Überall Sand: Bei den Grabungen auf dem Naturbad-Areal fanden die Archäologen Gräber aus der Bronzezeit. Für die Wissenschaftler stellt sich jetzt die spannende Frage, welche Funde sie auf dem Gelände des geplanten Wohnmobilstellplatzes machen werden. © Dr. Jürgen Gaffrey
Grabungen

11.000 Jahre Geschichte bremsen Wohnmobile in Olfen erst einmal aus

Die Fläche zwischen Naturbad und Kökelsumer Straße ist für Archäologen hoch interessant. Sie könnte Einblicke verschaffen in die Bronze- und Eisenzeit. Ein Problem für ein Tourismus-Projekt.

Die touristischen Pläne der Stadt Olfen für den Westen sind ohne Zweifel ambitioniert. Die Arbeiten für das Naturhaus mit Tourismus-Center und Fahrradverleih an der Füchtelner Mühle schreiten weiter voran, die neue Brücke über die Umflut hat schon Geländer. Doch bei einem wichtigen Baustein hat sich in den vergangenen Monaten nichts getan. Die Fläche für den Wohnmobilstellplatz zwischen Naturbad und Kökelsumer Straße befindet sich im gleichen Zustand wie bei der Vorstellung der Pläne im Mai vergangenen Jahres.

Die ursprünglich erhoffte Eröffnung zum Start der Freibadsaison 2021 wird sich nicht mehr realisieren lassen. Es gibt aktuell nicht einmal ein festes Datum für den Beginn der Bauarbeiten. Nicht planerische oder technische Fragen sind der Grund. Vielmehr gehen Archäologen davon aus, auf der Fläche wichtige Hinweise auf das Leben in der Bronze- und Eisenzeit zu finden. „11.000 Jahre Geschichte auf 16.000 Quadratmeter“ – lautet eine Schlagzeile in einer Broschüre der LWL-Archäologie (Außenstelle Münster) über die Spurensuche auf dem heutigen Naturbadgelände zwischen April 2008 und April 2009.

Bürgermeister Sendermann: Stadt ist aktuell in Gesprächen

„Wir haben damals an keiner Stelle die Grenzen des Fundareals erreicht. Wir müssen daher davon ausgehen, dass auch auf den jetzt anstehenden Flächen weitere bedeutsame Reste der Fundstellen bronze-/eisenzeitlicher Friedhof, eisenzeitliche Siedlung, mittelalterliche Siedlung erhalten sind, die vor einer Bebauung in einer Rettungsgrabung geborgen und dokumentiert werden müssen“, sagt Dr. Christoph Grünewald, Leiter der Außenstelle Münster. Das sehe das Denkmalschutzgesetz so auch vor. Einer Aussage, der sich Bürgermeister Wilhelm Sendermann anschließt. „Ziel ist es, Bodendenkmäler liegen zu lassen.“

Die Stadt sei aktuell in Gesprächen, wie mit der Situation umzugehen sei. Die Eigentümer haben nach Aussage Grünewalds im vergangenen Jahr „mehrfach ihre Überlegungen, was wo gebaut werden soll, geändert. Sonst hätte vielleicht schon mit den Untersuchungen begonnen werden können. Aber solange nicht ganz sicher ist, wo archäologisch wichtige Flächen zerstört werden, gilt der Grundsatz Erhaltung vor Ausgrabung.“ Das sei, so Christoph Grünewald, „zentraler Punkt allen Bodendenkmalschutzes.“ Das würde allerdings bedeuten, dass ein Wohnmobilstellplatz nahezu unmöglich würde.

Vor allem auch deshalb, weil die Zeugnisse vergangener Jahrtausende dem Gewicht von Wohnmobilen kaum standhalten dürften. Der Leiter der Außenstelle Münster nennt auf Nachfrage folgenden Minimalkompromiss. Der bestehe aus Sicht der Archäologen darin, die Zeugen der Vergangenheit auszugraben und zu sichern. Christoph Grünewald geht aktuell davon aus, dass dieser Weg in Absprache mit den Eigentümern beschritten wird. Mit der Folge, dass im Frühjahr die Untersuchungen beginnen. „Vorher müssen aber noch viele Details besprochen werden.“

Nähe zu „einem größeren Gewässer“ war wichtiges Kriterium

Die Fundstelle liegt nach Einordnung der LWL-Archäologie „naturräumlich und geologisch gesehen am südwestlichen Rand des Kernmünsterlandes auf Sanden

der eiszeitlichen Lippe-Niederterrasse, die hier streckenweise von Dünenaufwehungen überdeckt sind. Offensichtlich waren die leicht zu bearbeitenden Sandböden bei den Ackerbauern der Bronze- und Eisenzeit besonders beliebt. Ein weiteres Kriterium für die Standortwahl war sicher die Nähe zu einem größeren Gewässer.“

Die Erwartungen der Wissenschaftler an eine archäologische Grabungsaktion sind deshalb groß. Auf der angrenzenden Naturbadfläche von insgesamt 16.000 Quadratmetern hatten Archäologen 1028 Befunde und Einzelfunde zu Tage gefördert. Ein Fund bezeichnet in der Archäologie ein Fundstück, ein Befund ist hingegen das Ergebnis einer Untersuchung, das mehr über den Kontext von Funden aussagt.

Die Funde reichten von Speeren und Armreifen, über Rückstände von Häusern und erstrecken sich auf 11.000 Jahre Menschheitsgeschichte. Die ältesten Funde reichen bis zur Mittelsteinzeit (also 9000 Jahre vor Christus) zurück.

Dabei waren die Bodeneingriffe auf ein Minimum reduziert worden. Nur auf den

unvermeidlichen Tiefbauflächen erfolgte eine vollständige archäologische Untersuchung. Für alle übrigen Bereiche der archäologischen Fundstelle wurde eine schonende Nutzung vereinbart. Schon damals hatte der Archäologe Jürgen Gaffey gesagt, dass es „wahrscheinlich noch einiges in Olfen zu finden gibt.“

Lange Suche nach dem Römerlager bei Olfen

Olfen scheint in der Geschichte mehrfach eine wichtige Rolle gespielt zu haben. 2008 machte ein Ehepaar aus Waltrop auf einem Acker nahe der Lippe in Olfen Keramik- und Glasfunde. Doch es dauerte bis 2011, um das Römerlager zu finden. Experten gehen davon aus, dass es eine wichtige Versorgungsstation des Militärs war. Von dem etwa sieben Fußballfelder großen Lager aus hätten die Römer den Flussübergang kontrolliert – „und damit eine der wichtigsten logistischen Landmarken der römischen Eroberer“, berichtete seinerzeit der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Und auch in Zukunft soll Olfen ein wichtiger Punkt auf der Landkarte sein. Gerade auch für Menschen, die hier die Natur genießen und sich erholen wollen. Dazu will auch die Stadt ihren Beitrag leisten. Bürgermeister Wilhelm Sendermann machte im Gespräch mit der Redaktion deutlich, dass die Stadt am Projekt Wohnmobilstellplätze festhält und eine möglichst zügige Umsetzung wünscht.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
Zur Autorenseite
Thomas Aschwer

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.