Kathrin Middelmann vom gleichnamigen Olfener Betrieb hat noch fünf freie Ausbildungsplätze. Auch in vielen anderen Berufen ist eine Ausbildung noch möglich. Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld, ruft Jugendliche dazu auf, sich noch kurzfristig zu bewerben. © Thomas Aschwer
Handwerk

Einbruch bei Zahlen: Handwerker im Kreis suchen noch viele Auszubildende

Die Kreishandwerkerschaft schlägt Alarm: Die Schulen haben ihre Abschluss- oder 10er-Jahrgänge mit wenigen Ausnahmen entlassen, doch viele Jugendliche tauchen in keiner Liste auf. Was ist los?

Franz Middelmann und seine Tochter Kathrin legen ihre Anzeigen auf den Tisch: Gleich fünf junge Menschen sucht die Olfener Fleischerei, die beim Familienunternehmen eine Ausbildung beginnen wollen – im Verkauf oder in der Produktion und Herstellung von Fleisch- und Wurstwaren. Bislang haben sie noch keinen Vertrag unterschreiben können. Wer vielleicht meint, dass das eher ein branchentypisches Problem sei, irrt gewaltig.

„Wir wissen nicht, wo die Jugendlichen geblieben sind“, sagt Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld. „Aktuell liegen wir deutlich – rund 10 bis 12 Prozent – unter den Ausbildungszahlen der vergangenen Jahre“, sagt Müller. Weil aber gleichzeitig die Anmeldungen beispielsweise bei den Berufskollegs unter den Vorjahreswerten liegen, treibt Müller eine große Sorge um. Die Sorge, dass viele junge Menschen noch keine konkrete Perspektive für die nächsten Monate haben.

Jugendliche können kurzfristig in Berufe „hineinschnuppern“

Die Kreishandwerkerschaft sowie weitere Institutionen haben deshalb kurzfristig eine große Werbeaktion gestartet. Sie rufen junge Menschen dazu auf, sich mit Kurzpraktika von ein oder mehreren Tagen ganz praktisch über einen oder mehrere Berufe zu informieren oder zumindest das Gespräch mit Betrieben zu suchen. Die Chance, einen Platz in einem Traumberuf zu finden, sind nach Aussage von Müller so groß wie nie. „Selbst in sonst so stark nachgefragten Ausbildungsberufen wie Tischler oder Mechatroniker gibt es im Kreis noch freie Stellen.“

Hauptgeschäftsführer Müller glaubt nicht, dass die aktuelle Situation ausschließlich auf einen Trend der vergangenen Jahre zurückzuführen ist. Ja, die Tendenz gehe bei vielen Jugendlichen zu einem längeren Schulbesuch. Mit der Folge, dass sich die Kreishandwerkerschaft von ihrem einst formulierten Ziel von 600 Azubis pro Jahr längst verabschiedet hat. Im vergangenen Jahr waren es am Ende knapp 530 neue Azubis. Doch die aktuelle Situation sei höchst ungewöhnlich, sie sei nochmals deutlich niedriger.

Die Betriebe kommen den Jugendlichen deshalb in verschiedenen Punkten weit entgegen. „Ein Ausbildungsstart zum 1. August ist kein Dogma“, sagt Müller. Es könne auch der 1. oder der 15. September oder sogar ein noch späterer Termin sein. Damit bleibe den jungen Menschen viel freie Zeit zwischen der Schulentlassung und dem Ausbildungsstart. Zudem sei das Handwerk auch finanziell attraktiv.

Handwerk bietet attraktive Verdienstmöglichkeiten

Das Durchschnittsgehalt im 1. Lehrjahr betrage zwischen 600 und 700 Euro. Es gebe allerdings auch Berufe mit einer deutlich höheren Vergütung. „Spitzenreiter sind Maurer mit einer Vergütung von mehr als 1000 Euro“, sagt der Hauptgeschäftsführer und verweist zugleich auf steigende Vergütungen in den folgenden Lehrjahren. Wer nach der Ausbildung am Ball bleibe, können beispielsweise als Meister mehr verdienen als in Berufe mit Studiumabschluss. Das gelte ganz besonders für Dachdecker-Meister mit einem Gehalt von mehr als 5000 Euro.

Doch erst einmal müssen sich junge Menschen finden, die sich für eine Ausbildung begeistern lassen. Unternehmer Franz Middelmann räumt dabei ein, dass es in seiner Branche durchaus „besondere“ Herausforderungen gibt. „Wir fangen morgens um 4 Uhr an. Dafür ist mittags Feierabend.“ Eine Herausforderung, die junge Menschen meistens wollen. Seine Tochter Kathrin (38) ist als eine von nur wenigen Frauen in der Branche den Weg gegangen. Sie hat bereits in sehr jungen Jahren die Meisterschule mit Erfolg absolviert und ist längst Junior-Chefin des Olfener Betriebes.

Wer sich jetzt für ein Praktikum oder eine Lehrstelle interessiert, kann sich bei der Kreishandwerkerschaft melden. Ansprechpartner ist Josef Fels. Er ist zu erreichen unter Tel. (02541) 9456-13.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
Zur Autorenseite
Thomas Aschwer

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.