Wie steht es um die kinderärztliche Versorgung in Selm? © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Ärzte

Kinderärzte: Ist das Angebot ausreichend für Familien in Selm?

Seit dem Sommer gibt es in Selm eine Ärztin weniger, die Kinder behandelt. Dr. Birgit Speitel ist in den Ruhestand gegangen. Wie sieht es jetzt aus mit der Kinderarztversorgung im Ort?

Eine Sorge hatte Dr. Birgit Speitel, als sie im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen ist: wo die Kinder, die sie als praktische Ärztin in Bork behandelt hat, in Zukunft als Patienten unterkommen würden. Die Praxis, die sie zusammen mit ihrem Mann Dr. Martin Speitel betrieben hat, ist in der Hausarztpraxis Dr. Schröder an der Waltroper Straße in Bork aufgegangen. Kinder unter 14 Jahren werden dort allerdings nicht behandelt.

Familien mit kleinen Kindern haben seit Sommer 2020 also eine Anlaufstelle weniger in der Stadt. Führt das nicht zu einem Kinderarztmangel? Ist der Bedarf nicht höher als das Angebot? Die zuständige Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) verneint beides auf Anfrage der Redaktion.

Wobei: Die KVWL rechnet bei der Bedarfsanalyse nicht auf Stadt – oder sogar Ortsteile-Ebene. „Die allgemeine fachärztliche Versorgung, zu der auch die Kinderärzte gezählt werden, wird auf Kreisebene geplant. Der kinderärztliche Versorgungsgrad im Kreis Unna liegt aktuell bei 110,5 Prozent – gemäß aktuell gültigem Beschluss des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in Westfalen-Lippe vom Mai 2020. Die Versorgung mit Kinderärzten im Kreis Unna ist damit – statistisch betrachtet – im Moment stabil“, erklärt KVWL-Sprecherin Vanessa Pudlo.

Über- oder Unterversorgung?

Zum Hintergrund, weil es etwas kompliziert ist: Grundlage für diese statistische Betrachtung und die Prozentzahlen ist die Bedarfsplanung, bei der der Gemeinsame Bundesausschuss – das ist das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland – für jedes Fachgebiet Verhältniszahlen, also eine Relation von Einwohnern je Arzt, festlegt. „Die Verhältniszahlen bilden die Grundlage für die Berechnung des Versorgungsgrades und somit auch für die Feststellung von Überversorgung oder Unterversorgung“, erläutert Vanessa Pudlo.

Im konkreten Fall vom Kreis Unna und den Kinderärzten heißt das: Mit 25,5 Vollzeit-Kinderärzten und Kinderärztinnen im gesamten Kreis Unna ist der Bedarf im Moment aus Sicht der KVWL mehr als gedeckt. Und das wiederum bedeutet: „Aufgrund der derzeitigen statistischen Überversorgung gibt es im Kreis Unna aktuell keine weiteren kinderärztlichen Niederlassungsmöglichkeiten“, so Vanessa Pudlo. Selbst also, wenn sich ein Kinderarzt im Kreis – beispielsweise in Bork – niederlassen wollen würde, gäbe es keinen sogenannten Arztsitz, der dafür zur Verfügung stünde.

Selmer Kinderärztin: „Wir sind bei Weitem nicht unterversorgt“

Mit den statistischen Zahlen stimmt auch der Eindruck von Ulrike Foertsch überein. Sie ist Kinderärztin und betreibt mit Dr. Dagmar Streng eine Praxis auf der Ludgeristraße in Selm. Deutlich haben die beiden Ärztinnen es zwar gemerkt, als Birgit Speitel in den Ruhestand gegangen ist, wie Ulrike Foertsch bestätigt. Ein Problem seien die vielen neuen Patienten allerdings keineswegs gewesen. „Das ist für uns gut zu bewältigen“, sagt sie auf Anfrage der Redaktion.

Es sei auch nicht so, dass alle Patienten aus Bork jetzt in die Selmer Praxis kämen – das teile sich auf die umliegenden Praxen auf – über Stadtgrenzen hinweg. Ein Ungleichgewicht von Bedarf und Angebot sieht sie im Kreis Unna genauso wenig wie die KVWL: „Wir sind hier bei Weitem nicht unterversorgt“, sagt sie. Andere Kreise hätten da weit größere Probleme.

Nachbesetzung von Arztsitzen oft schwierig

Was allerdings problematisch werden könnte, ist der Blick auf die Zukunft: Einen Kinderarzt zu finden, der sich auf dem Land eine Praxis übernehmen möchte, ist nicht gerade einfach. Ulrike Foertsch ist erst 55 Jahre alt, sie und ihre Kollegin suchen noch lange keine Nachfolger für ihre Praxissitze in Selm. Dass es aber unheimlich schwierig ist, als Kinderärztin Nachfolger zu finden, kann auch sie mit Blick auf die Branche bestätigen. Der Job sei sehr arbeits- und zeitintensiv – und dadurch nicht unbedingt attraktiv für viele junge Kolleginnen und Kollegen.

Die KVWL bestätigt diesen Eindruck offen. „Es ist korrekt, dass die Nachwuchssituation in der ambulanten medizinischen Versorgung, insbesondere in der Hausärzteschaft, aber teilweise auch unter den Kinderärzten, häufig angespannt ist. Besonders in ländlichen Regionen ist die Nachbesetzung von Arztsitzen oft schwierig“, so Vanessa Pudlo.

Das könnte auch im Kreis Unna in den kommenden Jahren zum Problem werden. Denn: „Aktuell sind rund 21 Prozent der Kinderärzte im Kreis Unna älter als 60 Jahre“, so Vanessa Pudlo. Wobei sie einräumt: „Eine konkrete Altersgrenze für Ärzte gibt es nicht mehr, sodass sich die genaue Entwicklung in den nächsten Jahren nicht genau abschätzen lässt.“

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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