einfach: Wenn man diese Häuser mit anderen vergleicht und dabei nicht nur auf den Kaufpreis, sondern auch die Folgekosten guckt, also auf das, was man langfristig fürs Geld bekommt, sind sie wirklich günstig“, erklärt Bürgermeister Dietmar Bergmann dazu. Die Häuser seien unter Einbeziehung des Grundstückspreises und der momentanen Kostensituation auf dem Baumarkt sowie der geringen Folge- und Nebenkosten günstig. „Wir sind dem Architekten dankbar, dass er realistische Kosten unterstellt hat – im Unterschied zu Angeboten in manchem Bauträgerprospekt. Sollte es möglich sein, durch günstige Angebote von Handwerkern diese Preise noch zu unterbieten, haben wir sicher nichts dagegen“, so Dietmar Bergmann weiter.

Architekt Lothar Steinhoff verweist darauf, dass es eine Umfrage seines Büros dazu gab, wie Menschen in der Region künftig kleiner wohnen wollen. Die Auflage habe hier 30.000 Stück betragen, zudem war die Umfrage auch im Internet abrufbar. Die Ergebnisse seien intensiv diskutiert, ausgewertet und zusammengefasst und dann maßgeblich in die Planung eingeflossen. Dieser Aspekt fehle im Kommentar.

Ein Vergleich: Wenn man aktuell Neubauangebote für Immobilien in Nordkirchen sucht, findet man zum Beispiel ein Angebot für ein 135 Quadratmeter großes Haus für 297.000 Euro (exklusive Grundstück). Das macht einen Quadratmeterpreis von 2200 Euro. Für das größte Haus in der Siedlung in Nordkirchen mit 89 Quadratmetern zum Preis von 361.000 Euro liegt der Quadratmeterpreis bei 4056 Euro. Das ist fast doppelt so viel für ein kleineres Haus. Warum finden Gemeinde und Architekt es trotzdem ungerechtfertigt zu sagen, dass die Häuser in Nordkirchen teuer sind?

„Weil wir hier jetzt Äpfel mit Birnen vergleichen“, sagt Dietmar Bergmann. „Auf der einen Seite ein kleines Haus in ökologischer Bauweise mit Garage, Garten etc. und dazu relativ geringen Folgekosten. Auf der anderen Seite ein Haus, bei dem man noch mal genau gucken muss, welche Kostenpositionen enthalten sind – und welche nicht.“ Würde man die Kosten für die Energieversorgung auf die kommenden Jahre hochrechnen und dies als Vergleichsgrundlage nehmen, sähe das Ergebnis schnell ganz anders aus, ist der Bürgermeister überzeugt.

Das von uns mitgesendete Beispielangebot mit Leistungen wie zum Beispiel Dreifachverglasung, „wäre in Südkirchen nicht umsetzbar, da die Vorgaben der Gemeinde Nordkirchen im Bebauungsplan an den energetischen Mindeststandart nicht eingehalten werden“, erklärt Lothar Steinhoff. Er sagt außerdem: „Bei dem Projekt „Kleines Wohnen Südkirchen“ sind z. B. auch ein Carport mit Abstellraum und die Außenanlagen im Kaufpreis enthalten.“ Energetisch sei das Konzept mit einer zentralen Wärmeversorgung durch Geothermie mit Tiefenbohrungen, Photovoltaikanlagen, Lüftungsanlagen zukunftsorientiert, nachhaltig und wirtschaftlich.

Welche Vorteile bieten denn die Häuser im neuen Baugebiet für kleines Wohnen noch, die den Preis rechtfertigen?

