Am Mittwoch hatten Menschen ein Schild vor dem Schlachtbetrieb in Selm aufgestellt. © Jura Weitzel
Schlachtbetrieb

Schächtungs-Vorwürfe: Welche Gründe der Betrieb aus Selm gehabt haben könnte

Ein erfahrener Veterinär hat sich die Bilder, die in einem Selmer Schlachtbetrieb entstanden sein sollen, angesehen. Er sagt, die Metzger hätten dilettantisch gehandelt.

Reguläre Schlachtungen an sich sind für manche Menschen vermutlich schon schwer anzuschauen. Kai Braunmiller hat mit so etwas eigentlich Routine. Er hat in 30 Jahren bereits viele Schlachthöfe und Schlachtungen gesehen. Braunmiller ist Veterinär in Bayreuth und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz (BAG). Die BAG ist eine bundesweit tätige Fachorganisation und auch Beobachterorganisation der Bundestierärztekammer. Doch auch er sagt zum Fall in Selm: „Selbst für mich als Oldie ist das das Krasseste, was ich je gesehen habe.“

Dilettantische Schnitte

Im größeren Stil soll der Selmer Schlachtbetrieb Prott Rinder und Schafe illegal geschächtet haben. Das bedeutet, dass die Tiere bei vollem Bewusstsein einen Schnitt gesetzt bekamen – genannt Entbluteschnitt – und lange ausbluteten, bis sie schließlich tot waren. Das jedenfalls legen Aufnahmen der Tierschutzorganisation Soko Tierschutz nahe. Die Polizei hat in dem Schlachtbetrieb in der vergangenen Woche Beweismaterial sichergestellt, die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob es zu einem Ermittlungsverfahren kommen wird. Das Veterinäramt jedenfalls hat den Betrieb bis auf weiteres stillgelegt. Unsere Redaktion hat Aufnahmen der Tierschutzorganisation gesehen, auch Braunmiller hat sie sich angeschaut, zu einer tierschutzrechtlichen Bewertung für die ARD.

Braunmiller sagt, dass die mutmaßlichen Schächtungen in Selm auch das übertrafen, was man von einer regulär zugelassenen Schächtung kennt. „Ich war schon in arabischen Ländern unterwegs und habe mir dort Schächtungen angesehen“, sagt Braunmiller, „so schlecht habe ich sie aber noch nie gesehen.“ Wie die Schlachter auf den Videos den Schnitt gesetzt und ausgeführt hätten, das sei dilettantisch gewesen, sagt Braunmiller. Eigentlich wird der Schnitt direkt von der Kehle bis zur Wirbelsäule gesetzt. Für eine zugelassene Schächtung gilt es hohe Hürden zu überwinden, zudem muss der Schlachter auch einen Sachkundenachweis dafür haben. Etwas, so glaubt Braunmiller, das in Selm sicherlich nicht vorgelegen habe.

Keine bundesweit abrufbare Statistik

Der Europäische Gerichtshof hatte 2020 geurteilt, dass EU-Staaten rituelles Schächten ohne Betäubung der Tiere verbieten dürfen. Für Deutschland hatte das Bundesverfassungsgericht 2002 geurteilt, dass solche Schächtungen aus religiösen Gründen im Einzelfall zulässig sind. Doch die Hürden dafür sind sehr hoch. Wie viele solcher Genehmigungen es gibt, ist schwer nachzuvollziehen, eine bundesweite Statistik, wie oft solche Schächtungen genehmigt werden, existiert nicht. Der Kreis Unna hat einen umfangreichen Fragenkatalog unserer Redaktion vorliegen, in dem wir auch wissen wollten, ob der Selmer Betrieb jemals eine solche Genehmigung beantragt hat und wie oft solche Genehmigungen im Jahr wenn überhaupt erteilt werden. Mit Verweis auf die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat der Sprecher des Kreises aber nicht darauf geantwortet.

Schächtungen sind Bestandteil des jüdischen und muslimischen Glaubens und dazugehöriger Speisevorschriften. So produziertes Fleisch kann dann als halal oder koscher deklariert werden. Diskussionen über Schächtungen werden deshalb oftmals von Rechtsradikalen dafür benutzt, um anti-islamische oder anti-jüdische Stimmung zu verbreiten. Es gibt im Islam zum Beispiel aber durchaus unterschiedliche Auffassungen darüber, wie bei Schächtungen vorgegangen werden sollte.

