Dass beide Partner arbeiten, ist keine Seltenheit. Meist sind es die Frauen, die den Spagat zwischen Beruf und Familie meistern. Diese starke Mutter aus Dorsten zeigt, wie das gelingen kann.

Dorsten

, 27.11.2018, 10:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Erst duschen, dann die Kinder wecken, sie anziehen, ihnen Frühstück machen, Pausenbrote schmieren, und sie dann schnell in den Kindergarten und zur Schule bringen – so sieht der geschäftige Morgen vieler Mütter aus. Auch Anna Hertels Tag startet so. Bei der 35-Jährigen folgt dieser Morgen manchmal noch auf eine Nacht, in der sie kein Auge zugetan hat. Denn die Dorstenerin ist Nachtschwester. „Das lässt sich mit den Kindern am besten vereinbaren.“

Familie und Beruf: Wie Anna Hertel (35) Job und Kinder unter einen Hut bekommt

Anna Hertel ist Nachtschwester im St.-Elisabeth-Krankenhaus. Sie macht acht Nachtdienste im Monat. © Jennifer Uhlenbruch

Bevor Paula (6) und Max (3) auf der Welt waren, arbeitete Anna Hertel Vollzeit im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten, war im Früh- und im Spätdienst eingesetzt. Mit Kindern sind diese Arbeitszeit für sie undenkbar geworden. „Mein Mann fängt um 6 Uhr mit der Arbeit an. In der Frühschicht wäre das bei mir genauso gewesen. Dann hätte eine der beiden Omas, die wir zum Glück in der Nähe haben, um 5.30 Uhr hier sein müssen, um uns abzulösen. Das kann man nicht verlangen.“

Also stieg die junge Mutter, als die Kinder jeweils ein Jahr alt waren, auf Nachtdienste um. Acht macht sie im Monat. „So ist das für uns perfekt“, findet sie. „So“ heißt, dass sie abends um 20 Uhr das Haus verlässt und morgens um 6.30 Uhr wieder da ist. „An diesen Tagen kann mein Mann eine halbe Stunde später anfangen. Das ist eine Nettigkeit vom Chef.“

Keine Zeit für Müdigkeit

Sind die Kinder dann pünktlich und mit geschmierten Broten versorgt in Kita und Schule angekommen, legt sie sich schlafen. „Wenn ich Glück habe, holt eine der Omas die beiden ab, dann kann ich bis 12 Uhr liegen bleiben. Wenn nicht, steh ich um 11.50 Uhr an der Schule.“ Dreieinhalb Stunden Schlaf – das ist nicht viel. „Ich brauche zum Glück nicht so viel Schlaf.“ Aber wenn sie mal zwei Nächte hintereinander Dienst hat, schlaucht das schon. „Dann ist es gut, wenn der Tag ein möglichst volles Programm hat und ich nicht zur Ruhe komme.“

Familie und Beruf: Wie Anna Hertel (35) Job und Kinder unter einen Hut bekommt

Anna Hertel und Sohn Max bereiten gemeinsam das Mittagessen zu. Pizza essen alle gerne. © Jennifer Uhlenbruch

Klar sei es einerseits besser, wenn sie am Wochenende Dienst habe und ausschlafen könne. „Andererseits geht das zulasten der Familienzeit.“ Und das ist Mist, finden auch die Kinder. „Wir hatten einmal sechs Wochen am Stück kein Familienfrühstück, weil ich entweder arbeiten war, mein Mann einen Samstagsdienst hatte oder bei meinen Eltern auf dem Hof geholfen hat. Das merkt man dann schon, und die Kinder meckern.“ In der Woche finden Max und Paula es dagegen nicht so schlimm, wenn Mama arbeiten ist. „Sie dürfen dann bei uns im Bett schlafen. Das finden sie natürlich genial.“

„Ich wollte das ganze Spektakel zu Hause“

Dass sie es ist, die nach der Geburt der Kinder Teilzeit arbeiten geht, sei immer klar gewesen. „Ich hatte da Lust drauf. Ich wollte das ganze Spektakel zu Hause.“ Ihr Mann hätte gerne Elternzeit genommen. „Aber das war beruflich bei ihm schwer möglich. Er arbeitet in einer kleinen Firma. Und weil er stets zwischen 15 und 16 Uhr zu Hause ist, hat er auch so immer noch viel von den Kindern.“ Diskussionen habe es wegen dieser Aufteilung nie gegeben. „Solange das alles mit Respekt abläuft und er weiß, was ich leiste, und ich weiß, was auch er leistet, klappt das.“

Und wenn es mal nicht mehr klappen sollte mit der Ehe? Denkt sie darüber nach, über das Alter, ihre Rente? „Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wir haben das Haus gekauft. Das können wir notfalls verkaufen.“ Und als Krankenschwester ist sie jetzt auch eine gesuchte Fachkraft, die jederzeit mehr arbeiten könnte. „Aber ich würde auch Putzen gehen oder Brötchen verkaufen. Ich bin da für alles offen, vielleicht auch, weil ich vom Bauernhof komme.“

Teilzeitmodelle sind etabliert

Aber jetzt, in diesem Moment, ist sie „rundum zufrieden“. Auch weil sie mit dem Stationsleiter im St.-Elisabeth-Krankenhaus „echt Glück“ hat. „Wenn was mit den Kindern ist, dann wird alles möglich gemacht. Zur Not würde er selbst wohl einspringen, damit ich zu Hause bleiben könnte“, sagt Anna Hertel, die bei Weitem nicht die einzige Mutter ist, die auf eigenen Wunsch nur noch Nachtschichten macht.

