Der Selmer Schlachtbetrieb hat seit vergangener Woche Donnerstag geschlossen. © Goldstein
Schächtungsvorwürfe

Tierschützer zu Selmer Schlachthof: „Sowas Erschütterndes nie gesehen“

Tierschützer haben einen Schlachtbetrieb aus Selm angezeigt und Videomaterial aufgenommen, das zahlreiche Schächtungen zeigt. Auch unsere Redaktion hatte Einsicht. Das Material ist verstörend.

Ein ausgewachsenes Rind hängt kopfüber in der Luft, pendelt von links nach rechts, die Augen sind weit aufgerissen. Es stößt einen Schrei aus, der durch Mark und Bein geht. Ein Muhen, das die Todesangst des Tieres widerspiegelt. Es kann nicht fliehen, nur kopfüber durch die Luft pendeln. Wenig später setzt ein Mitarbeiter des Schlachtbetriebs ein Messer an, das Blut spritzt nur so. Das Tier blutet, es blutet bei lebendigem Leib aus. Man hört es röcheln. Bis die Bewegungen weniger werden.

Bolzenschuss kam erst nach dem Tod zum Einsatz

Diese Szenen stammen aus Videomaterial, das die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz mit einer versteckten Kamera aufgenommen hat und das in Ausschnitten auch unserer Redaktion vorliegt. Dreieinhalb Wochen lang filmte die Tierschutzorganisation nach eigenen Angaben in Selm, in der Schlachterei Prott im Industriegebiet.

Das Rind hängt kopfüber in der Schlachthalle. Eigentlich müsste es längst betäubt sein. © Soko Tierschutz © Soko Tierschutz

Der Tipp sei von einem Informanten aus dem Unternehmensumfeld gekommen, wie Friedrich Mülln, Pressesprecher von Soko Tierschutz auf Anfrage unserer Redaktion sagt. Die Aufnahmen zeigen, wie Tiere ohne Betäubung geschlachtet werden und ausbluten. Schächten nennt man das. Eine Praxis, die in Deutschland illegal ist. Hier sind zwar Ausnahmegenehmigungen aus religiösen Gründen möglich, doch die Auflagen dafür sind hoch. Für den Selmer Betrieb liegen sie nicht vor.

Das Mittel der Wahl, um ausgewachsene Rinder zu töten, ist ein Bolzenschuss. Ein sieben bis elf Zentimeter langer Bolzen wird dabei in den Schädel des Tieres geschossen. Es dauert gerade mal zwei Millisekunden – das Tier ist sofort bewusstlos, tief und langanhaltend. So jedenfalls beschreibt es das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV). Diese Methode jedenfalls gilt als in Einklang mit dem Tierschutz. Auch auf dem Videomaterial der Tierschützer sieht man, wie ein solches Bolzenschussgerät zum Einsatz kommt – allerdings erst ganz zum Schluss, als das Tier schon ausgeblutet und tot ist und nicht vor dem Schlachtprozess, wie es eigentlich vorgeschrieben ist.

Tierschutzverein sieht Profitgier, keinen religiösen Hintergrund

Mülln hat die Aufnahmen auch selbst gesehen. Für ihn nichts Ungewöhnliches, der Tierschützer schaut berufsbedingt ständig solche Filme, wie er sagt. Aber: „Ich mache das seit 27 Jahren, sowas Erschütterndes habe ich noch nicht gesehen“, sagt der Aktivist. „Als ich diese Aufnahmen gesehen habe, dachte ich, das kann nicht wahr sein. Im Libanon vielleicht, aber nicht in Nordrhein-Westfalen“, sagt der Sprecher. Er habe immer mal wieder von Hinweisen von Hinterhof-Schächtungen gehört, aber, dass in einem deutschen mittelständischen Betrieb mit so einer Kaltblütigkeit am Fließband vorgegangen werde, habe ihn schockiert.

In den dreieinhalb Wochen hätte die Tierschutzorganisation rund 190 Schlachtungen dokumentiert, sagt Friedrich Mülln. Davon seien alle Schafe und 99 Prozent der Rinder geschächtet worden.

Schlachtbetrieb ist bis auf weiteres geschlossen

Die Tierschutzorganisation Soko Tierschutz hatte, wie von unserer Redaktion berichtet, am Donnerstag Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Dortmund erstattet. Die Vorwürfe lauten auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Die Staatsanwaltschaft prüft aktuell das Videomaterial, muss aber noch entscheiden, ob es zu einem Ermittlungsverfahren kommt. Noch muss also die Unschuldsvermutung gelten.

