Immer mehr Depression und Burn-Out im ländlichen Bereich? Die Nachfrage beim Landfrauentelefon NRW hat jedenfalls um über die Hälte zugenommen. © picture alliance / dpa
Depression

Hohe Belastung für Landwirte: Nachfragen beim Sorgentelefon stark gestiegen

Lange Tage, Bürokratie, Geldsorgen: Deutlich mehr Landwirte rufen in diesem Jahr beim Landfrauentelefon NRW an. Auch Landwirte in Olfen, Selm und Nordkirchen sprechen von hohen Belastungen.

Die Belastungen, denen Landwirte, auch in der Region ausgesetzt sind, sind vielfältig: Agrarreform, Insektenschutzgesetz, Schweinestau und fallende Fleischpreise, Fragen des Generationenwechsels und nicht zuletzt ein immer größerer bürokratischer Aufwand. „Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Die Landwirte bekommen es von allen Seiten“, beschreibt der Selmer Landwirt Jochen Westermann die Situation. Er selbst sehe aber, auch wenn es oft sehr schwer fällt, „immer ein Licht am Ende des Tunnels“.

60 Prozent mehr Anrufe bei Sorgentelefon

Vielen seiner Kollegen scheint es anders zu gehen. Die Anrufe beim Landfrauentelefon NRW, einem Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien und Familien auf dem Lande, haben im Vergleich zu 2019 um 60 Prozent zugenommen. Das berichtet Ursula Muhle, Geschäftsführerin des Landfrauentelefons und Landwirtin aus Seppenrade. Weitere Zahlen möchte sie nicht öffentlich machen.

Die Themen der Anrufer seien vielfältig. „Wichtig ist zu wissen, dass es sich bei landwirtschaftlichen Familien oft um ein ganz spezielles Familiensystem handelt“, berichtet Muhle. „Meist sind alle Familienmitglieder von der gleichen wirtschaftlichen Grundlage abhängig. Außerdem gibt es eine Verflechtung zwischen Privatem und Geschäftlichem. Da ist es sehr wichtig, die Bereiche voneinander abzugrenzen und die richtige Balance zu finden.“ Außerdem berge das enge Aufeinanderwohnen der Generationen oft Konflikte, die es so in anderen Familienkonstellationen nicht gebe.

Stress und lange Tage – Burnout auf dem Hof

„Wir haben immer mehr Arbeit, die einen effektiv nicht weiter bringt“, berichtet eine Olfener Landwirtin. Vor allem die bürokratischen Anforderungen nähmen immer weiter zu. „In der Zeit, die wir am Schreibtisch investieren müssen, kommen die Tiere zu kurz. Der Druck wird immer größer und wir haben immer längere Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden am Tag“, so die Landfrau. Wegen des hohen Drucks habe es eine ernsthafte Erkrankung auf dem Hof gegeben. „Der Stress, der aufgebaut wird, geht dann schnell in Burn-Out über. Aber es muss ja immer irgendwie weiter gehen. Ob man jetzt Fieber oder Rückenschmerzen hat oder erschöpft ist“, sagt die Landfrau matt. Und immer komme zu den ohnehin schon hohen Anforderungen, noch irgendetwas dazu. Vieles sei gar nicht mehr nachvollziehbar.

Depressionen und Burn-Out sei immer wieder Thema, „wenn man sich so unterhält“, erzählt eine andere Landwirtin aus Olfen. Die Afrikanische Schweinepest, sinkende Milchpreise, hohe Auflagen, oder Gewissenskonflikte nennt sie als mögliche Ursachen dafür, ohne das näher auszuführen. „Aber die Herausforderungen werden definitiv immer größer“, sagt auch sie.

Landwirte in „einer Art Schockstarre“

„Aktuell hat man das Gefühl, die Krise ist so groß, dass die Landwirte in eine Art Schockstarre verfallen sind“, berichtet Sorgentelefon-Geschäftsführerin Ursula Muhle. Corona spiele dabei in insofern eine Rolle, da es viele Anrufe wegen Einsamkeit gebe. „Und es gibt auch Menschen, die anrufen und sagen ‚ich kann nicht mehr‘. Wir stellen oft fest, dass die Anrufer erschöpft und niedergeschlagen sind“, so Muhle.

Doch auch wenn in diesem Jahr wesentlich mehr Anrufe beim Landfrauentelefon NRW eingingen als im Jahr zuvor und die Zeitschrift „agrarheute“ Anfang November meldete „Depression, Burn-Out, Corona: Der Ansturm auf Sorgentelefone und Beratungsstellen für Landwirte ist so groß wie nie“, sieht Ursula Muhle die Zunahme der Anrufe nicht darin, dass Landwirte vermehrt unter Depressionen oder Burn-Out leiden. „Für mich gibt es mehrere Aspekte, warum die Zahl der Anrufe so gestiegen sind. Die Sorgen in den landwirtschaftlichen Betrieben sind sehr groß, es wird mehr zur Normalität, sich für persönliche Fragen und Probleme Hilfe zu suchen. Außerdem ist das Landfrauentelefon NRW insgesamt bekannter geworden.“

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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