Das Dorstener Krankenhaus bemühe sich, den Wünschen der Mitarbeiter insbesondere nach der Familienphase zu entsprechen; es gebe eine Vielzahl von Teilzeitmodellen, berichtet Ralf Hantel, Personalleiter des Krankenhausverbundes KKRN GmbH, zu dem das Dorstener Krankenhaus gehört. In Zahlen: Etwa 315 der rund 700 Angestellten in Dorsten arbeiten in Teilzeit. „Nicht nur im Pflege- und Funktionsdienst sowie in der Verwaltung sind Teilzeitmodelle etabliert, sondern auch immer mehr im ärztlichen Dienst.“

„Die Flexibilität ist deutlich größer geworden.“

In den vergangenen Jahren habe sich viel getan. „Die neue Generation von Mitarbeitern, die schwierige Situation bei der Personalbeschaffung im ärztlichen und inzwischen auch pflegerischen Bereich sowie die weiteren veränderten Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass sich die Krankenhäuser neu aufstellen mussten. Als familienfreundlicher Arbeitgeber ist die KKRN GmbH attraktiver geworden. Das Angebot an individuellen Teilzeitmodellen und damit die Flexibilität ist deutlich größer geworden.“

Auch beim größten Arbeitgeber in Dorsten, der Stadtverwaltung, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel entwickelt, berichtet Gleichstellungsbeauftragte Vera Konieczka. „Als ich hier angefangen habe, war in vielen Bereichen Teilzeitarbeit nicht vorgesehen. Heute haben wir über 100 Teilzeitmodelle, die nicht nur Mütter nutzen. Sogar Führungskräfte gibt es bei uns, die in reduzierter Stundenzahl arbeiten und wir schreiben manche Stellen auch direkt als Teilzeitstellen aus. Das gab es früher nicht“, sagt Vera Konieczka, die seit 1986 die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dorsten ist und damit nach eigener Aussage eine der Dienstältesten in ganz Deutschland.

Nicht nur bei der Stadt habe sich viel getan. „In vielen Betrieben wird anders gedacht als noch vor 20 Jahren. Muss auch, denn die Betriebe sind auf die Frauen angewiesen.“

Familie und Beruf: Wie Anna Hertel (35) Job und Kinder unter einen Hut bekommt

Vera Konieczka hat für Frauen viele Ratschläge und hilfreiche Broschüren parat. © Jennifer Uhlenbruch

Dennoch würde sich Vera Konieczka noch mehr Bewegung wünschen, von den Arbeitgebern und von den Frauen. „Das Frauenbild in den Köpfen der Arbeitgeber ist leider noch sehr verwurzelt. Sie fragen im Vorstellungsgespräch nach dem Familienstand und ob die Kinderbetreuung gesichert ist. Das würden sie einen Mann nie fragen. Diese Fragen sind diskriminierend und unzulässig und sollten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gemeldet werden.“ Sie weiß aus ihrer langjährigen Beratung von Frauen, dass manche sogar in ihrem Anschreiben die Kinder erwähnen oder die Betreuungssituation erklären. „Das gehört da nicht hin.“

Mehr als nur das Wickelvolontariat

Von den Frauen würde sie sich wünschen, „dass sie sich bewusst machen, was ihnen verloren geht, wenn sie zu lange zu Hause beim Kind bleiben“. Sie sollten sich vor der Elternzeit Arbeitszeugnisse ausstellen lassen, falls der Chef in der Zeit wechselt, und sie sollten auch danach stets Kontakt zum Arbeitgeber halten und bloß keinen Mini-Job annehmen. „Das ist zwar verführerisch, aber es bringt nichts für die soziale Absicherung.“ Vera Konieczka fordert, die Männer mehr in die Pflicht zu nehmen, sich die Elternzeit gleichberechtigt aufzuteilen. „Die Männer sollen mehr machen dürfen als nur das Wickelvolontariat von zwei Monaten.“

„Frauen müssen umdenken“

Viele Frauen machten die Rechnung auf: Mein geringeres Teilzeitgehalt wird noch kleiner wegen der schlechteren Steuerklasse und dann geht davon noch die Kinderbetreuung ab - für die paar Kröten lohnt es sich doch gar nicht, arbeiten zu gehen. „Frauen rechnen die Kinder immer auf ihre Karte, anstatt zu sagen: Die Männer profitieren ja von der besseren Steuerklasse und zahlen ihren Gewinn für das Kind. Frauen müssen umdenken.“

Die Strukturen mit flexiblen Kita-Plätzen und OGS-Angebot seien schon sehr gut ausgebaut, findet Vera Konieczka. Anna Hertels stimmt zu. „Der Mann kann in Elternzeit gehen, viele Berufe funktionieren auch in Teilzeit. Die Kitas sind flexibel und wenn man einen OGS-Platz hat, sind die Kinder auch lange betreut. Nur wenn man alleinerziehend ist und kein so gutes soziales Umfeld hat, dann wird es schwierig.“

Wann muss die Elternzeit beantragt werden? Welche Rechte habe ich danach? Gibt es ein Recht auf Teilzeit? Diese und noch mehr Fragen haben die Anwälte Björn Wesler und Susanne Grotehans im Interview beantwortet.
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Tipps zum Wiedereinstieg in den Beruf in NRW gibt es auch auf der entsprechenden Seite des NRW-Arbeitsministeriums.
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