Sandra Kaim ist Heilpraktikerin in Selm. Um die Zukunft ihrer Praxis auf der Ludgeristraße sorgt sie sich allerdings angesichts einer aktuellen politischen Diskussion: Die Abschaffung des Heilpraktikerberufes steht im Raum. © Mari Rademacher
Heilpraktiker

Heilpraktikerin aus Selm in Sorge: Steht der Beruf vor der Abschaffung?

Sandra Kaim ist besorgt: Sie arbeitet als Heilpraktikerin in Selm, hat sich auf Augenheilkunde spezialisiert. Jetzt steht aber eine Abschaffung ihres Berufsstandes im Raum.

Mit einem Lächeln und einer einladenden Geste öffnet Sandra Kaim die Tür: Vor fünf Jahren hat die Heilpraktikerin und Augenoptikerin auf der Ludgeristraße ihre Praxis eröffnet. 15 bis 20 Patienten kommen mittlerweile täglich zu ihr. Aber ob das so bleibt? Sandra Kaim kann sich da im Moment genauso wenig sicher sein wie alle anderen Heilpraktiker in Deutschland. Die Abschaffung des Berufsstandes steht in der Diskussion.

Die Bundesregierung hat 2018 im Koalitionsvertrag vereinbart, das Spektrum der heilpraktischen Behandlung überprüfen zu wollen. Dazu ist ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben worden – das unter anderem auch klären soll, ob der Beruf möglicherweise ganz abgeschafft werden sollte. Knackpunkt in der Diskussion ist die Frage danach, ob das, was Heilpraktiker nach geltendem Recht vorweisen müssen, um als solche praktizieren zu dürfen, tatsächlich ausreichend ist für ihr späteres Tätigkeitsfeld.

Zulassungsvoraussetzung für die Ausübung der Heilpraktikertätigkeit ist die Vollendung des 25. Lebensjahres, mindestens ein Hauptschulabschluss und eine Prüfung, die beim örtlichen Gesundheitsamt abgelegt wird und sicherstellt, dass von dem Heilpraktikeranwärter „keine Gefahr für die Volksgesundheit“ ausgeht. So steht es im Heilpraktikergesetz geschrieben, das aus dem Jahr 1939 stammt. „Es gibt bislang keine einheitliche und staatliche geregelte Ausbildung zum Heilpraktiker und auch die aktuell geltende Berufsordnung, die von sechs Verbänden verabschiedet wurde, entfaltet nur Wirkungen für die Heilpraktiker, die einem dieser Verbände angehören“, heißt es dazu in einer Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages.

Die Grenzen der Tätigkeit

Sandra Kaim selbst ist ausgebildete Augenoptikerin. Sie hat außerdem an der Hufeland-Schule in Senden und damit bei einer vom Bund deutscher Heilpraktiker zertifizierten Verbandschule eine mehrjährige Schulung zur Heilpraktikerin gemacht und an mehrere Fortbildungen teilgenommen. Mittlerweile arbeitet sie zudem deutschlandweit als Dozentin für Akkupunktur. Ihre Ausbildung nennt sie „intensiv und fundiert“. Und: Sie habe auch gelernt, wo die Grenzen ihrer Tätigkeit liegen.

Gerade das ist ein großer Kritikpunkt an Heilpraktikern, der in den vergangenen Jahren immer wieder aufgekommen ist. Beispiele gibt es genug. Im Juli 2016 waren so drei Krebspatienten gestorben, nachdem sie in einer alternativen Krebsklinik in Brüggen-Bracht behandelt worden waren. Der verantwortliche Heilpraktiker wurde im Juli 2019 wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen – er hatte den Patienten ein nicht zugelassenes Zellgift und eine überhöhte Dosis verabreicht. In Greven ist im August dieses Jahres ein Heilpraktiker zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er sich als Arzt ausgegeben und verschreibungspflichtige Medikamente gespritzt hatte.

