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Zwangsstörungen und Tics lindern

Was tun?

Zig Mal am Tag die Hände waschen oder ständig übertrieben blinzeln müssen: Zwangsstörungen und Tics können einem Betroffenen schwer zu schaffen machen.

15.11.2018, 12:36 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zwangsstörungen und Tics lindern

Händewaschen schützt vor Keimen. Es kann aber auch zum Zwang werden. In dem Fall ist meist eine Therapie hilfreich. Foto: Christin Klose/dpa

Von Sabine Meuter


Nahezu jeder kennt solche Momente: Habe ich den Stecker des Bügeleisens gezogen? Ist die Haustür auch wirklich fest zu? Habe ich den Herd auch ganz gewiss ausgeschaltet? Und fast jeder hat auch schon erlebt, dass einmal Nachsehen nicht ausreicht und man ein weiteres Mal die Lage checkt. Ein Anlass, sich Sorgen zu machen, ist das oft nicht.

Alltag aus den Fugen

Aber es gibt auch andere Fälle. Betroffene verspüren einen enormen innerlichen Druck. Sie können nicht anders, als 30 oder 40 Mal zu kontrollieren, ob das Fenster oder der Kühlschrank tatsächlich verschlossen ist. Der Alltag gerät durch dieses fortlaufende Kontrollieren aus den Fugen. „Unter solchen Voraussetzungen liegt wahrscheinlich eine Zwangsstörung vor“, sagt der an der Universität zu Lübeck tätige Neurologe Prof. Alexander Münchau. Wobei es die unterschiedlichsten Zwangsstörungen gibt.

Neben Kontrollzwängen sind Ordnungszwänge möglich – etwa der Zwang, die Utensilien auf dem Schreibtisch in einer bestimmten Reihenfolge anzuordnen. Es gibt auch Waschzwänge. Dabei verspüren Betroffene Angst oder Ekel vor Schmutz, Bakterien, Viren oder Körperflüssigkeiten. „In der Folge werden die Hände, der Körper und unter Umständen auch die gesamte Wohnung ständig gewaschen oder gereinigt“, erläutert Wolf Hartmann, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen.

Menschen mit Zählzwängen haben den starken Impuls, immer wieder bestimmte Dinge wie Straßenschilder, Fenster oder Bücher zu zählen. „Auch Zwangsgedanken, die sich dem Betroffenen permanent gegen seinen Willen aufdrängen und etwa aggressiver Art sind, können ein Problem sein“, erklärt Christian Schmidt-Kraepelin, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum Düsseldorf.

2,3 Millionen Menschen leiden

Schätzungsweise 2,3 Millionen Menschen sind von Zwangsstörungen betroffen. Das geht aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ hervor. Was genau sie auslöst, ist noch nicht erforscht. Womöglich ist die Erkrankung erblich bedingt. „Auch eine Stoffwechselstörung im Gehirn könnte eine Rolle spielen“, erklärt Schmidt-Kraepelin. Umweltfaktoren können ebenfalls dazu beitragen, dass Zwangsstörungen entstehen. „In einer Familie, in der Perfektionismus eine große Rolle spielt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eines der Mitglieder an einer Zwangsstörung erkranken könnte“, sagt Hartmann.

Oft vergehen viele Jahre, bis Betroffene sich professionelle Hilfe suchen. Leider wird häufig auch dann die Diagnose einer Zwangsstörung nicht gestellt, heißt es in der Leitlinie für die Behandlung von Zwangsstörungen, einer Art Leitfaden für Ärzte. Oft genug wird eine Zwangsstörung fälschlicherweise als ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) eingestuft.

Negative Folgen bleiben aus

Wurde eine Zwangsstörung richtig erkannt, kann sie mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt werden. Dabei analysieren Therapeut und Patient gemeinsam, in welchen Momenten die Zwangshandlungen auftreten und was der Auslöser ist. Später setzt sich der Patient Situationen aus, in denen er den Drang verspürt, etwas Bestimmtes zu tun oder zu denken. Der Therapeut hält ihn nun dazu an, dem Zwang nicht nachzugeben. So erlebt der Patient, dass die von ihm befürchteten negativen Folgen ausbleiben.

Verwandt, aber etwas anderes als Zwangsstörungen sind sogenannte Tics. Das sind plötzliche, Willkürbewegungen sehr ähnliche, jedoch übertriebene und wiederholte Bewegungen (motorische Tics) oder Lautäußerungen (vokale Tics). Sie treten unter Spannung auf und dienen keinem bestimmten Zweck. Laut Schätzungen entwickeln bis zu 15 Prozent aller Grundschüler vorübergehend Tics. Das kann sich etwa in Grimassen-Schneiden oder Blinzeln äußern oder dem Wiederholen von Sätzen.

In vielen Fällen gehen diese Tics schnell wieder vorbei – vor allem, wenn ihnen möglichst wenig Beachtung geschenkt wird. Sind Eltern besorgt, können sie aber natürlich den Kinderarzt ansprechen, der gegebenenfalls an einen Spezialisten überweist. Aufklärung ist das A und O, betont Münchau: „Für Dramatik besteht kein Anlass.“

Therapie in Erwägung ziehen

Erst wenn der Tic chronisch wird – also über ein Jahr anhält – und der Betroffene selbst leidet, können Eltern, Kind und Arzt eine Therapie in Erwägung ziehen. „In schweren Fällen können vorübergehend Medikamente verordnet werden“, sagt Münchau, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ist.

Bei manchen Kindern und Jugendlichen treten gleich mehrere Tics auf und das täglich. Ist das vor dem 18. Lebensjahr über mehr als ein Jahr der Fall, spricht man vom Tourette-Syndrom. Betroffene bekommen wegen ihrer Tics häufig Probleme mit ihrem Umfeld. Das wiederum verursacht Stress, der die Symptome verstärken kann. Die Tourette-Gesellschaft Deutschland weist deshalb darauf hin, dass eine frühe Diagnose und Begleitung wichtig sind, um psychische Folgewirkungen möglichst zu vermeiden.

Sowohl bei Zwangsstörungen als auch bei Tics können neben einer Therapie auch Entspannungsübungen helfen, etwa Yoga oder Autogenes Training.