Zahl der Rechtsextremisten in NRW nimmt enorm zu

Kriminalität

Die Zahl der Rechtsextremisten hat in NRW ein neues Niveau erreicht. Sorgen bereitet dem Verfassungsschutz das besonders eine Quelle, die als „Radikalisierungsmaschine“ gesehen wird.

Düsseldorf

09.06.2020, 15:57 Uhr / Lesedauer: 2 min
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat den aktuellen Verfassungschutzbericht vorgestellt.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat den aktuellen Verfassungschutzbericht vorgestellt. © picture alliance/dpa

Die Zahl der Rechtsextremisten ist in Nordrhein-Westfalen auf den höchsten Stand seit zehn Jahren gestiegen. Nach Angaben des Verfassungsschutzes NRW sind im vergangenen Jahr 4075 Menschen dem Rechtsextremismus zuzurechnen gewesen. Das bedeutet ein Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zu 2018, wie NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstag in Düsseldorf berichtete. 2000 von ihnen werden als gewaltbereit eingestuft.

Die Zahl der Linksextremisten stagnierte im gleichen Zeitraum bei 2525. 800 bis 900 von ihnen werden als gewaltbereit eingeschätzt. Die Zahl der Salafisten stieg nach rasantem Anstieg in der Vergangenheit nur noch leicht um 100 auf 3200 - davon seien 700 gewaltbereit. Die große Missionierungswelle in diesem Bereich scheine zu stagnieren.

Digitalisierung des Extremismus als Herausforderung

Kritisch sah Reul die Rolle des Internets: Es sei die „Radikalisierungsmaschine des 21. Jahrhunderts“ und „Reifekammer für Terroristen“. „Hier wird Hass gesät, hier verbreitet er sich, hier werden Extremisten zu Terroristen und hier gedeihen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte Reul. „Hier werden Vorurteile und Angst geschürt, werden Menschen gegeneinander aufgehetzt.“

Die Digitalisierung des Extremismus sei die größte Herausforderung für die Sicherheitsbehörden in NRW. Über Verschwörungsideologien sickerten extremistische Ansichten in die Mitte der Gesellschaft. Rechtsextremisten hätten zuletzt auch - allerdings meist vergeblich - versucht, den Protest gegen die Corona-Auflagen zu vereinnahmen.

Irrsinnig anmutender Verschwörungsglaube aus dem Netz finde sich in den Köpfen von Rechtsterroristen wieder: Reul nannte den mutmaßlichen Attentäter von Halle, der glaube, dass ihm sein Recht auf Fortpflanzung vom Feminismus genommen werde. Der mutmaßliche Attentäter von Hanau glaube tatsächlich, dass ihm als Kind ein Chip eingepflanzt worden sei. Es gebe auch starke Indizien - aber keine Beweise - dafür, dass ein Teil der Desinformation, der Fake News, von Staaten wie Russland stamme, um westliche Staaten zu destabilisieren.

Rückgang von antisemitischen Straftaten

Dennoch ging die politisch motivierte Kriminalität in NRW zurück: In diesem Bereich wurden 6032 Straftaten vergangenen Jahr bekannt. Das ist ein Rückgang um 206 Taten oder 3,3 Prozent. Politisch rechts motivierte Straftaten wurden 3661 gezählt - 106 weniger (Vorjahr: 3767). Die Anzahl der politischen Gewaltdelikte durch rechte Verdächtige sank um 27 Prozent auf 158 Straftaten.

Bei den antisemitischen Straftaten war im Gegensatz zum Bundestrend in NRW ein Rückgang von 350 auf 315 zu verzeichnen. Die Zahl der linksmotivierten Straftaten stieg um rund zwei Prozent auf 1424. Die linksextremistisch motivierten Gewaltdelikte haben sich mehr als halbiert, was auf die veränderte Lage im Hambacher Forst zurückzuführen sei.

Nach 447 Gewalttaten im Jahr 2018 waren es nur noch 200 in 2019. Die Zahlen seien kein Grund zur Entwarnung. „Was uns Sorgen macht, ist nicht so sehr die Quantität, sondern die Qualität“, sagte Reul. Es wäre fahrlässig, so zu tun, als sei hier alles im „grünen Bereich“.

dpa

Lesen Sie jetzt

Vor einem Jahr wurde der hessische CDU-Politiker Walter Lübcke durch einen Rechtsradikalen ermordet. Grünen-Chef Robert Habeck fordert nun eine zentrale Anlaufstelle für bedrohte Menschen.

Lesen Sie jetzt