Zehnjähriger will die Welt verbessern – und angelt Metallschrott aus Pariser Gewässern

Umwelt

Der zehnjährige Raphaël säubert seit einem Jahr regelmäßig die Seine und Pariser Kanäle von Metallschrott. Er will die Welt ein Stück weit besser machen.

Paris

14.04.2021, 21:26 Uhr / Lesedauer: 3 min
Aus dem Wasser gefischte Fahrräder, E-Tretroller und ein Einkaufswagen stehen aufgereiht am Ufer der Seine.

Aus dem Wasser gefischte Fahrräder, E-Tretroller und ein Einkaufswagen stehen aufgereiht am Ufer der Seine. © picture alliance/dpa/Guppy

Es ist eine Szene, die die Anrainer der Seine oder des Bassins de la Villette, eines künstlichen Kanals im Nordosten von Paris, schon kennen. Der zehnjährige Raphaël schleudert immer wieder einen großen Magneten, der an einem Seil befestigt ist, ins Wasser. Und zieht ihn dann unter einem Ächzen wieder zurück. Neben ihm sein Vater Alexandre, der die gleiche Geste wiederholt. Beide haben Regenkleidung an. „Oh, ich glaube, ich hab wieder eins“, ruft auf einmal Raphaël. Sein Vater kommt ihm zur Hilfe, und zusammen ziehen sie langsam eins der Pariser Vélib-Leihfahrräder aus dem Wasser.

Sie schieben es zu einem ein paar Meter entfernten, kleinen Haufen an Fundstücken, der schon aus anderen Drahteseln, aber auch Tretrollern, langen Metallpfosten, einem Autoradio und einem Wecker besteht. Rund zehn Tonnen Metallschrott haben die beiden so innerhalb eines Jahres aus Pariser Gewässern gefischt. Raphaël ist dadurch über die Landesgrenzen hinweg bekannt geworden.

Zehnjähriger Raphaël: „Wenn jeder seinen Teil beiträgt …“

„Es gibt so viele Probleme: die Erderwärmung, die Wasserverschmutzung und so weiter. Wenn alles zusammenkommt, dann ist das wie eine Zeitbombe“, sagt Raphaël, der nur seinen Vornamen verraten will und sich schon langsam an die regelmäßigen Interviews gewöhnt hat. „Aber wenn jeder seinen Teil beiträgt, also zum Beispiel ein paar Zigarettenstummel aufhebt, Müll in den Abfalleimer wirft oder auch wie wir das Wasser säubert, dann brauchen wir uns, glaub ich, keine allzu großen Sorgen zu machen.“

Die Idee für die Initiative hatte Raphaël kurz vor Weihnachten 2019. Da stieß er durch Zufall auf die Youtube-Videos von Chris Detek. Der Umweltaktivist holt schon seit November 2014 alleine oder mit Promis Metallschrott aus Frankreichs Flüssen und hat inzwischen 650.000 Abonnenten. „Ich habe das gesehen und war sofort begeistert. Man tut etwas für den Planeten, und dabei macht es auch noch Spaß!“ meint er. „Ich habe die Videos sofort meinem Vater gezeigt und gesagt, dass ich auch solche großen Magneten zu Weihnachten haben will.“

Mit Supermagneten angeln Raphaël und sein Vater Metallschrott aus dem Wasser

Mit den Supermagneten, die teilweise Hunderte an Kilos halten können, stehen Raphaël und sein Vater regelmäßig am Wochenende oder am Mittwochnachmittag, an dem in Frankreich schulfrei ist, an den Pariser Gewässern. Manchmal sind sie dabei inzwischen von Anderen umgeben, die sich von ihnen haben inspirieren lassen und mit ihren eigenen Magneten bei der Aktion mitmachen. Am Ende der Fischereitage melden Raphaël und Alexandre ihren Fund über eine Smartphoneapp der Stadtverwaltung, die den Schrott dann abholen kommt.

Seine kuriosesten Stücke sammelt Raphaël im Keller der Familie – er nennt den Raum auch sein „Museum“. Dort liegen zum Beispiel ein paar Petanque-Kugeln oder auch ein Seitengewehr aus dem Jahr 1874. „Es widert mich an, dass die Leute solche Sachen ins Wasser schmeißen“, sagt er. „Und was hier liegt, ist ja auch nur ein ganz kleiner Teil von dem, was wir aus dem Wasser fischen – oft finden wir 1000-mal so viel in wenigen Hunderten Meter Wasser.“ Auch die Corona-Pandemie hätte das Problem nicht gelöst. „Ich habe sogar das Gefühl, dass seitdem noch mehr Schrott in der Seine liegt“, sagt der Junge.

Raphaël ist zum Internetstar geworden

Inzwischen ist Raphaël durch seine Initiative auch zu einem Internetstar geworden: Sein Instagram-Konto „Raf sur Seine“ hat schon 20.000 Abonnenten (Stand: 14. April 2021). Regelmäßig bekommt er Nachrichten von Menschen auf der ganzen Welt, die ihm zu seiner Aktion gratulieren. Bald soll ein kanadisches Comic über ihn entstehen, und die Stadt Paris will mit Raphaëls Fundstücken eine Ausstellung organisieren – um auch bei anderen mehr Umweltbewusstsein zu wecken. Dass Raphaël dieses schon im Alter von zehn Jahren hat, überrascht seinen Vater Alexandre übrigens nicht. „Raf hatte schon immer ein Herz für Tiere, und auf dem Weg zur Schule wollte er immer den Müll von der Straße aufsammeln“, sagt er.

RND