Diese Zwergfledermaus ist wohlauf - anders als die winzige Patientin aus Selm-Beifang. Ob es Reinhard Wohlgemuth gelingen wird, sie wieder aufzupäppeln, ist fraglich. © Nabu NRW/Christian Giese
Natur in Selm

Fledermaus in Gardine statt im Winterschlaf: Sorge um Tiere aus Selm

Fledermäuse sind Meister der Orientierung. In Selm muss gleich an mehreren Stellen etwas schief gelaufen sein. Was genau, weiß der Fledermaus-Experte nicht. Er kämpft ums Überleben der Tiere.

Erich Neumann hat sich einen Namen gemacht als Naturschützer in Selm. Neulich geht bei ihm das Telefon: ein alter Bekannter aus Beifang. Neumann solle ihn doch bitte besuchen kommen trotz der Corona-Beschränkungen. Am besten sofort. Nicht etwa, um mal wieder etwas zu plaudern. Es geht um Leben und Tod.

Der braune Fleck in der Gardine lebt

Die Gardine hat einen dunkle Verschmutzung: ein Fleck, der lebt. Das Streichholzschachtel-große Etwas hat schwarze, weit aufgerissene Äuglein. Unter dem dunklen Pelz ist der Herzschlag zu erahnen. Und die Angst, schon wieder am vollkommen falschen Platz zu sein.

„Eine Zwergfledermaus“, stellt Neumann sofort fest. In einer Wohnung hat sie nichts verloren. Erst recht nicht jetzt Mitte Februar, an einem Tag, als es noch nicht frühlingshaft warm ist, sondern noch Zentimeter hoch Schnee liegt. Fledermäuse haben dann noch ihre Vitalfunktionen heruntergefahren und halten in einem trockenen, dunklen Versteck Winterschlaf – keinesfalls in einer Gardine. „Das Tier muss aufgeschreckt worden sein.“ Kein Einzelfall in Selm, wie Neumann und sein Bekannter wenige Stunden später in Holzwickede erfahren werden.

Hilfe von den Fledermausexperten für den Kreis Unna

Reinhard Wohlgemuth und Irmgard Devrient sind die ersten Ansprechpartner im Kreis Unna, wenn es um Fledermausschutz geht. Sie geben überraschten Mitmenschen Tipps, wenn sich Fledermäuse in Wohnhäuser verflogen haben. Das passiert meistens im Spätsommer, wenn sich Jungtiere nach einem Winterquartier umschauen und ein auf Kipp stehendes Fenster als Einladung missverstehen. Viel zu tun sei da nicht, sagt Wohlgemuth: „Abends einfach das Fenster weit öffnen und Licht aus“ – dann fliegen die Tiere von selbst wieder raus. So ist das im August. Aber nicht im Februar.

Erich Neumann hatte zu seinem Besuch in Beifang Handschuhe, Schuhkarton und Trockentuch mitgebracht. Der Karton dient als improvisierte Reisebox. Er soll dem Tier geben, was zuletzt fehlte: dunkle Geborgenheit. Das Trockentuch ist zum Festkrallen gedacht: ein Ersatz für die Gardine. Und die Handschuhe? „So eine Fledermaus hat Todesangst und beißt zu“, sagt Neumann. Sie ahnt ja nicht, dass es nicht nach draußen geht. So geschwächt wie sie ist, wäre das der sichere Tod für sie. Stattdessen soll sie zum Aufpäppeln nach Holzwickede, wo bereits zwei andere Fledermäuse aus Selm warten.

Schlechte Prognosen für den Neuzugang

Die ebenfalls zur Unzeit aus dem Winterschlaf aufgeschreckten Zwergfledermäuse aus Cappenberg und Bork sind bereits eingezogen in eine Holzkiste im kühlen Keller des Fledermaus-Experten. Sie bilden eine WG mit zwei Tieren aus Ergste und Holzwickede. Platz für den Neuzugang aus Beifang ist da noch. Die Prognosen für ihn sehen aber schlecht aus. Das zeigt schon die erste flüchtige Untersuchung durch Reinhard Wohlgemuth.

Winzig: die Zwergfledermaus aus Selm-Beifang wirkt verloren auf der Hand von Reinhard Wohlgemuth. Ihre Flügelspitzen sind deutlich zu trocken, wie der Experte schnell feststellt. © Erich Neumann © Erich Neumann

„Die Flügelspitzen sind ja ganz trocken.“ Das ist schlimmer als es sich anhört. „Das Tier kann so nicht fliegen.“ Er verstreich vorsichtig Creme, bleibt aber skeptisch. Ob er den winzigen Patienten retten kann, ist fraglich. Die trockenen Flügelspitzen erscheinen Wohlgemuth nur als ein Symptom für einen insgesamt schlechten Allgemeinzustand des Tieres.

„Es wiegt nur 3,1 Gramm“, sagt er. „4,5 bis 5 Gramm müssten es schon sein.“ Die angebotenen Mehlwürmer lässt es links liegen, trinkt aber etwas Wasser. Jetzt gilt es abzuwarten, ob es im Frühjahr wieder seine Flügel mit einer Spannweite von mehr als 20 Zentimetern ausbreiten und blitzschnell Mücken hinterherjagen kann.

Neun Monate von der Paarung bis zur Geburt

Der Neuzugang aus Selm ist ein Männchen. Ein Tierleben ist damit in Gefahr. Wäre es ein Weibchen, wären es vermutlich zwei, wie Wohlgemuth erklärt. Zwar haben Menschen und Fledermäuse nicht viel gemeinsam, eines aber schon: Zwischen Paarung und Geburt liegen neun Monate. Das bedeute aber nicht, dass die Fledermaus so lange schwanger ist. Die Sache ist komplizierter.

„Kein anderes Säugetier schafft so etwas“, sagt Wohlgemuth, den die Fledermäuse seit Jahren so sehr faszinieren wie kein anderes Tier. Das Weibchen trage den Samen des Männchens nach der Begattung viele Monate lang in ihrem Körper – den ganzen halbjährigen Winterschlaf hindurch, der in der Regel von Anfang November bis Ende März dauert. In dieser Zeit magert das Tier ab und denkt nach dem Frühlingserwachen nur an das Eine: Fressen, Fressen, Fressen. Die Paarung wird da zur zweitwichtigsten Sache der Welt. Gut, dass sie das schon im Herbst erledigt hat.

Fledermaus verschläft das halbe Jahr

Sobald die Fledermäusin – zugegeben: dieses Wort kennt der Duden nicht, im Gegensatz zum Mäuserich – wieder zu Kräften gekommen ist, erfolgt der Eisprung – und die eingelagerten Spermien befruchten das Ei. Neues Leben entsteht und wird im Fall der Zwergmaus 44 Tage später geboren. In der Regel im Juni. Damit bleibt genug Zeit, dass der Nachwuchs das Fliegen und Jagen lernt und sich Winterspeck anfrisst.

Warum dieser Kreislauf des Lebens gleich bei mehreren Fledermäusen in Selm abrupt unterbrochen wurde? Wohlgemuth und Neumann haben zwei Vermutungen. Erstens: Der plötzliche Wintereinbruch habe die Tiere kalt erwischt. Manches Quartier habe sich nicht als frostsicher erwiesen, so dass sie aufgewacht sind. Zweitens: Der Mensch hat nachgeholfen – weil er etwas ausgeräumt, umgeräumt oder gar ganz abgerissen hat, was den einzigen Säugetieren, die aktiv fliegen können, als Winterversteck diente.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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