Derweil hatte der Kreis Unna den Schlachtbetrieb in Selm am Donnerstagabend geschlossen, unmittelbar nachdem auch er zwei Stunden Videoaufzeichnungen erhalten und gesichtet hatte. Die Schließung gilt auf unbestimmte Zeit, wie Kreissprecher Volker Meier sagt. „Aktuell sehen wir auch keine Veranlassung, sie zurückzuziehen“, sagt er. Parallel mit dem Kreis Unna prüft auch das Landesamt für Umwelt- und Verbraucherschutz (Lanuv), ob die Voraussetzungen für einen Entzug der hygienerechtlichen Zulassung des Schlachtbetriebs vorliegt.

Die Tierschutzorganisation sagt, in dem Zeitraum der Filmaufnahmen, seien alle Schafe geschächtet worden und keines regulär geschlachtet. © Soko Tierschutz © Soko Tierschutz

Der Fleischereibetrieb Prott hatte am Donnerstagabend auf Facebook mitgeteilt, dass der Betrieb für zwei Tage geschlossen sei, aber keine Gründe genannt. Später war der Post gelöscht worden. Das Unternehmen wollte die Anschuldigungen nicht weiter kommentieren. Man solle das Veterinäramt im Kreis Unna fragen, hatte Hubert Prott unserer Redaktion am Freitag gesagt. Auch am Dienstag, 23. März, bleibt es dabei. Näher äußern wolle man sich nicht. Seit 1998 hat sich das mittelständische Selmer Unternehmen auf das Schlachten und Zerlegen von Schafen und Rindern spezialisiert, wie es auf der Website des Unternehmens heißt. Monatlich 100 Schafe und Rinder würden hier unter amtlicher Kontrolle geschlachtet, hatte der Kreis Unna in einer ersten Mitteilung erklärt.

Kreissprecher Volker Meier sagt, dass der Kreis auch schon zuvor Auffälligkeiten auf den Schlachtlisten gesehen hatte. Den Verdacht der Schächtung habe es auch schon zuvor gegeben. „Bereits Anfang der 2000er haben wir festgestellt, dass Bolzenschüsse erst nach dem Tod von Tieren gesetzt worden war.“ Das habe der Kreis zur Anzeige gebracht, letztlich sei es aber nicht zu einer Anklage gekommen. Man habe nicht gegen den Selmer Betrieb vorgehen können, so Meier.

Vorwürfe auch gegen den Kreis Unna

Die Kritik der Tierschützer richtet sich allerdings nicht nur gegen das Unternehmen, sondern auch gegen den Kreis Unna. Während der gesamten Zeit der Aufnahmen habe man keine Veterinäre vom Kreis gesehen, sagt Friedrich Mülln von Soko Tierschutz. Ein „krachendes Versagen der Behörden“, sei das, weil nicht ordnungsgemäß kontrolliert worden sei. Mülln fordert Konsequenzen auch für den Amtstierarzt. Auch dieser müsse vor Gericht gestellt werden, findet der Tierschützer.

Kreissprecher Meier widerspricht dem vehement. Auf dem Material seien nur Schächtungen zu sehen, sagt Meier. Das heiße aber noch nicht, dass in dem Zeitraum keine herkömmlichen Schlachtungen zu stattgefunden hätten. Der Kreis habe um Zeitstempel auf dem Videomaterial gebeten, dieses aber bislang von der Tierschutzorganisation nicht erhalten.

Die Schächtungen hätten morgens ab vier Uhr in der Früh hinter verschlossenen Türen stattgefunden. „Wir schicken zu jeder angezeigten Schlachtung einen Veterinär“, sagt Meier. Die Schächtungen seien aber nicht angezeigt worden. „Wir können einen Betrieb nicht außerhalb der angezeigten Schlachtungszeiten kontrollieren“, sagt Meier.

Kreis hatte schon in der Vergangenheit Verdacht gehabt

Meier sagt, dass die Tierschutzorganisation selbst den Kreis nicht kontaktiert habe. Einen Kontakt habe es nur über den Anwalt des Vereins gegeben, so hatte der Kreis auch das Videomaterial erhalten. Auch von den Vorwürfen der Tierschutzorganisation gegen ihn sei ihm bislang nichts bekannt gewesen.

Mülln beteuert, das Material zeige Schlachtungen zwischen 4 und 11 Uhr. „Andere Schlachtungen zu anderen Zeiten fanden nicht statt. Eine Überwachung gab es bei keiner Schlachtung“, so der Tierschützer. Das Veterinäramt suche nach Ausreden, sagt er.

Kreissprecher Meier sieht indes die Verantwortung beim Unternehmen, das der Kreis schon länger im Blick hatte. Das Mittel, zu dem die Tierschützer gegriffen hätten – also verstecktes Videomaterial zu generieren – stünde dem Kreis aber eben nicht zu,

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder
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