Neben den gerade schon erwähnten Vorteilen gehe es hier auch um die Vernetzung aller Lebensbereiche, sagt Lothar Steinhoff dazu. „Gemeinschaft und Versorgungssicherheit stehen im Vordergrund. Das Konzept stellt sich den Herausforderungen an den Klimawandel und die Digitalisierung.“

So sagt das auch Dietmar Bergmann: „Es ist ein Angebot für Menschen, die sich für ein Wohnen in kleinen, selbstständigen Häusern auf eigenem Grundstück mit einem kleinen Garten interessieren und die Freude daran haben, hier eine Gemeinschaft aufzubauen.“ Der Preis sei durch die Qualität der Häuser mit niedrigen Neben- und Folgekosten gerechtfertigt. Das Angebot richte sich auch an Menschen, die nicht das Altbekannte suchen.

Wer ist denn aktuell die Zielgruppe für das Projekt und unterscheidet sie sich von der Zielgruppe, die man sich zu Beginn des Projekts vorgestellt hat?

„Die Menschen, die sich bei uns melden, haben ganz unterschiedliche Motivationen. Junge Menschen suchen z. B. eine kleinere Alternative zum klassischen Einfamilienhaus. Viele Interessenten möchten sich bewusst reduzieren und minimalistischer wohnen“, sagt Architekt Lothar Steinhoff. „Wir sprechen vor allem die Zielgruppe an, die sich für das Gesamtkonzept interessiert. Die nachhaltige Bauweise, kleiner Wohnen, das Energiekonzept und die Vernetzung aller Lebensbereiche.“ Das sei die Zielgruppe, die man sich zu Beginn des Projektes auch vorgestellt habe.

Die Gemeinde hatte sich entschieden, keine klassischen „Tiny Häuser“ bauen zu lassen, die noch kleiner wären und portabel sind. Wieso war die Entscheidung damals so ausgefallen?

Zur Erinnerung: Das Projekt war ursprünglich als Prüfauftrag der UWG in die Politik eingebracht worden. Geprüft werden sollte, ob eine Tiny-House-Siedlung in der Gemeinde möglich sei. Auch zu Wiedererkennungszwecken haben wir es in unserer Berichterstattung immer wieder als Tiny-House-Projekt bezeichnet. Allerdings handelt es sich bei klassischen Tiny-Häusern um kleinere Häuser, die auch mobil sind. Das ist in Nordkirchen nicht der Fall – wie auch mehrfach in unserer Berichterstattung erklärt. Die Gemeinde und das Architekturbüro nennen das Projekt daher selbst „Kleines Wohnen in Nordkirchen.“ Bei dem Wohngebiet solle erkennbar bleiben, dass es sich um ein Wohngebiet und nicht um einen Campingplatz oder ein Wochenendhausgebiet handelt, erklärt Dietmar Bergmann die Gründe, warum in Südkirchen keine klassischen Tiny-Häuser gebaut werden. „Portable Häuser bekämen hier nach allgemeinem Baurecht auch nur eine Baugenehmigung, wenn sie beispielsweise die Anforderungen an den Schallschutz, den Wärmeschutz und andere Regeln beachten. Das können Wohn- oder Bauwagen nicht und sind daher für dauerhaftes Wohnen in Wohngebieten nicht geeignet. Das war die sachliche Grundlage für die Entscheidung“, so Bergmann.

Wie viele von den vormalig 90 Interessenten haben auch nach der Infoveranstaltung weiterhin Interesse bekundet?

„Die Zahl der Interessierten ist im Moment so groß, dass noch nicht mit allen konkrete Einzelgespräche geführt werden konnten“, sagt Dietmar Bergmann. Insofern könne er die Frage im Moment noch nicht abschließend beantwortet werden. „Ich kann nur sagen: Das Interesse ist nach wie vor groß.“ Lothar Steinhoff nennt Zahlen für sein Büro: „Nach der Infoveranstaltung haben sich speziell bei uns ca. 20 Personen gemeldet und weitere Termine abgestimmt.“ Die ersten Zusagen für die Realisierung seien gegeben worden. „Mit weiteren Interessenten konnte coronabedingt noch keine öffentliche Infoveranstaltung durchgeführt werden“, sagt er zudem.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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