Technische Möglichkeiten

Kai Braunmiller wünscht sich als Vorsitzender der BAG eine Diskussion darüber, ob man das Schächten in dieser Form überhaupt noch braucht. Nach diesen grausamen Bildern stellen sich für Ihn als Tierarzt folgende Fragen: „Geht Religionsfreiheit vor Tierschutz? Und beinhaltet Religion keinen Tierschutz?“

Er habe Verständnis für die Tradition. Und zum Zeitpunkt, als Koran oder auch Thora entstanden sind, hätten die Verordnungen auch Sinn gemacht, „damals gab es die jetzt existierenden technischen Möglichkeiten einer reversiblen Betäubung nicht“, und diese sei nach seiner Kenntnis auch nicht verboten, sagt der Veterinär.

Damit meint er zum Beispiel die reversible Elektrobetäubung am Kopf der Tiere. Dabei handelt es sich um eine Technik, die zum Betäuben von Schafen und Rindern eingesetzt werden kann. Der Stromfluss durch das Gehirn betäubt das Tier sekundenschnell und machen es schmerzunempfindlich. In diesem Zustand könnten die Tiere dann auch ausbluten, ohne Schmerzen zu empfinden. Wird der Stromfluss unterbrochen und der Schnitt nicht gesetzt, würden die Tiere wieder erwachen.

In Neuseeland und Australien gilt das als Standard-Verfahren, in Deutschland hat es sich bei Schafen seit 1995 bereits in den meisten Betrieben für die Halal-Fleischproduktion etabliert. Bei Rindern ist das Verfahren ein wenig komplizierter, es findet aber ebenfalls regelmäßige Anwendung.

Schächten, um einen anderen Markt zu erschließen?

Warum überhaupt könnte der Betrieb aus Selm zu solchen Methoden gegriffen und Tiere geschächtet haben? Es gehe dabei darum, Profit zu machen, glaubt Friedrich Mülln, Pressesprecher und Gründer der Organisation Soko Tierschutz mit Sitz in München. Und zwar auf dem Rücken der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, „wie in der Schlachtbranche üblich“, sagt Mülln gegenüber unserer Redaktion. Es geht also darum, einen Markt zu erobern, der potentiell viel Nachfrage habe. „Das scheint ein lukrativer Nebenmarkt zu sein“, kann sich auch Kai Braunmiller vorstellen. Doch genau müssten das erst die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zeigen. Sie müssten ans Licht bringen, wer die Abnehmer waren und wie lange sie schon Fleisch von Prott bezogen haben.

Um Kostenersparnis kann es jedenfalls nicht gegangen sein, denn die Aufnahmen der Soko Tierschutz zeigen auch, dass der Bolzenschuss am Ende des Schlachtprozesses noch gesetzt worden ist. Mutmaßlich, so glaubt Soko Tierschutz, um die Schächtung zu vertuschen. Auch Kai Braumiller vermutet das. Wohl aus der Erfahrung heraus, dass der Betrieb schon einmal auffällig geworden ist. Allerdings, so Braunmiller, wurde der Schuss kurz vor dem Tod gesetzt, nicht danach, „das kann man dann nicht nachweisen“, sagt der Veterinär. Da gehöre schon viel kriminelle Energie dazu, um zu solchen Methoden zu greifen.

Damit haben sich die Methoden des Betriebs offenbar verändert. Der Kreis Unna hat unserer Redaktion bestätigt, dass es bereits Anfang der 2000er-Jahre Hinweise auf Verstöße in dem Betrieb gegeben hatte. Untersuchungen des Kreises hatten damals noch ergeben, dass das Bolzenschussgerät nach dem Tod der Tiere gesetzt worden war. Das daraus resultierende Verfahren endete allerdings mit einem Vergleich, ohne Zustimmung des Kreises, wie das ARD-Magazin Fakt berichtet hatte. Schlachthof-Mitbetreiber Hubert Prott wollte sich unserer Redaktion gegenüber nicht zu den Vorwürfen äußern. Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft müssen zeigen, ob es zur Anklage kommt.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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