Zurzeit ein Renner: die Alles-wird-gut-Kerze, die Noemi Sandmann von "Träumen und Spielen" in die Kamera hält. © Sylvia vom Hofe
Corona-Krise

Ideen statt Schockstarre: Einzelhändler aus Selm planen den Lockdown

Den Kopf in den Sand stecken wegen des harten Lockdowns kommt für Selmer Einzelhändler nicht in Frage. Sie arbeiten jetzt schon daran, Kundinnen und Kunden auch dann weiter zu versorgen.

Michaela König will nicht aufs Foto. Auf keinen Fall. Die langen Tage und kurzen Nächte stecken ihr in den Knochen, sagt sie. Die Eigentümerin des Geschenkartikel- und Deko-Geschäfts „My Home“ in der Selmer Altstadt schläft zurzeit wenig. Nicht, weil sie vor Corona-Sorgen nachts wach liegen würde, sondern weil sie so viel arbeitet – gegen Corona.

Ein paar Häuser weiter, im Geschäft „Spielen und Träumen“, herrschen an diesem Samstagabend vorm dritten Advent ebenfalls Betriebsamkeit und Aufbruchstimmung trotz der Ankündigung des harten Lockdowns. Noemi Sandmann, die Tochter der Inhaberin Elisabeth Sandmann, hatte mit dem Team spontan beschlossen, an diesem vermutlich letzten Einkaufssamstag des Corona-Jahres 2021 das Geschäft länger geöffnet zu halten. Aber auch wenn sie vielleicht schon ab Mittwoch (16.12.) schließen müssen, wie sich zurzeit abzeichnet, haben sie schon Ideen, wie sie weiter für die Kundinnen und Kunden da sein können.

Durchstarten statt depressiv werden

Durchstarten statt in Depression verfallen, Neues ausprobieren, statt dem Alten nachzutrauern. Wie das gehen kann, zeigen exemplarisch die zwei kleinen Geschäfte der Ludgeristraße: keine Patentrezepte, sondern individuelle Lösungen, die Mut machen – dem insgesamt leidenden Einzelhandel genauso wie der Kundschaft. „Was bleibt uns auch anderes übrig“, sagt Michaela König. „Wir müssen das beste aus der Situation machen.“ Ihre Betonung liegt auf „machen“. Und da machen sie und viele ihre Kolleginnen und Kollegen eine ganze Menge.

My Home in der Altstadt: Dort finde sich Deko-Ideen und Ideen, wie es der Einzelhandel durch die Krise schaffen kann. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Es ist 16 Uhr an diesem Samstag in Selm. Die Kaufleute der Selmer Werbegemeinschaft hatten gemeinsam beschlossen, dass möglichst viele von ihnen an den Adventssamstagen so lange offen lassen und nicht wie üblich in der Kleinstadt früher Schluss machen. Manche lassen das Licht sogar noch viel länger an und die Türen auf. Auch so eine Idee der umstriebigen Kaufmannschaft: private Shopping. Einzelne Besucher können auch noch nach Ladenschluss stöbern und kaufen. „My Home“ liegt bei den Öffnungszeiten weit vorne.

Seit fünf Wochen von 9 bis 21 Uhr geöffnet, manchmal noch länger

Samstags von 9 Uhr bis 22 Uhr. An den übrigen Tagen bis 21 Uhr – ohne Mittagspause. Und das schon seit fünf Wochen Tag für Tag. „Ich sage ja: Ich komme zurzeit wenig zum Schlafen“, sagt Michaela König und lacht. Kein Galgenhumor, sondern echte Freude, „denn ich sehe, dass dieser Einsatz etwas bringt“.

Klar, große Sprünge seien nicht drin in diesem Corona-Jahr. „Aber es läuft.“ Wenn ich etwas, anderes sagen würde, müsste ich lügen.“ Die Selmerinnen und Selmer hätten früher als sonst mit dem festlichen Dekorieren begonnen. Und mit dem Einkaufen dafür: ein wichtiges Saisongeschäft. Im Frühjahr zu Ostern, als zum ersten Mal die Geschäfte aus Gründen des Gesundheitsschutzes schließen mussten, sei das anders gewesen. „Erst war das Wetter schlecht, und als es dann richtig schön wurde, und alle es sich daheim nett machen wollten, war der Lockdown“.

„Ich bin stolz, wenn ich sehe, was plötzlich alles klappt“

Anfangs habe auch sie in dieser Situation Existenzangst verspürt. Dann habe sie sich aber einen Ruck gegeben und wieder aufs Gaspedal getreten: „Und dann war plötzlich mehr möglich als gedacht“: Neue Vertriebswege ersinnen, Lieferservice aufbauen, soziale Medien nutzen: „Ich bin richtig stolz, wenn ich mir angucke, was plötzlich alles klappte“. Von einem Plus könne zwar keine Rede sein. „Aber ich sah, dass ich so die Miete und die Rechnungen für die Waren zahlen konnte“. Eine Erfahrung, die ihr jetzt auch wieder helfen wird.

Wie, weiß sie schon seit vielen Wochen. „Denn ehrlich gesagt, hätte ich schon eher mit einem harten Lockdown gerechnet“,, sagt die Selmerin, die sich vor sechs Jahren in der Altstadt selbstständig gemacht hatte. „Und ich hätte ihn angesichts der hohen Infektionszahlen auch begrüßt.“

Sie will die Schaufenster im Lockdown umgestalten. Jedes werde einen Namen bekommen, und jeder Artikel im jeweiligen Fenster eine Nummer. „Damit wird das Bestellen ganz einfach.“ Sie habe zwar inzwischen auch ein mobiles Zahlungsgerät, aber die Kundinnen und Kunden könnten auch einfach den Betrag in einem Umschlag stecken und in den Briefkasten werfen. „In einer Stadt, wo fast jeder jeden kennt, geht das.“

Puppe Ilselotte als Auslieferin ist der Star

Ob Lockdown oder nicht: Alle, die das wollten, könnten noch rechtzeitig zum Fest an ein Geschenk kommen, um es unter den Tannenbaum zu legen. „Da finden wir einen Weg, völlig kontaktlos“, sagt Michaela König. Noemi Sandmann und ihre Eltern haben schon seit dem Frühjahr eine Auslieferin, die mindestens so wichtig ist wie die Waren, die sie bringt: Ilselotte Keksberg.

Elisabeth Sandmann von „Spielen und Träumen“ mit Ihrer beliebten Mitarbeiterin: Ilselotte Keksberg. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Ilselotte trägt ein Jeanskleid und eine geringelte Strumpfhose. Und sie ist mit ihren nur 65 Zentimetern eine Riesenhilfe im Spielwarengeschäft. Die Handpuppe ist immer dabei, wenn Bestellungen ausgeliefert werden.

Was im ersten Lockdown aus einer Not geboren wurde, ist nicht mehr wegzudenken. Nicht nur Kinder freuen sich, wenn sie aus dem Fenster schauen und die Puppe sehen, die ihnen ein Geschenk vor die Tür setzt. „Liselotte wurde auch schon bestellt, um einem Mann zum 50. Geburtstag ein Geschenk zu bringen“, sagt Noemi Sandmann. Was das war, weiß sie nicht mehr. Aber Gesellschaftsspiele seien gerade im Trend, „es gibt auch welche die man alleine spielen kann“. Der Renner ist zurzeit aber etwas anderes: die „Alles-wird-gut“-Kerze für 4,99 Euro.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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