Hautkontakt ist oft die einzige Möglichkeit, mit Sterbenden noch in Kontakt zu treten. © picture alliance / Sebastian Kah
Hospizgruppe

Sterbebegleitung in Corona-Zeiten: Abstand oder Händchen halten?

Selbst auf dem letzten Weg macht sich Corona bemerkbar. Die Hospizgruppe Selm Olfen und Nordkirchen bietet nach wie vor Sterbebegleitungen an - dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Wie viel Abstand sollte man zu einem Sterbenden halten? 1,50 Meter, zwei Meter. Oder ist Abstand überhaupt noch geboten, wenn man einen Menschen auf seinem letzten Weg – kurz vor seinem Tod – begleitet? „Wenn die Person nicht mehr ansprechbar ist, dann ist Hautkontakt der einzige Weg, um mit der Person in Kontakt zu treten“, sagt zum Beispiel Bianca Krumminga, Koordinatorin beim Hospizverein Selm Olfen Nordkirchen. „Es tut bestimmt gut, wenn jemand da sitzt, die Hand hält und beruhigend auf einen einredet“, sagt auch Sterbebegleiterin Gabi Brückner. Sie findet: „Trotz Corona dürfen wir das Menschliche nicht vergessen.“

Das soll natürlich nicht heißen, dass die Sterbebegleiterinnen nicht vorsichtig sind. Hände desinfizieren, Fieber messen, Maske tragen. Das gehört unter anderem dazu, wenn sie im Pflegeheim einen Sterbenden besuchen. Und was im häuslichen Bereich geht oder nicht geht, ist auch eine Absprachesache mit den Angehörigen, erklärt Bianca Krumminga.

„Man muss sehr vorsichtig sein, wir wollen ja nicht, dass sich ein Hotspot entwickelt, man muss über jeden Schritt nachdenken“, sagt auch Koordinatorin Dorothea Stockmann. Vier Sterbebegleiterinnen der Hospizgruppe sind im November zu einem Treffen mit der Redaktion gekommen, um zu erklären, wie Sterbebegleitung in der Corona-Krise funktioniert. Und vor allen Dingen: Dass es sie noch gibt.

Ein Drittel weniger Sterbebegleitungen

Denn Corona macht sich fast überall in den Zahlen bemerkbar. Selbst, wenn es um die Begleitung sterbender Menschen geht. „Wir haben ungefähr ein Drittel weniger Sterbebegleitungen gemacht, als im vergangen Jahr“, sagt Bianca Krumminga. Die Hospizgruppe kümmert sich in verschiedenen Belangen um Sterbende und ihre Angehörigen. Begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg, berät, sucht das Gespräch mit den Angehörigen, auch nach dem Tod ihres geliebten Menschen.

Doch als sich die Corona-Fälle im Frühling erstmals mehrten, seien viele Menschen sehr unsicher gewesen. Während des ersten Lockdowns hätten die Telefone gar nicht geschellt. „Im Sommer gab es ein vorsichtiges Herantasten, und jetzt herrscht gerade auch die Frage, was darf man eigentlich?“, so Dorothea Stockmann vom Hospizverein. „Alle hatten Angst“, formuliert es Bianca Krumminga.

Neue Wege finden

„Uns ist es ein großes Bedürfnis, auch in dieser schwierigen Zeit für die Menschen da zu sein“, sagt Dorothea Stockmann. Für die Sterbebegleiter und -Begleiterinnen bedeutet das auch oft, improvisieren und neue Wege gehen. Wenn es geht, erfolgt die Kommunikation – zum Beispiel mit den Angehörigen – via Telefon und Whatsapp. Und manches, wird nach draußen verlegt: „Früher bin ich nie spazieren gegangen“, sagt zum Beispiel Margret Overhage, die schon seit ein paar Jahren als Sterbebegleiterin für den Hospizverein tätig ist. „Jetzt mache ich das öfter“, erzählt Overhage. Aber spazieren, das gehe natürlich nur mit den Angehörigen, nicht mit den Sterbenskranken. Einzeltreffen mit den Angehörigen – mit Abstand – sind ebenfalls möglich.

Gabi Brückner (hl), Margret Overhage (hr), Bianca Krumminga (vl) und Dorothea Stockmann (vr) erklären, wie Sterbebegleitung in der Coronakrise funktioniert.
Gabi Brückner (h.l.), Margret Overhage (h.r.), Bianca Krumminga (v.l.) und Dorothea Stockmann (v.r.) erklären, wie Sterbebegleitung in der Coronakrise funktioniert. © Sabine Geschwinder © Sabine Geschwinder

Gespräche via Video, das ist allerdings nur bedingt eine Option für die Hospizgruppe. „Wir versuchen das mit den Koordinatoren und Angehörigen“, erklärt Dorothea Stockmann, „unsere Zielgruppe sind ja vor allen Dingen ältere Menschen.“ Doch selbst, wenn das technische Know How und die entsprechenden Geräte vorhanden wären, ob Video das Mittel der Wahl wäre, bezweifeln die Beraterinnen trotzdem: „Bei uns ist ganz viel Herz, ganz viel Gefühl dabei. Das kann man am Computer einfach nicht rüberbringen“, sagt Gabi Brückner.

Leben in der eigenen Blase

Führt man denn während der Corona-Pandemie andere Gespräche mit Trauernden Menschen? Sind die Sorgen andere? Bianca Krumminga schüttelt den Kopf: „Es ist oft so, als wenn die Angehörigen mit den Sterbenden in einer Blase leben“, berichtet sie. Corona spielt da eigentlich keine Rolle. Fast nicht.

Denn wichtig wäre es zum Beispiel bei der Frage, welches Hospiz man sich aussuche, fügt Gabi Breuer hinzu. Denn während Pflegeheime – anders als während der ersten Welle der Pandemie – nun wieder für Besucher und auch für Sterbebegleitungen geöffnet ist, gibt es bei Hospizen große Unterschiede, wann und für wen sie geöffnet sind. „In einem Fall durfte eine Begleiterin und auch die Angehörigen zum Beispiel nicht mit ins Hospiz“, berichtet Bianca Krumminga. Ein Kontakt via Telefon sei versucht worden, aber die Sterbende war schon sehr schwach und konnte den Hörer kaum noch halten.

Bianca Krumminga möchte Sterbenskranke und ihre Angehörigen dazu ermuntern, sich auch in der Corona-Krise Hilfe zu holen. Egal, ob über die Hospizgruppe oder auch durch Familie oder Freunde. „Es muss ja nicht groß sein, nur ein einziger Kontakt“, sagt Krumminga. Hauptsache man traue sich, Hilfe zu suchen. „Uns ist klar geworden, dass wir in der Wahrnehmung nicht systemrelevant sind“, sagt Bianca Krumminga, „aber wir sind psychosozial relevant.“

Kontakt zur Hospizgruppe:

Der Verein ist unter der Telefonnummer

(02592) 9786156erreichbar. Sprechzeiten:

Selm: Kreisstraße 89

Di.: 17 bis 19:00 Uhr

Do.: 10 bist 12 Uhr

Olfen Leohaus

jeden 2. Mittwoch

von 10 bis 12 Uhr

Nordkirchen Bürgerhaus

jeden 1. Dienstag

von 9 bis 11 Uhr

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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