Wir nannten sie Brüder und Schwestern

Neu im Kino: "Westen"

Der Begriff "Westen" war nach dem Zweiten Weltkrieg weitaus mehr als nur eine geografische Richtungsanzeige. Für viele Menschen im Osten war er eine Verheißung: für eine Existenz in Freiheit und ein Leben in persönlichem Frieden. Ein bisschen Luxus inklusive.

28.03.2014, 12:01 Uhr / Lesedauer: 1 min
Kurz vor ihrer Ausreise wird Nelly (herausragend: Jördis Triebel) ein letztes Mal schikaniert.

Kurz vor ihrer Ausreise wird Nelly (herausragend: Jördis Triebel) ein letztes Mal schikaniert.

Doch weit schlimmer sind für sie die Befragungen durch den amerikanischen und deutschen Geheimdienst. Angeblich soll ihr vor Jahren tödlich verunglückter russischer Freund ein Spion gewesen sein. Möglich sei sogar, dass er noch lebe, sagen die alliierten Agenten. Möglich sei es auch, dass sich DDR-Spione im Lager aufhalten. Sie solle also vorsichtig sein. Nellys naive Vorstellung vom besseren Leben auf der richtigen Seite weicht Misstrauen, Furcht und Paranoia. Schwochows historische Sichtung der Auswirkungen des Kalten Krieges geht allmählich über in das Psychogramm einer verunsicherten, um Stolz und Würde kämpfenden Frau. Nellys Kraft für den Neuanfang scheint bald verbraucht. Selbst Ex-DDRler Hans (Alexander Scheer), der sich herzlich um sie und ihren Sohn kümmert, wird nun brüsk zurückgewiesen. Die Bilder vom leuchtenden Westen weichen Bildern grauer Tristesse.

Im letzten Moment hält Schwochow dann doch noch die Fahne der Hoffnung hoch – in einem Film, der sehr spät ein bisschen mehr Licht ins Verhältnis zwischen Bürgern der DDR und der BRD bringt: In politischen Sonntagsreden wurden die Ostdeutschen zwar als Brüder und Schwestern bezeichnet – im Westen wollte aber kaum jemand mit ihnen am selben Tisch sitzen.

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