Eine andere Heilpraktikerin verabreichte einer Patientin gegen Krampfadern Kochsalzlösung in überhöhter Dosis. Sie verlor wegen dieser falschen Behandlung später fast ein Bein, musste achtmal operiert werden. Die Heilpraktikerin musste sich wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Praktizieren durfte sie aber weiter. Dem für die Kontrolle zuständigen Gesundheitsamt fehle die gesetzliche Handhabe für weitere Schritte, sagte der Leiter dem ARD-Magazin Panorama. Er wird zu dem Fall dort folgendermaßen zitiert: „Die Realität ist, dass die Heilpraktiker fast alles dürfen. Sie dürfen sogar spritzen und irgendwelche Heilversprechen machen. Es gibt weniger gefährliche Tätigkeiten, zum Beispiel das Verkaufen von Würstchen, die viel stärker reguliert sind.“

„Schwarze Schafe“, nennt Sandra Kaim Beispiele wie diese. Sie räumt zwar ein, dass sie einsieht, warum die Überprüfung des seit 1939 geltende Gesetzes zu den Vorgaben der Ausbildung im Raum steht. Gegen eine Abschaffung des Berufs stellt sie sich jedoch ganz klar. „Ich sehe täglich in meiner Praxis viele Heilerfolge und erlebe dankbare Patienten“, erklärt sie. Jetzt haben sie allerdings „Sorge um die Freiheit meiner Berufsausübung“. Ihr Appell: „Bei einer eventuellen Neuregelung des Berufsstandes möchten wir Heilpraktiker beteiligt sein und unsere Expertise mit einbringen.“

Laut einer Hochrechnung des Bundes Deutscher Heilpraktiker für das Jahr 2017 arbeiten deutschlandweit rund 60.000 Beschäftige in den Heilpraktiker-Praxen, 47.000 davon seien praktizierende Heilpraktiker.

Praxis auf Augenheilkunde spezialisiert

Sandra Kaim hat sich in ihrer Praxis auf Augenerkrankungen und Regulationsmechanismen des Körpers spezialisiert. Sie arbeitet viel mit Akkupunktur. Oder mit der sogenannten Irisdiagnostik. Beispielhaft zeigt sie in ihrer Praxis die Nahaufnahme eines Auges auf dem Bildschirm. „Das Auge ist ein Spiegel für sämtliche Vorgänge im Körper“, sagt sie und erklärt, worauf weiße Wölkchen oder gelbe Verfärbungen in der Iris hindeuten, was das mit Niere oder Leber zu tun haben könnte. Diese Art der Diagnostik ist – aus schulmedizinischen Geschichtspunkten – umstritten.

Gerade Ärzte sind es, die teilweise scharfe Kritik an Heilpraktikern üben. In der Zeitschrift „Ärzteblatt“ hatte so der Vizepräsident der bayrischen Ärztekammer Andreas Botzlar klar gesagt: „Wenn man es genau nimmt, gibt es für Heilpraktiker keine wirkliche Existenzberechtigung“. Ähnlich sieht es der sogenannte Münsteraner Kreis, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, die sich mit evidenzbasierter Medizin beschäftigen. „Der Heilpraktikerberuf sollte nicht nur stärker reguliert werden, er sollte abgeschafft werden. Es kann keinen ‚Arzt light‘ geben. Menschen haben ein Bedürfnis nach Spiritualität, das ist klar. Aber es darf kein staatliches Siegel für eine medizinische Versorgung geben, die nicht wissenschaftlich fundiert ist“, erklärte Christian Weymayr, Wissenschaftsjournalist und Sprecher des Münsteraner Kreises in einer Diskussionsrunde im Deutschlandfunk.

Blutegel gegen Entzündungen im Körper

Sandra Kaim sieht sich nicht in Opposition zu Ärzten. Im Gegenteil. „Ich habe beste Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ärzten. Tatsächlich kommen sehr regelmäßig Patienten durch die Empfehlung eines Arztes zu mir – umgekehrt überweise ich selbstverständlich bei entsprechenden Befunden zu Ärztinnen und Ärzten“, erklärt sie.

Ihr sei es wichtig, so sagt es Sandra Kaim, sich Zeit für ihre Patienten zu nehmen. Sie verfolge ein ganzheitliches Konzept. Und manche Eigenschaften – wie zum Beispiel der Zugang zu den einzelnen Menschen – lasse sich auch schwer erlernen oder abprüfen.

Die Wirksamkeit einiger Methoden sei über Hunderte Jahre tradiert: Als Beispiel weist die Heilpraktikerin hier auf ein paar Arbeitskollegen, die in einer großen Vase mit Wasser im Regal eine Behandlungszimmers stehen: Blutegel. „Sie saugen das heraus, was wir nicht im Körper haben wollen“, sagt Sandra Kaim lächelnd – zum Beispiel bei Entzündungen könne das sehr wirksam sein.

Wie es tatsächlich mit ihrem Berufsstand weitergeht, ist politisch noch nicht entschieden. Sie selbst sagt deutlich: „Ich bin Heilpraktikerin aus Überzeugung und mit Herzblut und Kompetenz. Zufriedene und begeisterte Patientinnen und Patienten vertrauen mir. Das soll auch weiterhin so bleiben.“

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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