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Wie eine Minute viele Schülerleben auf den Kopf stellte

„Das schweigende Klassenzimmer“ im Kino

„Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt von mutigen Schülern in der DDR. Sie gedachten 1956 während des Unterrichts in einer Schweigeminute Ungarns, das sich gegen die Russen erhoben hatte. Die 60 Sekunden hatten weitreichende Konsequenzen.

Essen

, 28.02.2018 / Lesedauer: 3 min
Wie eine Minute viele Schülerleben auf den Kopf stellte

Die Klasse der Aufmüpfigen: Vorne Anna Lena Klenke als Lena, rechts Tom Gramenz als Kurt, links Jonas Dassler als Erik, daneben Leonard Scheicher als Theo. Foto: StudioCanal

Sie klingt nach blumiger Drehbuch-Fantasie, doch die Geschichte ist wahr: 1956 hielt eine Abiturklasse in der DDR für eine Minute im Unterricht den Mund - danach waren Leben, Karriere, Zukunft zerstört.

60 Sekunden Schweigen provoziert



Mit der Schweigeminute wollten die Schüler symbolisch an Ungarn erinnern, das sich gegen die Russen erhoben hatte. Zu viel der Provokation für die ostdeutschen Staatsorgane: Aus der Mücke einer kleinen Geste wurde der Elefant der Konterrevolution.

„Das schweigende Klassenzimmer“ heißt der neue Film von Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“), der den Vorfall von 1956 rekonstruiert und am Dienstag in der Essener „Lichtburg“ Premiere feierte.

Spannender Einblick ins Regime



Um es gleich zu sagen: Es ist ein spannender, dramaturgisch dichter Film, die Innenansicht eines Regimes, das mit aller Macht die Lüge propagiert und am Ende vor dem Mut der Schüler den Offenbarungseid leistet.

Geschichtskino aus einem Staat, der nicht zuletzt an seinen Lebenslügen zugrunde ging. Beileibe aber kein knistertrockener Historienstoff: Kraume erzählt auch vom Elan und dem Idealismus junger Leute, von ihrem Drang nach Freiheit und Wahrheit, dem Wunsch nach Identifikation mit einer gerechten Sache, was auf dem Papier pathetisch klingen mag. Im Film aber wispert diese Agenda zwischen den Zeilen mit, und das ist gut so.

Die Wochenschau inspirierte



Im Radio hören Theo (Leonard Scheicher), Kurt (Tom Gramenz) und Lena (Anna Lena Klenke) heimlich Rock’n’Roll vom RIAS, im Kino am Ku’damm sieht Kurt die Wochenschau West mit Bildern vom Ungarn-Aufstand. Dort pickt er die Idee einer solidarischen Schweigeminute auf. Die Klasse zieht mit und schweigt im Unterricht.

Der Lehrer meldet den Vorgang. Der Direktor (Florian Lukas) kann nicht verhindern, dass der Fall sich hochschaukelt. Bis der Minister (Burghart Klaußner) persönlich die Klasse zusammenbrüllt und nach Rädelsführern fragt.

Der Druck wächst sich zu handfester Erpressung aus, doch die Schüler knicken nicht ein vor den kalten Apparatschiks. Fast alle werden in den Westen flüchten. Ein starker Film über Anstand, Zivilcourage und eine Jugend mit Prinzipien.