Wirtschafts- und Infektionsforscher raten: Beschränkungen schrittweise lockern

Coronavirus

Anhaltende Corona-Beschränkungen kosten die Wirtschaft viel Geld. Forscher empfehlen nun nicht zu schnell auf einmal zu lockern, um die Wirtschaft und das Gesundheitssystem nicht zu stark zu belasten.

München/Braunschweig

20.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
In vielen Städten füllen sich die Fußgängerzonen wieder. Dementsprechend nimmt auch die Kaufbereitschaft wieder zu.

In vielen Städten füllen sich die Fußgängerzonen wieder. Dementsprechend nimmt auch die Kaufbereitschaft wieder zu. © picture alliance/dpa

Die Rufe nach schnellen Lockerungen der Corona-Beschränkungen werden immer lauter. Doch bei all den Öffnungsmaßnahmen dürfen auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft nicht außer Acht gelassen werden. Deshalb raten das ifo Institut aus München und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) aus Braunschweig in ihrer neuen Studie zu einer „leichten, schrittweisen Lockerung der Beschränkungen“.

Umfangreiche Tests als Grundvoraussetzung

Grundlage für diese Empfehlung sind epidemiologische und ökonomische Simulationsmodelle, die die beiden Forschungseinrichtungen analysiert haben. Annahme der Berechnungen ist, dass die rund 400 Gesundheitsämter in Deutschland jeweils täglich bis zu 300 Infektionen identifizieren lassen könnten, wenn es keine wesentlichen Kontaktbeschränkungen gebe.

„Würden die Test-Kapazitäten deutlich ausgeweitet und mehr Personal für die Erfassung eingestellt, könnte man Fälle früh erkennen und neue Infektionsketten verhindern“, heißt es in der Studie. Durch umfangreiche Tests und Abstandsregelungen könnte das Infektionsrisiko bei Lockerungsmaßnahmen gering gehalten werden. „Je mehr diese Spielräume genutzt werden, desto stärker können Lockerungen ausfallen. Dass weitere schrittweise Lockerungen auch mit sinkenden wirtschaftlichen Kosten einhergehen, hängt somit stark von den Verhaltensanpassungen der Bevölkerung ab.“

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Reproduktionszahl von 0,627 vom 20. April. Würden die Schutzvorkehrungen, die bis dahin galten, aufrechterhalten, dann leide die deutsche Wirtschaft unter einem Wertschöpfungsverlust von knapp 333 Milliarden Euro über die Jahre 2020 und 2021 – das entspricht einer Reduzierung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund fünf Prozent.

Deutliche Lockerungen nicht zu empfehlen

Der ideale Mittelweg wäre nach den Berechnungen des ifo Instituts und des HZI eine Reproduktionszahl von 0,75: „Leichte Lockerungen mit einer Reproduktionszahl von 0,75 wären dagegen mit einem wirtschaftlichen Wertschöpfungsgewinn von etwa 26 Milliarden Euro verbunden.“ Damit würden die volkswirtschaftlichen Kosten von 333 Milliarden Euro um 0,4 Prozentpunkte des BIP der Jahre 2020 und 2021 sinken.

Für den Fall, dass die Reproduktionszahl bei 1,0 liegt, wäre hingegen mit erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten zu rechnen. Das BIP würde sich in diesem Szenario um 7,7 Prozent reduzieren. „Deutlichere Lockerungen sind sowohl unter gesundheitlichen als auch unter ökonomischen Aspekten nicht zu empfehlen“, schlussfolgern die Forscher.

Shutdown-Maßnahmen verschärfen wirtschaftliche Situation

Aber auch Verschärfungen der Shutdown-Maßnahmen, die beispielsweise zu Geschäftsschließungen führen, könnten negative Folgen für die Wirtschaft haben. So würde eine Reproduktionszahl von 0,5 zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von 77 Milliarden Euro nach sich ziehen; ein Wert von 0,1 verursache Kosten von rund 277 Milliarden Euro.

„Vor diesem Hintergrund ist es ein gemeinsames Interesse von Gesundheit und Wirtschaft, die Lockerungen vorsichtig vorzunehmen und sehr intensiv zu beobachten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln“, werden der ifo-Präsident, Clemens Fuest, und der Leiter der Abteilung System-Immunologie am HZI, Michael Meyer-Hermann, auf der Internetseite des ifo Instituts zitiert.

Nicht genügend empirische Daten

Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité spricht der Studie in seinem Corona-Podcast auf NDR Info (Folge 41) eine große Bedeutung zu. „Denn das ist wirklich etwas Neues in Deutschland. Ich glaube auch, dass es etwas Neues weltweit ist, dass in dieser Art und Weise Forschungsdaten und Simulationsergebnisse aus diesen beiden Wissenschaftszweigen zusammengeführt werden“, sagte Drosten. „Das ist genau das, was wir brauchen in der jetzigen Situation.“

Gleichzeitig macht der Virologe – wie auch die Autoren der Studie – darauf aufmerksam, dass es „einen großen Mangel an empirischen Daten“ gibt, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft genau zu beschreiben.

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